Hinter den Kulissen Udo Spiller hat den Überblick im Zentrallager der Staatstheater
Udo Spiller und sein Team sorgen im Zentrallager der Stuttgarter Staatstheater dafür, dass jedes Ding rechtzeitig auf der Bühne ist.
Udo Spiller und sein Team sorgen im Zentrallager der Stuttgarter Staatstheater dafür, dass jedes Ding rechtzeitig auf der Bühne ist.
Das Zentrallager der Staatstheater ist wie ein Universum, aber ein sehr gut geordnetes. Welten kreisen hier nicht umeinander, sondern ruhen in ihre Einzelteile zerlegt in einem der 574 riesigen Regalschuber. Was sich auf der Bühne mit Theaterzauber als Kunstwelt behauptet, ist auf dem Gelände der ehemaligen Zuckerfabrik nurmehr eine Nummer im gigantischen Hochregallager, fein zerlegt und in acht oder vier Meter lange, Lkw-konforme Rollwagen verpackt. Die stehen in 14 Meter hohen Regalen, jedes fahrbar, um die 18 000 Quadratmeter Lagerfläche optimal auszunutzen.
Sogar an gerade entstehende Bühnenwelten ist gedacht: „Nussknacker“ verweist ein Schild auf einem fast leeren Metallbehälter auf die wichtigste Ballettpremiere in der nächsten Saison, immerhin ein paar künstliche Tannenbäume liegen schon darin.
Udo Spiller heißt der Herrscher über dieses Universum. Vor mehr als dreißig Jahren war der gelernte Lkw-Fahrer selbst berufsbedingt ständig auf Achse. Dann kam der alleinerziehende Vater auf der Suche nach einem sesshafteren Leben zu den Staatstheatern. Dass er große Fahrzeuge lenken kann, bleibt auch in Zeiten eines Zentrallagers von Vorteil. Täglich sind er oder seine Mitarbeiter zwei bis drei Mal mit einem der drei Sattelzüge zwischen Talkessel und Hallschlag unterwegs. Und dass einen wie ihn die mit maximal 3,8 Tonnen Kulissenteilen beladenen Rollwagen in ihrer Dimension nicht erschrecken, ist ebenfalls von Vorteil. „Bei 56 Plätzen pro Regal bewegen sich da 250 Tonnen auf Knopfdruck“, sagt der Lagerleiter.
Was Udo Spiller dann sagt, verblüfft zuerst einmal: „Wir haben hier eine chaotische Ordnung.“ Gemeint ist damit jedoch, dass Stücke keinen Stammplatz haben, sondern einsortiert werden, wo gerade eine Lücke ist. Vielleicht wartet ja die Schauspiel-Produktion „Vögel“ noch darauf? Stühle, Koffer, Krankenbett, ein Infusionsständer, Sofagestell und Polster stehen in einem Wagen aufgestapelt im riesigen Gang.
Lesen Sie aus unserem Angebot: https://www.stuttgarter-zeitung.de/gallery.blick-in-die-werkstaetten-in-der-maske-der-stuttgarter-staatstheater.0b9d2eb9-555d-46ae-b650-ddd1f1e6d5c3.html
Eine Tafel am Eingang mit runden Metallmarken wahrt den Überblick, parallel wird elektronisch Liste geführt, auch über den Inhalt der Regalwagen. Doch das heißt nicht, dass jeder Ausstatter sich nach Gusto bedienen darf. „Alles für eine Vorstellung soll grundsätzlich zusammenbleiben“, sagt Udo Spiller und meint auch die Requisiten, die „vom Kaffeelöffel bis zum nicht fest installierten Schrank“ in einer Halle nebenan vorstellungsbezogen lagern. Nur eine Ausnahme kennt er: Für Calixto Bieitos Inszenierung von „Platée“ werden so viele Lampen benötigt, dass auch der Lüster aus John Neumeiers Ballett „Endstation Sehnsucht“ regelmäßig einen Gastauftritt auf der Opernbühne hat.
Mit 14 Wagenladungen steht Philipp Stölzls drehbarer „Fledermaus“-Salon auf der Rekordliste ziemlich weit oben, mit acht fällt Demis Volpis Ballett „Krabat“ auf, das aus Mehlsäcken gebaute Mühleninterieur ist allerdings gerade leihweise nach Düsseldorf gerollt. Wie viele Repertoire-Stücke kann ein Theater überhaupt vorhalten? Für Kulissen und Requisiten von 45 Opern-, 35 Ballett- und bis zu 30 Schauspielproduktionen wurde das 2006 eröffnete Zentrallager konzipiert. Eine zerlegte Operninszenierung brauche im Schnitt rund acht Rollwagen, die für Ballett und Schauspiel kämen mit drei aus, erklärt Spiller die Platzkalkulation.
Der Weg von der großen Regalhalle zu den Lagern für Kostüme, Requisiten, Instrumente, Maske und mehr führt über die Montagehalle. Hier können Bühnenbilder komplett aufgebaut werden, um Opern- und Schauspielhaus zu entlasten. Momentan hat die Schreinerei ihre Arbeit an den riesigen Nüssen hierher ausgelagert, die nach den Plänen von Ausstatter Jürgen Rose im nächsten Winter durch den „Nussknacker“ schweben sollen. Der Raum ist extrem hoch, um auch die Wirkung großer Prospekte testen zu können.
Wer mit Udo Spiller durch den Requisiten- und Kostüm-Fundus spaziert, darf sich wundern: Straßenanzüge, Sessel, Stiefel, Stofftiere lagern hier kilometerweise. Acht Mitarbeiter in der Lagerlogistik, zwei im Requisitenfundus und sechs im Kostümfundus sorgen dafür, dass der Kunst der Stoff nicht ausgeht und auch spontan bis 19 Uhr verfügbar ist. „Ist ein Stück abgespielt, dann schrauben wir ab, was wiederverwertbar ist und arbeiten die Requisiten in den Fundus ein“, erklärt Udo Spiller. Der Rest wird entsorgt. Dieses Schicksal wünscht man insgeheim auch einem Container, der im Zentrallager steht, als ob er auf seinen nächsten Einsatz warte: Das Häuschen für Coronatests und 3-G-Kontrollen will keiner zurück am Eckensee.
Markt
Damit der Fundus nicht überquillt, gab es vor der Pandemie am Zentrallager regelmäßig einen Kostümverkauf an jedem ersten Samstag im Monat; im Oktober soll er wieder starten.
Material
Ob Stoffreste aus der Kostümabteilung oder Deko aus dem Malsaal: Solange eine Inszenierung nicht abgespielt ist, wird im Archivlager Material für mögliche Reparaturen gelagert.
Planung
15 Millionen Euro kostete das Zentrallager, das in nur 11 Monaten errichtet worden war. Es ging 2006 in Betrieb und steht auf dem Gelände der ehemaligen Zuckerfabrik im Hallschlag. Der Gebäudekomplex soll im Zuge der Opernhaussanierung noch einmal erweitert werden, um die Flächen im Stadtzentrum zu entlasten.