Wie wirkt sich die Gewalt auf den Straßen auf das alltägliche Leben aus?
Die Gewalt beschränkt sich auf einzelne Viertel, und sie beginnt jeden Abend. Die Auseinandersetzungen sind dort besonders heftig, wo pro-irisch-republikanische und pro-britisch-loyalistische Viertel voneinander getrennt sind. Es wird spekuliert, dass es demnächst auch in anderen Teilen von Belfast losgehen könnte. Das Leben geht im Moment normal weiter. Es gibt angesichts des Corona-Lockdowns ohnehin nicht viele Gründe, das Haus zu verlassen. Ich bin viel in den sozialen Medien unterwegs. Da gibt es viele Gerüchte, und es sind auch Fake-News im Umlauf.
Was steckt hinter der Wut in den protestantischen Vierteln?
Es gibt drei Gründe für den Gewaltausbruch. Zum einen sind die protestantischen Loyalisten gegen das Nordirlandprotokoll zwischen Großbritannien und der EU. Es sollte eine harte Grenze zwischen Nordirland und der Republik Irland verhindern, schafft aber eine Trennung zum Rest von Großbritannien. Protestantische Paramilitärs haben sich deshalb aus dem Karfreitagsabkommen von 1998 zurückgezogen, das den Konflikt beenden sollte. Viele Loyalisten sind außerdem empört, dass es kein Verfahren gegen Politiker von Sinn Féin gibt, die entgegen der Coronaregeln an einer Beerdigung für einen früheres IRA-Mitglied teilgenommen haben. Gleichzeitig geht die nordirische Polizei gegen eine militante protestantische Gruppe vor. Das hat das Gefühl bei Loyalisten verstärkt, dass die Gesetzeshüter die Republikaner bevorzugt behandeln. Die größte pro-britische Partei DUP hat diesen Eindruck mit öffentlichen Äußerungen auch noch verstärkt.
Die Zollkontrollen stellen für Loyalisten eine Provokation dar. Eine harte Grenze zur Republik Irland wäre für die Republikaner inakzeptabel. Was bleiben Großbritannien und der EU für Optionen, die Lage zu entspannen?
Das ist eine gute Frage. Es war klar, dass der Brexit die Funktion des Karfreitagsabkommens infrage stellt. Nur wurde dies immer ignoriert. Es gibt da keine einfache Lösung. Von allen schlechten Optionen ist die Zollgrenze zwischen Nordirland und Großbritannien immer noch die beste Variante. Der Brexit hat die Schwächen des Friedensprozesses offengelegt. Die darin vorgesehene Machtteilung zwischen den ehemaligen Konfliktparteien hat die Spaltung in der Gesellschaft eher zementiert, statt sie zu überwinden. Steht eine der beiden großen Parteien unter Druck, ist die Hetze gegen das andere Lager immer der Ausweg. Genau das passiert auch jetzt wieder. Es gibt keine Kultur des Konsenses. Das Einzige, was die EU in dieser Lage tun kann, ist weiter den Versöhnungsprozess auch finanziell zu unterstützen. Wir haben nach 25 Jahren noch keinen Weg gefunden, für extremistische Narrative empfängliche Jugendliche zu erreichen.
Schon Zwölfjährige werfen Steine und Molotowcocktails auf die Polizei. Woher kommt der Hass in einer Generation, die im Frieden geboren wurde?
Wir haben es zu einem bestimmten Grad mit einem Phänomen der Klassengesellschaft zu tun. Sowohl in den katholischen als auch in den protestantischen Arbeitervierteln ziehen die Paramilitärs die jungen Leute an. Dabei handelt es sich um kriminelle Gruppen, die sich mit politischen Anliegen Legitimität verschaffen. Wir müssten stärker in die politische Bildung unsere jungen Leute investieren. Wer jetzt Steine wirft, hat doch wenig Ahnung, was das Nordirlandprotokoll ist. Es darf auch nicht vergessen werden, dass gerade Osterferien sind. Für manche ist Krawall jetzt auch eine Freizeitbeschäftigung. Ich gehe davon aus, dass die Lage sich etwas beruhigt, wenn die Schulen wieder öffnen. Ich mache mir dennoch Sorgen, dass die Randalierer aufeinander losgehen könnten. Das ist schon zum Teil passiert. Und ich sehe niemanden in der politischen Führungsebene, der sie aufhalten kann.