Hip-Hop-Jubiläumsfest Wie die Kolchose ihre Worte fand

Von Thomas Morawitzky 

Die Ausstellung „25K“ beleuchtet im Wilhelmspalais den Stuttgarter Rap der 1990er Jahre, und auf dem Podium erinnern Schowi und Ju von den Massiven Tönen an ihre Anfänge.

Ju von den Massiven Tönen im Wilhelmspalais Foto: Lichtgut/Julian Rettig 18 Bilder
Ju von den Massiven Tönen im Wilhelmspalais Foto: Lichtgut/Julian Rettig

Stuttgart - Groß sitzt der Buchstabe K im Saal; er steht für Kolchose. Drum herum Relikte, Bücher, Platten Bilder jener Zeit, als Stuttgart seinen Hip-Hop erfand. Der hat nun auch den Weg ins Stadtmuseum gefunden, ist damit zum beglaubigten Teil Stuttgarter Geschichte geworden. Am Samstagabend sitzen zwei, die dabei waren, auf dem Podium im Wilhelmspalais und plaudern, erzählen vom Anfang, der Suche, dem Erfolg - Erinnerungen en masse.

Mutterstadt war Stuttgart für die Kolchose, das Kollektiv aus Rappern, DJs, Breakdancern, Sprayer, das um 1992 herum entstand. Die Kolchose machte, zunächst als Gegenspieler der Fantastischen Vier, den Hip-Hop aus dem Schwabenland zu einer Marke, die selbst Rappern aus Hamburg Respekt abnötigte. „Mutterstadt“ heißt auch ein Stück auf „Kopfnicker“, dem Debütalbum der Massiven Töne von 1996. Der Text zum Song steht nun auf dem großen K im Salon Sophie des Stadtmuseums, zieht sich hin über die gebrochene Seite dieses Buchstabens und wird selbst zerteilt von Zahlen, die auf die Ausstellung verweisen. „Mein Homie Max trinkt Becks“ heißt es da in einer Zeile, die mit der Ziffer 4 markiert ist; sie schickt den Besucher zu einem Ausstellungsstück, dem Textbuch, in das Max Herre seine Ideen schrieb, in dem sich auch der Entwurf zum Hit „A-N-N-A“ findet.

Die Kolchose-Ausstellung im Stadtmuseum ist ein Netzwerk: Alles verweist hier aufeinander, die Jacken, das Tonbandgerät, die Plakate, die Schallplattenentwürfe und Storyboards, die Sneaker, Sweater, Stempel, Gürtelschnallen, die Fan- und Geschäftsbriefe. Die Kolchose war ihr eigener Kosmos, brachte ihre eigene Kultur hervor. Bilder erinnern an die Radio Bar im Gebäude des früheren Stuttgarter Musikfachgeschäfts Radio Barth, und ein Plattenregal wartet darauf, sich mit Musik zu füllen.

Begonnen hat alles in Weilimdorf

Im Foyer des Wilhelmspalais, der dieser Tage Palais der Kolchose heißt, warten indes viele Gäste darauf, dass die Eröffnungsparty der Ausstellung beginnt. Sie erleben zwei coole Zeitzeugen im Podiumsgespräch mit Torben Giese, dem Direktor des Stadtmuseums, und dem Journalisten Ingmar Volkmann. João dos Santos und Jean-Christoph Ritter, genannt Ju und Schowi von den Massiven Tönen, sind gekommen, um von den Anfängen der Kolchose zu erzählen. Begonnen hat die Geschichte der beiden Rapper in Weilimdorf. „Wir waren Nachbarn“, sagt Schowi, und erzählt vom Kindertagesheim, in dem sie sich zuerst begegneten. „Als wir so zehn waren, war Breakdance sehr groß.“

Natürlich wollten beide erst amerikanische Vorbilder kopieren, und zwar, so Schowi, „nicht nur beim Tanzen, auch beim Rap“. Ihre frühen Texte schrieben sie auf Englisch. Die Geschichte der Kolchose, wie man sie an diesem Abend hört, handelt auch von der Suche nach einer eigenen Sprache, das heißt: von Selbstbewusstsein. „Hip-Hop ist immer kompetitiv“, sagt Schowi.

Mit 15, 16 Jahren waren beide unterwegs, in Deutschland. In Frankfurt, erzählt Schowi, wurde noch auf Englisch gerappt, aber ein Moderator verfiel bei seiner deutschen Ansage schon ins Reimen, in den Rhythmus. Gleichzeitig betraten die Fantastischen Vier die Szene. „Die bekamen einen Plattenvertrag und machten alles auf Deutsch. Das war nicht ganz unser Ansatz, inhaltlich und auch vom Style her, aber wir fanden das natürlich krass. Das hat uns total beeindruckt und darin bestärkt, auf Deutsch rappen zu wollen.“

Baseball-Poster und verzweifelte Mütter

Torben Giese, der die Kolchose ins Museum brachte, kommt aus Frankfurt und erzählt von eigenen Jugenderlebnissen, die Ju und Schowi schmeicheln müssen: „Für uns“, sagt er, „war Stuttgart immer die Hochburg. Wir konnten uns mit den Frankfurtern nie identifizieren. Wir waren immer hier und nicht in Rödelheim.“

Gemeinsam war beiden Städten die US-amerikanische Militärbasis, ein wichtiger Einfluss auf die Musik. Giese sieht hier eine Abgrenzung gegenüber einer Elterngeneration, die friedensbewegt gegen die USA demonstrierte. Schowi und Ju bestätigen das natürlich, erzählen von Baseball-Postern und verzweifelnden Müttern, von frühen Ausflügen zum Truppenstützpunkt und ernüchternden Erlebnissen beim Konzert von Public Enemy im LKA: „Wir konnten die meisten Texte auswendig, aber ohne zu wissen, dass Weiße die vielleicht gar nicht so toll finden.“

Später dann, als die weißen Stuttgarter einen Namen für ihre Hip-Hop-Posse, ihren „unglaublichen Zusammenschluss“ von Künstlern in der Stadt suchten, schauten sie nicht nach Westen, sondern nach Osten. Max Herre, sagt Schowi, war es, der auf den Namen Kolchose kam – „Er sagte: In den sowjetischen Kolchosen haben sie sich den Traktor geteilt. Wir teilen uns den Sampler.“

Neue Leichtigkeit

Stuttgart, der Kessel, in dem alles zusammenrollt, sollte bald zum Vorbild für andere deutsche Städte werden, auch für Berlin. „Wir wussten schon, dass das nicht die coolste Stadt in Deutschland war, auch nicht die mit der größten Musikszene. Aber wir haben aus der Not eine Tugend gemacht, auch wenn wir nicht alle die selben Styles gekickt haben.“ Die Szene fand ihre Orte – das Jugendhaus Mitte, die Radio Bar –, entwickelte eigene Strukturen, wurde schnell autark und erfolgreich. Und sie füllte die Messe Stuttgart bei einem Konzert, während Mary J. Blige, die verehrte R’n’B-Sängerin aus den USA, nicht genügend Karten verkaufte und absagen musste – für Schowi eine Erinnerung, die ihn noch immer verblüfft.

Die Sprache blieb wichtig. Mit der Kolchose kam, das stellt Ingmar Volkmann fest, eine „unbewusste neue Leichtigkeit“ in den deutschsprachigen Hip-Hop. Dahinter steckt ein Emanzipationsprozess: „Man kann rappen, wie einem der Mund gewachsen ist“, sagt Schowi. „Wir waren erst darauf bedacht, gutes Deutsch zu rappen, aber das war voll überflüssig. Fucking Hip-Hop scheißt auf Grammatik, das haben wir erst spät verstanden. Es ging darum, sich eine eigene Identität zu schaffen, kurz: aufzufallen.“ Im Foyer des Wilhelmspalais hängt am Samstagabend eine große Discokugel, und wenig später, nach einer Umbaupause, wird dort gefeiert, wie gut das gelungen ist: in Stuttgart vor 25 Jahren.