Christoph Daum war zeitweilig Stammgast
Werner Schöllkopf sitzt an einem Tisch neben dem Tresen im Gastzimmer, links von ihm Erika Drüssler, die Tochter der vorherigen Wirtin. Die beiden lassen die Zeit Revue passieren, erinnern sich an Geschichten und Menschen im Hirsch. Schöllkopf, gelernter Mechaniker, Koch und Küchenmeister, stammt aus einer Gastwirtsfamilie im Remstal. 2001 kaufte er den Hirsch nebst Scheune. „Wir haben in D-Mark verhandelt und ich habe in Euro bezahlt“, sagt der heute 62-jährige. Zu diesem Zeitpunkt hatte der gebürtige Weinstädter den Landgasthof bereits zehn Jahre von Drüssler gepachtet.
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Kurze Zeit darauf konnte er einen prominenten Gast in seinem Restaurant bewirten. „Genau dort, wo ich jetzt sitze, saß Christoph Daum“, sagt Schöllkopf. Er erzählt, wie der ehemalige Fußballtrainer statt des Silvestermenüs drei Suppen bestellt habe. „Ich bin ein Suppenkasper“, habe Daum ihm erklärt und ihn gefragt, ob er der Koch sei. Er habe ihn aufgefordert, sich zu ihm zu setzen. Solange er den VfB Stuttgart trainierte – in der Saison 1991/1992 erspielte sich der Verein unter Daum den Deutschen Meistertitel – sei er immer wieder gekommen.
Ursprünglich war das Anwesen eine Landwirtschaft
Der Hirsch ist für seine regionale Küche bekannt, insbesondere für seinen Rostbraten. Wahlweise mit Spätzle oder Bräggla. Das sei das schwäbische Wort für kross gebratene Röstkartoffeln, sagt der Wirt und lacht. Er habe einen Gast, der immer sagt: „Aber ich will Bräggla.“ Schon unter Drüsslers Mutter Fanny Bäder war die Spezialität im Hirsch der Rostbraten. Bäder hatte Köchin im Alpirsbacher Klosterbräu gelernt. „Mein Vater war ein Schanbacher Urgestein“, erzählt die Tochter. Kurz vor dessen Geburt im Jahr 1891 habe der Großvater das Anwesen in Schanbach gekauft. Er betrieb auch eine Landwirtschaft. Drüssler erinnert sich, wo bis in die 1950er-Jahre die Schweine und Kühe in der Scheune standen, die Schöllkopf zwischen 2007 und 2012 zum Gastraum umbauen ließ.
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Der Wirt verstand es, immer wieder etwas Neues zu kreieren, so wie das „Weekend of Thunder“, ein Treffen für Harley-Fahrer. Als Mitglied der Meistervereinigung Gastronom Baden-Württemberg wirkte er bei den Neujahrsempfängen der baden-württembergischen Landesregierung unter den Ministerpräsidenten Günther Oettinger, Stefan Mappus und Winfried Kretschmann mit. Fotografien davon hängen im Restaurants.
Der Wirt fühlt sich auch als „Beichtvater“
„Es ist ein schöner Beruf“, sagt er, auch wenn er später noch von den Schattenseiten berichten wird. „Ich bin nicht nur Koch und Wirt, sondern auch eine Art Beichtvater.“ Nach zwei oder drei Gläschen hätten sich die Zungen gelöst. Während Schöllkopf dann zuhören sollte, forderten die Gäste zu Zeiten von Fanny Bäder diese zum Klavierspielen auf. „Fanny, jetzt spiel’ noch was“, hätten sie gebeten und ihre Mutter habe sich dann hingesetzt und in die Tasten gegriffen. Im Saal stand ein Klavier. „Das war wichtig“, erzählt ihre Tochter. Schon als Kind habe ihre Mutter im elterlichen Gasthaus gespielt. Ihr Vater schickte sie in den Klavierunterricht, damit sie die Gäste unterhalten konnte.
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Für Bäder habe das Geschäft stets an erster Stelle gestanden. Das sei für sie als Kind nicht so schön gewesen, sagt Drüssler, und sei mit ein Grund, dass sie nie Wirtin geworden ist. Schöllkopf sieht das ähnlich. Gastronomie bedeute Entbehrung, nicht beim Sohn auf dem Fußballplatz mit dabei zu sein oder die Tochter zu den Reitstunden zu begleiten. Man habe den Kindern gegenüber ein schlechtes Gewissen.
Verpachtung scheiterte an notwendiger Sanierung
Zunächst habe er den Hirsch verpachten wollen, sagt Schöllkopf. Aber für eine neue Konzession wären kostspielige Umbaumaßnahmen notwendig geworden. In seinem Alter wolle er jedoch Sicherheit und keinen Stress. Anfang des Jahres entschied er, den Gasthof zu schließen. Die bestellten Familienfeiern mache er noch, dann gehe er mit einem lachenden und einem weinenden Auge. Wenn die auf dem Grundstück geplanten Mehrfamilienhäuser fertig sind, will er jedoch zurückkehren und mit seiner Frau in eine der 14 Wohnungen einziehen.
Chronologie der Traditionsgaststätte
Historie
Die Gebäude des Landgasthauses Hirsch stammen von 1766. Um 1890 erwarb August Bäder das Anwesen. Er betrieb eine Landwirtschaft, ein Gasthaus und im ehemaligen Ladengeschäft der Metzgerei eine Bäckerei.
Nachfolge
Sein Sohn Karl führte Bäckerei und Gasthof weiter, danach dessen Sohn Erich. 1980 gab dieser die Bäckerei auf. Nachdem er 1988 nur 59-jährig kinderlos verstorben war, suchte seine Schwester Erika Drüssler einen Pächter. Sie renovierte die Gaststube. 1991 pachtete Werner Schöllkopf den Gasthof und kaufte 2001 den gesamten Gebäudekomplex. Er soll nun abgerissen werden. Bis Ende 2024 sollen zwei Häuser mit jeweils sieben Wohnungen entstehen.