Hip-Hop von Rin, Bausa und Shindy Bietigheimer Beats

Von Anja Wasserbäch 

Die derzeit erfolgreichsten deutschen Hip-Hopper leben in der schwäbischen Provinz. Ein Treffen mit dem Rapper Rin in seiner Stammkneipe.

Rin heißt eigentlich Renato Simunovic und macht seine Musik  in Bietigheim-Bissingen. Foto: Vitali Gelwich 12 Bilder
Rin heißt eigentlich Renato Simunovic und macht seine Musik in Bietigheim-Bissingen. Foto: Vitali Gelwich

Bietigheim - Knapp 30 Minuten dauert die S-Bahn-Fahrt von Stuttgart nach Bietigheim-Bissingen. Die Stadt hat 40 000 Einwohner und liegt an dem Flüsschen Enz. Der Hemdenhersteller Olymp hat hier seinen Firmensitz, es gibt einen großen Hofmeister-Möbelmarkt, eine Altstadt, einen Japangarten und ein Viadukt. Außerdem leben und arbeiten in Bietigheim die derzeit erfolgreichsten Rapper Deutschlands.

Zum Beispiel Bausa, der jüngst mit seinem Lied „Was du Liebe nennst“ diverse Rekorde gebrochen hat: Es ist der am längsten an der Spitze der deutschen Charts platzierte deutschsprachige Hip-Hop-Song, auf dem Streamingportal Spotify hatte er die meisten Streams an einem Tag und in einer Woche– und zwar mehr als der Weltstar Ed Sheeran.

Zum Beispiel Shindy. 1988 als Michael Schindler in Bietigheim-Bissingen geboren, schaffte er es mit seinen Alben auf Platz eins, mit seiner Biografie „Der Schöne und die Beats“ ebenso. Nebenher arbeitet Shindy als Model – natürlich erfolgreich.

„Shout outs an Bietigheim, 74321.“

Und dann gibt es auch noch Rin, der eigentlich Renato Simunovic heißt. Vor zwei Wochen hat der Rapper die 1-Live-Krone in der Kategorie „Bestes Album“ gewonnen und sich mit seinem Debüt „Eros“ gegen deutsche Popmusikgrößen wie Cro, Casper, Die Toten Hosen, Marteria und Philipp Poisel durchgesetzt.

Die 1-Live-Krone ist ein Publikumspreis, das heißt, die meisten Fans haben für Rin abgestimmt. Für einen, der kaum Interviews gibt, dessen Alter nicht bekannt ist, der erst ein Album auf dem Markt hat und – im Gegensatz zu den anderem Nominierten – noch nie die Schleyerhalle gefüllt hat. Rin ist ein Phänomen.

Als Rin den 1-Live-Preis, eine Plexiglaskugel mit güldener Krone darin, in Empfang nimmt, kommt sein Kumpel Bausa mit ihm auf die Bühne in der Bochumer Jahrhunderthalle. „Shout outs an Bietigheim, 74321. Das geht an alle Kids, wo alle Eltern sagen: ‚Ihr seid faul.‘ Und gute Musik muss nicht immer aus der Großstadt kommen“, sagt Rin und hält die Plexiglaskugel in die Höhe.

„Ich bleib in Bietigheim so lang, bis ich leb (aya, aya).“

Bietigheim ist seine Heimat. Nie im Leben wolle er weg von hier, sagt er. Aus der Stadt, in der auch Shindy und Bausa, aber auch noch unbekanntere Rapper wie Caz und Lucky Looks wohnen.

Aus pophistorischer Sicht ist Bietigheim kein weißer Fleck auf der Landkarte. Nicht nur jedem SWR-4-Hörer fällt sofort die Band Pur ein, wenn er den Namen der Stadt hört. Daneben gab es das Trio Camouflage, das mit der Single „The great Commandment“ in den 80er Jahren in den Charts war. Manche erinnern sich auch noch an die sogenannte Bietigheimer Schule, rund um das Jugendhaus Farbstraße und die Indie-Frauenband Elektrolochmann. Vielleicht hat Bietigheim-Bissingen genau die richtige Größe für gepflegte Langeweile, um etwas Kreatives entstehen zu lassen. In „Dover Street“ rappt Rin: „Ich bleib in Bietigheim so lang, bis ich leb (aya, aya).“

Im Popbusiness gelten heute ganz andere Parameter als noch vor ein paar Jahren. Man braucht noch immer besondere Songs, aber genauso eine besondere Präsenz bei Instagram. Rin filmt sich für die Foto- und Videointernetplattform gerne beim Mau-Mau-Spielen mit Kumpels in seiner Stammkneipe. Den Namen des Lokals darf man nicht schreiben, sonst hätte Rin hier keine Ruhe mehr. Immerhin darf ihn die Reporterin an diesem streng geheimen Ort zu einem Interview treffen.

„Warten Sie auf den Künschdler?“

Es ist 15 Uhr. Spielautomaten leuchten, im Radio läuft „Careless Whisper“ von George Michael, manche Gäste trinken bereits Bier. Der Wirt fragt: „Warten Sie auf den Künschdler?“

Der Künstler kommt eine Viertelstunde zu spät. Rin bestellt sich einen Tee und umarmt zwei Freunde: „Ihr Vagabunden, was macht ihr so früh hier?“ Er trägt eine Bomberjacke in Grau-Weiß-Schwarz und fette Ringe an den schlanken Fingern. Das Feuerzeug, mit dem er sich im Laufe des Gesprächs einige Zigaretten anzündet, baumelt an einer Kette um den Hals.

„Das Jahr war krass, sehr überwältigend und schnell. Sehr, sehr schnell“, sagt Rin. „Es ist mir wie Sand durch die Finger geronnen.“ Der legendäre Auftritt beim Frauenfeld-Festival, bei dem die Fans ausgerastet sind. Die Veröffentlichung seines ersten Albums namens „Eros“. Und natürlich die Verleihung der 1-Live-Krone.

„Ich bleibe in Bietigheim, suche gerade eine Wohnung.“

Rin ist bewusst, dass gerade ein Bohei um seine Person gemacht wird. Nicht nur im Internet, auch in der wahren Welt. Überall erkennen ihn die Jugendlichen, er ist ein Star. „Ich habe aber meine Realität“, sagt er. „Ich bleibe in Bietigheim, suche gerade eine Wohnung. Hier bekomme ich nicht so viel von dem Hype mit.“

Sein Smartphone mit gebrochenem Display liegt auf dem Tisch. Unweigerlich denkt man an seinen Song „Bass“, in dem es heißt: „Mein iPhone-Handy-Bildschirm ist gekracht – fette Scheiße / Mein iPhone-Handy-Bildschirm ist gekracht – übel teuer.“ Das Smartphone ist auf lautlos gestellt, ständig leuchtet es auf: wieder eine neue Nachricht. Rin ignoriert sie. Offenbar ist er ganz im Hier und Jetzt.

Seine Songtexte sind es auch. Daniel Schieferdecker, Chefredakteur des Hip-Hop-Magazins „Juice“, sagt: „Rin hat verstanden, worauf es dieser Tage im Rap ankommt: Vibe. Es geht nicht mehr um die beste Raptechnik, sondern in erster Linie um ein Gefühl – er fängt das Lebensgefühl vieler Jugendlicher perfekt ein.“

„Ich hatte eine zerrüttete Jugend“

Um Rin zu verstehen, hilft es vielleicht, seine Geschichte zu kennen. Sein Vater kommt aus Bosnien, seine Mutter aus Herzegowina, laut Pass ist Rin Kroate. Seine Eltern sind Gastwirte. „Ich hatte eine zerrüttete Jugend“, erzählt er. „Bin jedes Jahr umgezogen. 16 Mal, bis wir dann in Bietigheim angekommen sind.“

Es hat ihn geprägt, als Gastarbeiterkind in der schwäbischen Provinz aufzuwachsen. „Ich habe früh gelernt, nichts darauf zu geben, was andere von mir denken. Ich hatte verstanden: Hey, wenn du dich selbst akzeptierst, ist schon alles cool. Dann bist du der Glücklichste, Alter. Durch die Umzüge lernst du schnell die Parameter, wie andere Menschen funktionieren. Irgendwann war ich der Master der Analyse.“

Rin sagt, er sei schon immer ein Musikjunkie gewesen. Seine erste, selbst gekaufte Platte war 50 Cents „Get rich or die tryin’“. Er erinnert sich noch genau, wie er zum ersten Mal in der Öffentlichkeit gerappt hat: „Ich war 17 Jahre alt, wir waren im Park, ich habe gefreestylt und ein paar Lines gekickt. Ab da hatte ich einfach ein neues Hobby. Das war wie eine Wissenschaft – und ich wollte darin der Beste sein.“ Rin wog damals 60 Kilo mehr als heute. „Ich war richtig, richtig dick.“ Aufgrund seiner Leibesfülle nannte ihn alle Rinnie Smalls als Anspielung auf den übergewichtigen Rapper Notorious B.I.G., genannt Biggie Smalls. Heute ist Rin ein langer Lulatsch. „Wenn ich etwas will, mache ich das, ohne Rücksicht auf Verluste“, sagt er.

Er kann mit Genrezuschreibungen wie „Cloud Rap“ nichts anfangen

Rin will Rapper sein – und zwar der Beste. Er kann mit Genrezuschreibungen wie „Cloud Rap“ nichts anfangen, auch vom Dada-Ansatz in seinen Texten hält er nichts. Mit verzerrter Stimme rappt er von Frauen und Klamotten – und von seinen Jungs. „Das ist einfach meine emotionale Welt“, sagt er. Ein Kritiker schrieb, dass Rin „eine neue Gefühligkeit“ in den deutschen Rap gebracht habe.

Er selbst sagt: „Ich breche gerne Grenzen.“ Dazu gehört, dass er viel von Konsum rappt, dass er Cointreau auf Konto reimt oder schamlos erklärt: „Ich bin bekennender Materialist. Ich genieße es, Geld auszugeben.“ Von den ersten großen Einnahmen habe er sich schon fast alle Wünsche erfüllt (Klamotten, Uhr, Auto) – aber auch die Schulden seiner Eltern bezahlt. „Standard-Rapper-Move eben“, sagt er.

Weniger ins Bild des typischen Hip-Hoppers passt sein geradezu schwäbisches Arbeitsethos, getreu dem Motto: schaffe, schaffe, Songs aufnehme. „Mit mir ein Album zu machen, ist der blanke Horror“, sagt Rin. Er könne erst aufhören, wenn das Ergebnis für ihn perfekt sei. „Ich bin so wahnsinnig, dass es an die Substanz geht.“

Dafür wird „Eros“ nun von Fachleuten gefeiert. So sagt „Juice“-Chefredakteur Schieferdecker: „Das Album weist eine wahnsinnige Hit-Dichte auf und ist sehr gut produziert– das hebt noch mal Rin deutlich von seinen Kollegen ab. Rin gelingt der schwierige Spagat, ein bis ins letzte Detail durchdachtes Album so klingen zu lassen, als wäre es in nur einer Nacht beim relaxten Viben mit dem Jungs entstanden.“

Er baut zurzeit in Bietigheim mit seinem Hip-Hop-Kumpel Shindy einen „riesigen Studiokomplex“

Rin nennt sich „Reporter der Menschen“ – aber: „Da ich jung bin, bin ich eben Reporter der Jugend. Natürlich spielt auch mein Aussehen und meine Modeaffinität eine Rolle. Damit treffe ich den Zeitgeist.“

Klingt nach einem simplen Erfolgsrezept. Und doch ist Rin einer unter Tausenden jungen Rappern hierzulande, der es an die Spitze der Charts geschafft hat. Kann man überall erfolgreich sein, egal ob in Bietigheim, Bielefeld oder Berlin? „Eigentlich ja, eigentlich auch nicht“, antwortet Rin und grinst. „Das bleibt das große Rätsel.“

Er hat noch viel vor. Sein neues Klamottenlabel möchte er schnell nach vorne bringen, weiterhin Musik machen natürlich, und er baut zurzeit in Bietigheim mit seinem Hip-Hop-Kumpel Shindy einen „riesigen Studiokomplex“.

Es ist 16.30 Uhr, das Gespräch vorbei. Für Rin hat der Tag gerade gerade erst angefangen. Er ruft Shindy an. „Vielleicht noch chillen oder so.“