Historie in Stuttgart-Mühlhausen Erinnerung an eine Bombennacht

Von Iris Frey 

Zeitzeugen aus Mühhausen erinnern sich an die Ereignisse am 15. April vor 75 Jahren.

Nina Raczek, Ralf Brust, Heinz Morhard (stehend) mit den Zeitzeugen Ernst Geib (links) und Herbert Schmidt. Foto: Iris Frey
Nina Raczek, Ralf Brust, Heinz Morhard (stehend) mit den Zeitzeugen Ernst Geib (links) und Herbert Schmidt. Foto: Iris Frey

Mühlhausen - Sie waren damals sechs Jahre alt, Herbert Schmidt und Ernst Geib. Junge Erstklässler, als am 15. April um 0.45 Uhr die Sirenen heulten und die Leute in die Keller ihrer Häuser flüchteten. Schmidt, heute 81, saß in der Veitstraße 47 im tiefen Keller mit seiner Tante und seiner Großmutter. Geib, heute ebenfalls 81, saß in der Reinhardstraße 27 mit der Mutter und Großmutter in einem ebenerdigen Kellerraum. Sechs bis acht Leute waren bei Geib zusammengesessen. „Der eine hat den anderen beruhigt“, erinnert er sich.

„Erst hörte ich die Sirenen, dann das Brummen der Flieger. Dann sind die Bomben gefallen. Es hat gepfiffen und dann hat es einen Schlag getan. Wir hatten Angst und haben gezittert“, berichtet Schmidt. Eine Stunde habe der Bombenangriff gedauert. Vor allem die Dachstöcke hätten gebrannt. Dann sind sie nach oben. „Jetzt kannst Du mal sehen, wie Mühlhausen brennt“, hat die Großmutter zu Geib damals gesagt. Stromleitungen lagen darnieder. Eine Scheuer ist in sich zusammengefallen. „Es war schrecklich“, sagt Geib. „Es war ein Inferno“, stimmen beide zu. Auch Schmidt erinnert sich, als er nach dem Bombenhagel ans Tageslicht kam, wie die Leute auf die Felder gerannt sind aus den brennenden Häusern. „Die Kühe haben geschrien und gebrannt“, so Schmidt. Das Palmsche Schloss habe sehr lange gebrannt. Feuerwehren seien von überall vor Ort gewesen.

Es waren Stabbrandbomben gefallen. „Die konnte man löschen“, so die Zeitzeugen. Geib: „Meine Mutter hat sie gelöscht.“ Eine Stabbrandbombe war auch auf die Veitskapelle gefallen. Der Pfarrerssohn Reinhold Schreiber hat sie mit seinen Schwestern gelöscht. „Sonst wäre die Veitskapelle abgebrannt“, sagt der Mühlhäuser Ralf Brust, der sich gemeinsam mit dem bereits verstorbenen Rolf Straub intensiv mit der Geschichte auseinandergesetzt hat. Ebenso wie dieser einst ist Brust Kirchenwächter und -führer der Veitskapelle.

Die Walpurgiskirche wurde zerstört

Der Brustsche Hof sei auch heruntergebrannt bis auf den ersten Stock. Das sei heute noch sichtbar. Im Veitsblättle erinnert er aktuell an die Zerstörung der Walpurgiskirche, die früher die eigentlich genutzte Kirche war. Erst als sie zerstört wurde, ist die Gemeinde in die Veitskapelle gezogen. Diese war früher auch anders genutzt, etwa als Getreidelager und Pferdestall und auch Soldaten seien hier untergekommen. Die Kunstgegenstände waren ausgelagert. Erst ab 1943 fanden hier Gottesdienste statt, als die Walpurgiskirche zerstört war – nach 370 Jahren. Teile der Walpurgiskirche kamen in die Veitskapelle wie der Jungfrauenaltar und das Gemälde von Freifrau Maria Magdalena von Closen, geb. von Eyb, und die Ölgemälde von den vier Evangelisten und deren Attribute, so Brust.

Auch Sprengbomben waren gefallen in jener Nacht. Die fielen vor allem unterhalb der Kirche, so die Zeitzeugen. Beide Häuser, das von Geib und das von Schmidt, wurden bei dem Angriff beschädigt. Als das Wasser ausging, wurde die Jauchegrube geöffnet und damit gelöscht. Auch Luftminen zerstörten im unteren Bereich Mühlhausens Häuser. Es gab 24 Tote, wie aus dem Bericht des Pfarrerssohns Reinhold Schreiber hervorgeht, der seinem Vater ins Krankenhaus schrieb. Neben dem Pfarrhaus stand die Schule, die wurde auch getroffen. Und dort waren Phosphorbomben gefallen. Schmidt hat das schmerzlich erlebt. Er war dort in der Ruine, war hingefallen und hatte sich am Fuß verletzt. „Der hat geeitert“, wie Schmidt berichtet. Es stand sogar zur Debatte, den Fuß abzunehmen. So weit kam es zum Glück nicht, er konnte ihn behalten. Aber: „Ich hatte jahrelang Eiterstellen am Fuß“, so Schmidt.

Warum fand der Bombenhagel überhaupt in Mühlhausen statt? Es sei ein Angriff der Engländer gewesen, erzählen die die Zeitzeugen. Die hätten eigentlich die Industriebereiche in Feuerbach treffen wollen, seien aber vom Kurs abgekommen. Und so hätte es Mühlhausen getroffen. In der Folge wurden die Schutzräume gebaut – der Stollen Haisch, der Gemeinschaftsstollen unter dem Sportplatz und der Bosch-Stollen. Die Zeitzeugen erinnern sich noch genau, wo sie im Stollen waren. „Schlimm war, dass wir oft mehrfach in der Nacht aus dem Schlaf gerissen wurden“, so Geib. Die Kinder schliefen in Kleidung, damit sie gleich los konnten.

Im Ortsarchiv sind Erinnerungsstücke und Teile von Brandbomben zu sehen

Der Max-Eyth-See sei in der Folge 1944 abgelassen worden, damit die Bomber keine Zielpunkte zur Markierung mit ihren sogenannten „Christbäumen“ finden konnten. 1944 gab es nochmals einen Angriff. Doch die Bombennacht 1943 sei die Schlimmste gewesen. Geflüchtet seien kaum welche. Wo sollten sie auch hin, sagen die Zeitzeugen. „Es wurde in der Waschküche gehaust, so lange, bis wieder aufgebaut werden konnte.“ Wenn sie heute im Fernsehen Berichte aus Kriegsgebieten sehen, erinnern sie sich und erklären es ihren Enkeln. Die Zeit hat sie geprägt. „Keine Waffen produzieren und nicht nutzen“, ist ihre Devise.

Im Ortsarchiv sind Erinnerungsstücke, Teile von Brandbomben zu sehen sowie Berichte und Fotos. So hat Stadtplaner Supper damals wenige Tage vor der Bombennacht 1943 Mühlhausen fotografiert und nach dem Angriff auch wieder. Fritz Frank habe diese Fotos gesammelt, berichtet Heinz Morhard vom Bürgerverein Mühlhausen. Er und Archivarin Nina Raczek sind derzeit mit Team dabei, die Archivmaterialien weiter zu sortieren. Die neuen Schränke, die sie Dank Spenden und Fördergeldern anschaffen konnten, sind jetzt gekommen.

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