Den Überblick über dieses Stoff-Labyrinth wahrt Diana Eckmann. Die 53-Jährige hält als Kostüm-Produktionsleiterin die Fäden zusammen, damit kein Tänzer bei Premieren nackt auf der Bühne steht. Wie bei den „Nussknacker“-Kostümen ist sie von den ersten Skizzen an ins Aussehen eines Tanzstücks involviert. „Ich glaube, ich habe in den vergangenen zwei Jahren mehr Zeit mit Jürgen Rose verbracht als mit meinem Mann“, sagt Diana Eckmann beim Weg durch die Flure und lacht. Sogar eine Stoffmesse hat sie mit dem Bühnenbildner in München besucht, um ideale Materialien zu finden.
Kostüme zeichnen Charaktere
Begeistert streicht Diana Eckmann über die tiefroten Samtblumen auf einem der Biedermeierkleider. Unter dem transparenten Stoff sorgen zwei Lagen an Unterröcken für Volumen. „In Bewegung ergibt das ein schönes Farbspiel“, sagt Diana Eckmann. Die Rosen seien dunkler überfärbt, damit sie besser zum Charakter passen. „Wie soll die Figur sein – spießig oder eher überkandidelt?“, erklärt die Produktionsleiterin die Ausgangsfragen und sagt: „Es macht großen Spaß, bei diesen Überlegungen dabei zu sein.“
Spaß hat ihr die Zusammenarbeit mit Jürgen Rose auch aus einem anderen Grund gemacht. „Sein Ansatz ist immer in der Historie verankert. Das macht zwar irre viel Arbeit, ist aber für jemanden wie mich ein Segen, weil man in der ganzen Vielfalt des Kostüms schwelgen kann“, sagt Diana Eckmann. „Das ist genau das, was man sich wünscht, wenn man in diesem Bereich arbeitet.“
Neues Leben für alte Fliegerkappen
Von der Kostenkalkulation über die Materialbeschaffung bis zur Dokumentation des fertigen Kostüms begleitet Diana Eckmann ein Projekt und ist Schnittstelle für viele Gewerke. An den Hüllen der Kamele etwa, die nun schlaff im Repertoiremagazin lagern und die abends vier Tänzer mit Leben füllen, haben Kunstgewerbe, Modisterei und Deko-Abteilung mitgewirkt, wie Diana Eckmann aufzählt. Für die Köpfe der Käfer-Kinder fanden sich im Fundus alte Fliegerkappen, die in der Modisterei mit Fühlern versehen und im Malsaal mit Farbe aufgepeppt wurden.
Bei Umbesetzungen sortiert Diana Eckmann Kostüme um
Auch nach der Premiere ist die Produktionsleiterin gefragt. „Wenn es spontan Umbesetzungen gibt, dann schaue ich, was für wen vorbereitet werden muss“, sagt sie. Überhaupt achtet sie darauf, dass die Kleiderständer für die „running shows“ am Abend richtig bestückt sind: Hinter den Reitern mit den alphabetisch sortierten Namen finden sich die Kostüme für jede Gruppentänzerin in der Abfolge ihrer Auftritte. „Alle anderen kleiden sich auf Bühnenebene um“, erklärt Diana Eckmann, warum man beim Rundgang auf der Etage ihres Büros nur auf Damenkleider für das Corps de Ballet trifft.
Als Bindeglied zwischen Tänzern und Schneiderei bekommt die Produktionsleiterin auch Rückmeldung über den Zustand der Kleider und anfallende Reparaturen. Da Kostüme beim Stuttgarter Ballett oft jahrzehntelang im Einsatz sind, werden Materialien schon mal porös. „Dann kommt aus den Garderoben die Anfrage bei mir an, ob ein Kostümteil ausgetauscht werden kann.“ Diana Eckmann, die seit 2001 als Produktionsleiterin Kostüm für das Stuttgarter Ballett arbeitet, kann für einen solchen Fall auf ihre Dokumentation zurückgreifen: Hinter ihrem Schreibtisch im Anprobenraum findet sich eine Regalwand mit vielen Ordnern, allein „Mayerling“ füllt neun davon. Für jedes neue Kostüm legt die Produktionsleiterin ein Inventar an, von der Figurinen-Skizze über Materiallisten, Stoffproben und Bezugsquellen bis hin zu Fotos, die das Kleidungsstück in vielen Ansichten an einem Tänzer dokumentieren. In einem Barcode ist die Vita eines jeden Stücks hinterlegt.
Aufwand für kommende Generationen
Unterwegs zu Diana Eckmanns Büro kommt man an Gitterwagen vorbei, die kommende Produktionen ankündigen; „Kameliendame“ steht an einer Stoffballen-Fuhre. Drei Monate vor der Wiederaufnahme, so Eckmann, begännen die Anproben, um genügend Zeit für Anfertigungen und Reparaturen zu haben. Auch dass Material dafür zur Verfügung steht, fällt in ihre Verantwortung.
„Ich arbeite an einer Schnittstelle zwischen Theorie und Praxis und in engem Kontakt mit den Darstellern. Bei jeder Anprobe freue ich mich, wie aus einer Skizze auf Papier Realität wird“, beschreibt Diana Eckmann das, was sie an ihrer Arbeit begeistert. Die hohe Qualität der Werkstätten trägt dazu bei. „Es ist schön zu wissen, dass sich der große Aufwand lohnt und noch viele weitere Generationen Freude an diesen Produktionen haben werden.“
Von der Nähmaschine auf die Bühne
Ausbildung
Diana Eckmann hat in einem kleinen Atelier in Freiburg eine Schneiderlehre gemacht. Dass das Theater ihr Ziel sein würde, wusste sie früh: „Ich habe vor der Ausbildung am Theater hospitiert und sofort eine Affinität gespürt“, sagt sie. In Hamburg schloss sie eine Spezialausbildung zur staatlich geprüften Gewandmeisterin an. „Dabei bekommt man Einblick in alles, was später im Arbeitsalltag auf einen zukommen könnte“, so Eckmann.
Karriere
Als Aushilfs-Gewandmeisterin kam Diana Eckmann für die Opernproduktion „Don Carlos“ an die Stuttgarter Staatstheater; eine Schwangerschaftsvertretung brachte sie 2001 als Produktionsleiterin Kostüm zum Ballett.
Mode
„Mir hat gefallen, mit einem Kostüm einen Bühnencharakter zu verstärken“, antwortet Diana Eckmann auf die Frage, warum sie als junge Schneiderin nicht die Modebranche wählte – und ergänzt: „Auch das Theater ist der Mode und dem Zeitgeist unterworfen. Alle Kostümbildner sind vom Leben inspiriert.“
Termin
Wer ein von Diana Eckmann begleitetes Kostüm erwerben will, kann das vielleicht am 7. Januar tun: Von 10 bis 14 Uhr bietet der theatereigene Fundusladen im Zentrallager (Zuckerfabrik 19) Kostüme, Stoffe und Accessoires zum Verkauf.