Bis zu 16 Meter Stoff stecken in jedem Kostüm für die Auftaktpremiere im Alten Schauspielhaus. Schneidermeisterin Denise Pelludat hat alle Hände voll zu tun. Foto: /Julian Rettig
Von wegen Sommerpause: Im Alten Schauspielhaus rattern die Nähmaschinen. Für die drei Damen daran wird gerade ein Traum aus Spitze, Schleifen und Seidenstoffen wahr.
Von außen betrachtet wirkt es so, als ruhten die Theater in der Stadt noch im Sommerschlaf. Doch wer aufmerksam ist, hört aus geöffneten Fenstern, dass schon fleißig an der nächsten Spielzeit gearbeitet wird. Nähmaschinen surren zum Beispiel in einem oberen Stockwerk in der Marienstraße. Die Kostümabteilung der Schauspielbühnen ist hier untergebracht. Für die Auftaktpremiere der Spielzeit im Alten Schauspielhaus, das mehr oder weniger gegenüber liegt, werden hier gerade zig Meter Stoff in prächtige Rokoko-Roben verwandelt.
Sehr viel Arbeit haben sich Petra Kupfernagel, die Leiterin der Kostümabteilung, und ihre beiden Kolleginnen Sabine Kantimm und Denise Pelludat vorgenommen – und das mehr oder weniger freiwillig: Denn die Damenschneidermeisterinnen wollten für die dritte Stuttgarter Inszenierung von Ulrich Wiggers, die erneut mit Kostümen einen möglichst detailgenauen historischen Rahmen schafft, nicht wieder nur die Herren neu ausstatten.
Roben, die wie Rüstungen wirken
Wurden für „Cyrano de Bergerac“ und „Kabale und Liebe“ die Rüschenroben für die Damen von anderen Theatern ausgeliehen und lediglich angepasst, hatten die drei aus der Kostümabteilung für die Premiere von „Gefährliche Liebschaften“ ihren Wunsch klar formuliert. „Bei diesem Stück wollten wir unbedingt die Damenkostüme selber nähen“, sagt Sabine Kantimm. Das Drama um Macht, Manipulation und Moral soll als literarisches Sittengemälde aus dem Frankreich des ausgehenden 18. Jahrhunderts auf die Bühne kommen.
An einer Wand hängen die Entwürfe von Leif-Erik Heine. Foto: lg/Julian Rettig
Wer sich drei Wochen vor der Premiere an ihrem Arbeitsplatz umschaut, kann die Schneiderinnen gut verstehen: Zwei der insgesamt zehn Damenkostüme warten bereits auf die letzten Handgriffe und sehen schon jetzt top aus, auch wenn Details wie Bordüren oder Säume noch fehlen. Die Länge der Röcke etwa, erklärt Denise Pelludat, werde ganz zum Schluss angepasst. Die Schneidermeisterin hat den Stoff und die Spitzen für das sattgelbe Gewand der Marquise de Merteuil, das vier Schleifen auf dem Brustlatz schmücken, sogar selbst eingefärbt.
16 Meter Stoff stecken in dieser Robe. Foto: lg/J/ulian Rettig
Bis zu 16 Meter Stoff stecken in den Kleidern. „Fast alles reine Seide!“, unterstreicht Denise Pelludat und zeigt an einem petrolfarbenen Exemplar, an dem sie Rüschen, Über- und Unterrock aufblättert, wo das Material hingeht. „Wir haben den Rock mit einer Lage Stoff unterlegt, damit er wirklich gut fällt“, sagt sie. Fast wie eine Rüstung wirkt die Robe. Sie sollen Fassaden aufbauen, erklärt der Ausstatter Leif-Erik Heine die Intention seiner Entwürfe, die an einer Wand in der Kostümabteilung einen ersten Eindruck vermitteln. „Die Charaktere des Stück spielen einander etwas vor und lassen sich nicht in die Karten schauen.“ Deshalb sollten die Kostüme auch nicht zu viel von der Persönlichkeit vorwegnehmen.
Ausstatter Leif-Erik Heine mit einem Herrenkostüm, das ausgeliehen wurde Foto: lg/Julian Rettig
„Selbstverständlich lesen wir die Stücke vorher“, sagt Petra Kupfernagel. „Zu diesem gibt es auch einen schönen Film“, spielt sie auf Stephen Frears prominent besetzten Film nach Choderlos de Laclos‘ Roman an. Nicht erst im April wie normalerweise, sondern bereits im Februar haben die Schneiderinnen die Arbeit für die Auftaktproduktion begonnen. Maßnehmen, Schnitte anfertigen, Details recherchieren, nach passenden Accessoires suchen: Historische Kostüme erfordern mehr Aufwand und mehr Anproben. Um das kleine Team beim Endspurt zu entlasten, sind derzeit Pascal Hering, ein junger Maßschneider, und Catrin Brendle als Aushilfe mit im Boot und freuen sich über die ungewöhnliche Aufgabe.
Polster, die Brüste nach oben pressen
Auch die Schauspielerinnen seien begeistert von den aufwendigen Roben, freuen sich die Schneiderinnen übers erste Feedback. Wer in der sommerlichen Hitze eines Augustnachmittags im Geist die vielen Schichten addiert, die sie von den miederartigen Blusen bis zum glänzenden Oberkleid anlegen werden, bekommt allerdings eher Mitleid. Da kommen einige Kilos zusammen, wie das Kostüm-Team bestätigt. Auch die Polster, die die Brüste nach oben pressen, sehen wenig bequem aus. Vor allem die Unterkonstruktion der historischen Kleider, die die Hüften überbetont und aus feinen Metallstäben gefertigt wurde, dürfte die Trägerinnen herausfordern. Dieser Unterbau ist vom eigentlichen Kleid getrennt, um ein schnelles Umziehen zu ermöglichen. „Damit kommt man durch keine Tür“, sagt Sabine Kantimm, lacht und ergänzt: „Wir haben Probenkostüme angefertigt, damit sich die Schauspielerinnen an die auskragenden Röcke gewöhnen können.“
Zwischen Sabine Kantimm, Petra Kupfernagel und Denise Pelludat (von links) steht Aushilfsschneider Pascal Hering. Foto: lg/Julian Rettig
Ein Unterbau lässt die Röcke breit fallen. Foto: lg/Julian Rettig
Viel Material und bis zu 70 Stunden Arbeit stecken in einem Kleid. Foto: lg/Julian Rettig
Das Bühnenbild, das über Treppen eine zweite Ebene bespielt, ist auch für die historischen Kostüme eine Art Stresstest. Damit wirklich alles perfekt sitzt, ist jeweils eine der Schneiderinnen an jedem Abend der Endproben dabei. Bei der Premiere darf dann das ganze Team hunderte Stunden Arbeit im Scheinwerferlicht glänzen sehen.
Bitte nicht waschen!
Premiere „Die gefährlichen Liebschaften“ sind erstmals am 13. September im Alten Schauspielhaus zu sehen. Die Inszenierung von Ulrich Wiggers steht bis zum 19. Oktober auf dem Spielplan.
Pflege „Gewaschen werden sie nicht, nur über meine Leiche“, antwortet Petra Kupfernagel auf die Frage, wie historische Theaterkostüme frisch bleiben. Immerhin: Einmal in der Woche gehen sie in die chemische Reinigung; zwischendurch werden sie mit einer Mischung aus Wodka und Wasser besprüht. „Der Alkohol tötet die Bakterien und stoppt so Gerüche“, erklärt die Leiterin der Kostümabteilung.
Stück Der britische Dramatiker Christopher Hampton adaptierte den 1782 erschienene Briefroman „Les liaisons dangereuses“ fürs Theater und verfasste auch das Drehbuch für die berühmte Verfilmung von Stephen Frears. Übersetzt haben die Bühnenfassung Alissa und Martin Walser.