Die Toningenieurin Eva Bauer-Oppelland hat im Ludwigsburger Caligari berichtet, wie das damals war in Köln. Foto: Leif-H.Piechowski (Archiv)
Ein Desaster drohte das Kölner Konzert des Jazz-Pianisten Keith Jarrett zu werden. Tatsächlich wurde es Kult und Legende. Entscheidend mitgemischt haben die kaum weniger legendären Ludwigsburger Bauer Studios. Eva Bauer-Oppelland war damals hautnah dabei.
Georg Linsenmann
13.04.2025 - 11:59 Uhr
„Endlich.“ Nur dieses eine Wort sprach Eva Brandes, die Organisatorin des berühmten Kölner Konzertes, als sie darüber informiert wurde, dass ein Kinofilm über dieses Ereignis aus dem Jahr 1975 gedreht werden soll. Dicke Ausrufezeichen werden Jazz-Fans hinter dieses eine, so vielsagende Wort setzen, wenn sie den Streifen gesehen haben, der jetzt im Ludwigsburger Caligari angelaufen ist. Denn „Köln 75“ ist ein absolut packendes, unterhaltsames Stück Kino.
Erzählt wird, wie dieses berühmte Solo-Konzert des Pianisten Keith Jarrett, das am 24. Januar 1975 in der Kölner Oper stattfand, von der damals 18-jährigen Eva Brandes ins Werk gesetzt. Wie chaotisch es rund um dieses, wie es im Film heißt, „fucking desaster concert“ zuging – und wie sehr alles wegen eines falschen und schlechten Flügels bis zum letzten Moment am einem seidenen Faden hing.
Es ist die Geschichte der unbedingten Leidenschaft einer jungen Frau, die alle Hindernisse wegräumt. Und es ist in der Auseinandersetzung zwischen Kriegs- und Nachkriegsgeneration auch ein Stück Zeitgeschichte mit dem Aus- und Aufbruch in eine liberale Gesellschaft. Und selbstredend ist es eine Hommage an diesen so außergewöhnlichen Musiker. Mit faszinierenden Einblicken in dessen schöpferische Grunddisposition, und wahrlich erhellend und berührend in der sich entwickelnden Nähe zu einer „very privat person“.
Nicht erzählt wird darin die Geschichte von der Aufnahme des Konzertes durch die Bauer Studios, die nicht minder am seidenen Faden hin. Im Film gibt es dazu nur knappeste Sätze: „Martin kommt, wir nehmen auf.“ Den Satz flüstert Manfred Eicher beinahe, denn Jarretts Produzent weiß, dass der Pianist auch hier den Daumen senken könnte. Schnell fügt er hinzu: „Wir werden es nicht veröffentlichen.“
Basis des größten Jazz-Erfolges ever
Jarretts Schweigen darf er als Zustimmung nehmen, und so kann Toningenieur Martin Wieland vom Tonstudio Bauer, wie da noch der Firmenname war, seinen Job machen: Basis des größten Jazz-Erfolges ever.
Ikonisches Cover: das Köln Concert gibt’s auch als Noten. /Hans Jörg Wangner
Die Geschichte der Aufnahme erzählte nun Eva Bauer-Oppelland vor dem Filmstart im Caligari. Sie war als Assistentin dabei, hatte damals in Düsseldorf Toningenieurin studiert und war für den Tag von ihrem Vater Rudolf Bauer rüber nach Köln gebeten worden als „tape operator“. Mit einer „mobilen Apparatur und kleinem Besteck“ sei die Aufnahme gemacht worden, bestehend aus „einem schweren Neumann-Mischpult mit acht Ein- und zwei Ausgängen für die Stereo-Aufzeichnung mit einer Telefunken M5- Bandmaschine“. Und schon damals habe man „edle Mikrofone“ benutzt.
„Große Aufregung und Verzweiflung“
„Nicht viel Technik“, merkte Hans-Dieter Huober vom Verein „Klangkultur“ an, der Bauer-Oppelland im Caligari befragte. „Na ja“, stellte sie fest, „wenn man gut mikrofoniert, eine gute Akustik hat und wenn man weiß wie man es macht, dann kann man nicht so schrecklich viel falsch machen“. Sie hat die „große Aufregung und Verzweiflung“ angesichts des desaströsen Flügels mitbekommen. Und auch, wie zwei Klavierstimmer diesen „Bonsai-Bösendorfer, den Übe-Flügel des Damenchores“, während der „Lulu“-Aufführung, nach der das Konzert stattfand, „diesen Schrottflügel wirklich gut hinbekommen haben“.
Bauer-Oppelland muss eine Träne wegwischen, als sie von dem Moment berichtet als Jarrett „auf die Bühne kam und einfach alles vergessen hat“. Sie hatte sich jetzt die Aufnahme extra „zweimal reingezogen“ und festgestellt: „So schlecht klingt es nicht“, was im Publikum Heiterkeit zeitigte. Zudem habe sie nochmals mit dem Toningenieur Michael Wieland telefoniert und sie seien sich einig gewesen: „Das Pedal, das kaputt war und Geräusche verursachte, das hat Jarrett als Percussion eingesetzt. Man kann das hören, wenn man es weiß. Man hört, wie das Pedal im Takt mitklackt.“
Im Übrigen stimme es auch nicht, das Jarrett „nur in der mittleren Lage gespielt“ habe. Dieser „Minimalismus“ gilt gemeinhin als zentrales Moment für den Erfolg des Konzertes. Tatsächlich sei zu hören, wie der Pianist „Läufe gespielt hat und im ersten Teil ziemlich weit raufgegangen ist“.
Keine halbe Stunde war Zeit gewesen für Aufbau und Soundcheck. Das Geheimnis der gelungenen Aufnahme? „Zwei Mikrofone an der richtigen Stelle.“ Im Studio selbst „wurde nicht mehr viel gemacht. Es wurde noch ein bisschen Hall draufgemacht, das war die ganze Bearbeitung.“ Hans-Dieter Huober schloss: „Chaotische Zustand, aber laute Profis. Und rauskommt ,Köln 75‘ – die meistverkaufte Jazz-Platte überhaupt.“