Hirtenhorn-Fertigung Das Handy der Alpen und der Alb

Manfred Stingel baut das alte Hirtenhorn nach – und spielt es auch selbst. Foto: Uli Fricker

Lange Zeit war das Hirtenhorn vergessen. Eine Initiative aus dem Zollernalbkreis baut es nach alten Vorbildern nach.

Joshua und Samuel sind eifrig bei der Arbeit. Die beiden Brüder mit der Irokesenfrisur bearbeiten mit einem Schnitzeisen einen Holzstamm, der der Länge nach halbiert ist. Nach und nach höhlen sie die dünne Stammhälfte aus Wacholder aus. Mit jeder Holzflocke, die sie mit dem scharfen Werkzeug lösen, erhöht sich ihre Freude, die beiden Schuljungen sind kaum noch zu bremsen. Das geht so lange, bis Joshua mit dem scharfen Eisen versehentlich in den eigenen Finger fährt. Sein Vater eilt hinzu und findet schnell ein Pflaster.

 

Der Vater heißt Stefan Schuler. Er hat erst im Frühsommer mit dem Bau von Hirtenhörnern angefangen, damals sah er zum ersten Mal diese knorrigen Dinger. Zuvor hatte er mit den hölzernen Geräten nichts im Sinn. Er kannte das uralte Instrument nicht, wie wahrscheinlich die meisten Menschen. Schuler wurde von einem rührigen Verfechter des Hirtenhorns angeregt. Dieser heißt Manfred Stingel und setzt sich für das Instrument, das nach seinem Wissen bereits im Mittelalter von den Schäfern benutzt wurde, nach Kräften ein. Stingel leitet das Haus der Volkskunst in Dürrwangen bei Balingen. Dort haben er und seine Mitstreiter die Hörner zusammengetragen. Sie suchten und fanden sie in verschiedenen Ländern Europas – in Sardinien genauso wie in Rumänien. Stingel hat sich über das Sammeln hinaus ein ehrgeiziges Ziel gesteckt: Er sieht im Hirtenhorn nicht nur ein museales Exponat, das die Besucher kurz ansehen und gleich wieder vergessen. Vielmehr will er, dass es wiederhergestellt wird, um den Prozess der Entstehung zu erkunden. Und dass es gespielt wird.

Die Bedienung ist mit dem Alphorn vergleichbar

Stingel und Schuler geben eine Klangprobe. Das hölzerne Gerät klingt nicht schlecht. Die Bedienung ist mühsam und einem Alphorn vergleichbar. Das Hirtenhorn verfügt weder über Klappen noch andere Spielhilfen. Der Ton wird mit dem Mund geformt und moduliert. Möglich sind, ähnlich einem Jagdhorn, nur Naturtöne, also Oktave, Quinte und hohe Terz.

Wenn sich Stingel das krumme Mundstück zwischen die Lippen klemmt und einen blökenden Ton hervorruft, dann merkt man ihm den Spaß an. Doch treibt ihn eine Sorge um, er drückt es in breitem Schwäbisch so aus: „Wisset se, ich bin 81 Jahre alt“. Deshalb versucht er, junge Leute für die alte Kultur der Hirten zu gewinnen, wie sie früher auch auf der Schwäbischen Alb heimisch war. Bei Familie Schuler rannte er offene Türen ein. Vater und Söhne sind begeistert vom neuen Hobby. In diesem Jahr haben sie vier solcher Wacholderhölzer halbiert, ausgehöhlt, verleimt und zum Klingen gebracht.

Diese Instrumente waren ursprünglich nicht zur Gaudi gebaut. Sie dienten zur Verständigung und zur Warnung. „Das war das Handy der Alpen und der Alb“, sagt Manfred Stingel. Die Hirten schickten sich damit Nachrichten. Das Horn tönt kräftiger wie jede Stimme. In Rumänien konnten die Hirten in alten Zeiten 60 verschiedene Rufe hervorbringen, um etwas mitzuteilen.

Belege für die Bedeutung des Hirtenhorns

Während Stingel für sein Hirtenhorn kämpft, sieht er eine andere Entwicklung mit gebremster Freude: den Import von Alphörnern. Auch im Schwäbischen sind die Instrumente immer häufiger zu sehen. Flachland-Tiroler spielen es und bestellen dazu eine alpine Tracht im Internet. Stingel hat für diesen Kulturimport wenig Verständnis. Er spricht vom „Alphorn-Unwesen“, das sich im Flachland breitmacht. Hirtenhörner „passen zu unserer Kultur viel besser“, meint der Vorkämpfer für ein vergessenes Instrument.

Dafür hat er ein ganzes Buch voller Belege gesammelt. In alten Darstellungen der Weihnachtsgeschichte sind die Feldhüter oft mit einem Hirtenhorn ausgestattet. Ebenso wie Hirtengruppen, die zusätzlich noch Schalmei und Dudelsack spielen. Auch Engel wurden im Mittelalter statt mit Posaunen mit hölzernen Hörnern dargestellt.

Weitere Themen