„Das ist mein Zen-Garten“, sagt der 41-jährige Benjamin Volk. Er ist der Ziehvater der Seepferdchen, genauer das langschnäuzige Seepferdchen oder auch Hippocampus Reidi genannt. Ein Besuch hinter den Kulissen des Zoos in seinem Seepferdchen-Kindergarten lässt eintauchen in eine andere Welt. Die des tropischen Salzwassers, die Volk seit sechs Jahren betreut. Entsprechend feucht-warm ist es. Im Kindergarten stehen viele Aquarien gefüllt mit speziellem mit Salz angereichertem Wasser, das in der Wilhelma hergestellt wird. In einigen schwimmen Seepferdchen.
Bei Geburt sieben bis elf Millimeter groß
Die Tiere faszinieren Volk wegen ihres „besonderen Aussehens, ihrer Sanftheit und des Sozialverhaltens“. In einem Becken wuselt es nur so von kleinen Tierchen. Es sind etwa 100 bis 200, schätzt der Tierpfleger. Das Alter weiß er genau: „Sie sind zwei Tage alt.“ Und etwa sieben bis elf Millimeter groß. Aber sie sind schon kleine Seepferdchen, vollkommen fertig ausgebildet und können auch schon Plankton fressen. „Die roten Bäuche, das ist das Plankton“, zeigt Volk und strahlt. Und den fressen die Tierchen den ganzen Tag über, damit sie groß werden.
Wie Seepferdchen aussehen, wenn sie größer sind, zeigen die anderen Aquarien. Dort leben die etwas älteren Tiere in der Herde. „Seepferdchen leben monogam in der Natur, in Zoos gibt es auch mal Seitensprünge unter den Weibchen“, sagt der Experte mit einem Augenzwinkern. Bei der Partnersuche achten die Tiere darauf, dass sie etwa gleich groß sind. Wenn sie sich paaren sind sie etwa ein dreiviertel Jahr alt und schon etwa acht Zentimeter groß.
Erst kommt der Balztanz im Kreis
„Wenn sich zwei gefunden haben, vollführen sie meist morgens gemeinsam Tänze.“ Getanzt wird jeden Tag. Dabei halten die Tiere ihre Schwänze umschlungen. Und falls der Partner stirbt, trauern sie und haben eine zeitlang keinen Partner. Seepferdchen sind durchgängig das ganze Jahr über fruchtbar. Nachwuchs gibt es, wenn die Paare einen Balztanz im Kreis vollführen. Dann übergibt das Weibchen dem Männchen die Eier, die in einer festen Hülle sind. Das Männchen befruchtet sie mit seinen Spermien und lässt sie bei sich heranwachsen. „Dazu wächst an seinem Bauch plazentaähnliches Gewebe“, berichtet der Experte. Dieses ist sauerstoff- und nährstoffreich. Zudem bilden die Männchen in der Tragephase das Hormon Prolaktin, das die Eihülle auflöst. Bei der Auflösung gibt es einen Austausch mit Meereswasser. „Das erleichtert für die heranwachsenden Tiere den Übergang ins Meer.“
Nach zwei Wochen verlassen sie die Bauchtasche des Vaters
Nach zwei Wochen Wachsen verlassen die Seepferdchen die Bauchtasche des Vaters und kommen voll entwickelt ins Freie. Und dann sind die sieben bis elf Millimeter großen Tiere auf sich selbst gestellt. So, wie gerade die etwa 200 Tierchen. „Die Herde dünnt sich anfangs etwas aus, auch zwischen dem Tag fünf bis sieben.“ Das bedeutet, nicht alle überleben. Damit es den Tieren gut geht, macht er jeden Tag die Becken im Kindergarten mit einem Schlauch ganz vorsichtig sauber. Damit kein Tierchen verloren geht, hat er eine Kelle, mit der er den Nachwuchs herausfischen kann. „Das ist meditativ“, sagt er. Zu fressen bekommen der Kindergarten-Nachwuchs Brachionus-Zooplankton. Mit einem Sieb gibt er die Nahrung ins Becken, derzeit zweimal am Tag „eine ordentliche Wolke“. Haben alle rote Bäuche, ist Volk zufrieden. Dann haben die Tiere gefressen und sind gesund. Nach zweieinhalb bis drei Monaten sind die Tiere drei bis vier Zentimeter groß und damit für das bloße Auge leichter zu erkennen. Sie bekommen dann Artemia-Salzkrebschen. „Die setzen wir selbst an.“ Und die großen Seepferdchen futtern Artemia und Mysis. Mysis sind Schwebegarnelen und sind eine Gattung von Mysid-Krebstieren. Die bekommt die Wilhelma von der Nordsee aus Büsum.
In der Natur werden Seepferdchen zwei bis fünf Jahre alt, im Zoo etwa vier bis sieben Jahre alt. Im Aquarium sind neun erwachsene Tiere im Schaukasten zu sehen. Sie sind dunkel gefärbt. In ihrer Umgebung sind Rotalgen und Gorgonie zu sehen, kein Seegras. „Das lässt sich nicht im Aquarium kultivieren“, so Volk. In der Natur kommen Seepferdchen weltweit in tropischen bis warm gemäßigten Breiten vor. Ein Teil der Tiere zählt zu den bedrohten Arten. Nicht nur das Abfischen in Asien als Nahrungs- und Potenzmittel bedrohe die Tiere, sie brauchen auch sehr sauberes Wasser. Dreck und Umweltverschmutzung sind ebenfalls schädlich für sie. In Europa gibt es die Kurzschnäuzige und Langschnäuzige und Haarige Seepferdchen. Diese besonderen Fische haben ein großes Farbspektrum von weiß bis orangegelb bis dunkelbraun. Wenn sie Stress haben, wie etwa Lärm, verfärben sie sich.
Der Tanz zweier Seepferdchen
Zwölf Jahre lang war Volk bei den Vögeln tätig, bevor er ins Aquarium wechselte. Bei den Seepferdchen fühlt er sich wohl. „Die holen mich auf den Boden zurück“, sagt der Tierpfleger. Und dann beginnen zwei Seepferdchen zu tanzen. Im Becken mit den sechs Männchen und zwei Weibchen. Die Rückenflossen des Paares schweben leicht im Wasser wie ein Flügel im Wind. „Das Wasser hat 25 Grad. Das ist super.“
Die Tiere fühlen sich wohl. Auch im Becken nebenan verfärben sie sich nicht, als Volk zwei Tiere vorsichtig anfasst, um zu zeigen, wie sie voneinander unterschieden werden können. Die Weibchen haben einen runderen Bauch, der plötzlich aufhört, bei den Männchen ist der Bauchbereich lang gestreckter und mündet in einen flachen, weichen Beutelbereich kurz vor dem Schwanz.
Faszinosum auch schon in der Antike
Seepferdchen faszinieren heute wie früher die Menschen. Schon in der Antike gab es große Seepferdchen-Fans, weiß Volk. Denn dort glaubte man, dass sie die Rösser von Poseidon gezogen hätten, weil ihr Kopf einem Pferd ähnelt. In der heutigen Zeit ist das Seepferdchen zum Symbol für das Frühschwimmer-Abzeichen. Und im Aquarium der Wilhelma freut sich der leidenschaftliche Ziehvater, dass es den Tieren gut geht, wenn sie sich langsam durchs Wasser bewegen.
Wichtig im Zusammenspiel aller
In vier Becken wartet Zooplankton. Genug, dass stets noch viele Tiere zur Welt kommen können und später an andere Zoos in Europa abgegeben werden können, damit die Tierart weiterlebt und besteht. Warum die Seepferdchen so wichtig sind in der Natur? Am Ende weiß es Volk: „Es ist das Zusammenspiel aller. Sie sind wichtiger Bestandteil im Ökosystem.“ Da sind alle wichtig, auch die, die jeden Tag zusammen tanzen und die so sensibel sind, dass das Futter an ihnen vorbeischwimmen muss, damit sie es aufnehmen können.