Wäre es eine Preisfrage in einem TV-Quiz, kann man sicher sein, dass die Kandidaten kichernd abwinken würden: Im Kunstmuseum Stuttgart muss jede einzelne Leuchtstoffröhre vor dem Einbau in die Deckenbeleuchtung im Keller mehrere Tage vorglühen. Wahr oder falsch, Fangfrage oder Scherzfrage?
Rund 4000 Leuchtstoffröhren hängen an den Decken
Natürlich falsch, würde man meinen, denn im Zeitalter von LED und Hightech kann sich kaum noch jemand daran erinnern, wie störanfällig Neonröhren waren, die früher an jeder Küchendecke hingen und mehrere Minuten benötigten, bis sie sich eingeleuchtet hatten. Der Volksmund spricht von Neonröhren, die mehr als 4000 Leuchtmittel, die in Kunstmuseum Stuttgart an der Decke hängen, nennen sich korrekt Leuchtstoffröhren – und ja, für sie gibt es tatsächlich einen Leuchtstoffröhrenanbrennraum. Und der befindet sich im Keller des Kunstmuseums Stuttgart.
Das Gas hat unterschiedliche Farbtöne
Es ist eine wahrlich kuriose Angelegenheit, aber es ist wahr: Bevor neue Röhren in den Ausstellungsräumen zum Einsatz kommen können, werden sie eingebrannt. Zwei volle Tage müssen sie dazu unter voller Spannung stehen. Das hat einen ästhetischen Grund, denn je nach Produktionsreihe haben die Röhren unterschiedliche Farbtöne. In den Ausstellungsräumen sind die Röhren auf zwanzig Prozent gedimmt ist. „Nur wenn sie zwei Tage lang unter voller Spannung brennen, bekommt das Gas die gleiche Farbigkeit“, sagt Rudi Schweizer.
Rudi Schweizer leitet die Gebäudetechnik im Kunstmuseum Stuttgart und hat bei seinen jüngsten Rundgängen durchs Haus festgestellt, dass es allmählich wieder Zeit wird für einen Röhrentausch. Als Besucher muss man schon sehr genau hinschauen, denn die Röhren befinden sich in den Lichtdecken der Ausstellungsräume. In jedem Saal ist eine weiße Folie verspannt, die ein gleichmäßiges Licht auf die Werke wirft. Für Kunst ist das die perfekte Beleuchtung. „Die Decken sind für uns ein Traum, weil es keine Schattenbildung gibt“, sagt Schweizer, „bei Strahlern muss man dagegen aufpassen, dass die Besucher keine Schatten werfen.“
Beim Einbau wusste man um die Probleme
Als das Kunstmuseum 2005 vom Berliner Architekturbüro Hascher + Jehle gebaut wurde, galten Leuchtstoffröhren als das energieeffizienteste Leuchtmittel im Gebäude. Schon damals war allerdings klar, dass die Röhren unterschiedliche Farbtöne haben, was man durch die strahlend weißen Folien sehen würde. „Das war beim Einbau bekannt“, sagt Schweizer. Aber erst beim ersten Austausch stellte sich die Frage, wie man das Problem lösen kann. Schweizer und sein Team hatten eine Idee: Die Einrichtung des Leuchtstoffröhrenanbrennraums. „Den haben wir uns ausgedacht.“
Knallhell und arbeitsintensiv
4000 Röhren müssen in dem kleinen Kämmerchen im Keller vor dem nächsten Tausch nun wieder eingebrannt werden. Es wird sehr, sehr hell im Anbrennraum, in dem hundert Röhren gleichzeitig vorglühen können, wozu an einer Wand eine Fassung unter der nächsten montiert wurde. Am Boden stapeln sich die ersten Pakete. Die Röhren werden in Kartons à 25 Stück geliefert. Zwei Techniker wechseln sich ab mit dem Einsetzen. „Das ist kein Hexenwerk“, sagt Rudi Schweizer, „das kann jeder.“ Aber man muss es eben machen – und es kostet Zeit, bei 1000 kürzeren und 3000 langen Röhren das perfekte Licht herauszukitzeln. Erst wenn man damit durch ist, kann die Spezialfirma anrücken, die die Leuchtdecken öffnet. Denn um die Folien zu entfernen und wieder faltenfrei zu verspannen, sind Experten nötig.
Alle vier Jahre steht ein Röhrenwechsel an, durch das Dimmen halten die Röhren immerhin doppelt so lang wie üblich. Die Mannschaft wandert beim Wechsel sukzessive durchs Museum. Sieben, acht Einsätze sind nötig, die mit dem Ausstellungsbetrieb genau abgestimmt sein müssen. Nach einem Vierteljahr haben Schweizer und seine Kollegen es dann geschafft.
Der Kunst wäre volle Leistung zu hell
Theoretisch könnte man die Röhren auch in den Sälen einbrennen. Dazu müsste allerdings die Kunst vorher abgebaut und abgehängt werden, da sie nicht mehr als fünfzig Lux verträgt und bei zwei Tagen unter 500 Lux Schäden erleiden könnte. Aber auch dem Publikum will man naheliegenderweise nicht zumuten, dass über Monate hinweg immer wieder Ausstellungsräume geschlossen werden, nur damit die Leuchten in Schwung kommen.
Das Publikum merkt von alldem nichts – oder?
Deshalb wird es in den kommenden Wochen weiterhin sehr hell im Leuchtstoffröhrenanbrennraum sein, in dem die Techniker Röhre für Röhre einsetzen, einbrennen und wieder einpacken müssen. Rudi Schweizer geht davon aus, dass noch in diesem Jahr ein kompletter Austausch nötig sein wird. Deshalb lohnt es sich, beim nächsten Besuch des Kunstmuseums Stuttgart auch mal einen Blick an die Decke zu werfen. „Wenn in der Decke zwanzig Röhren kaputt sind, merken Sie das gar nicht“, sagt Schweizer. Aber mit kritischem Blick schafft man es vielleicht doch, wie der Experte auszumachen, wo sich Röhren bereits verabschiedet haben.