Historische Aufnahme von Böblingen Kleines Detail im Foto verweist auf die Geschichte einer bemerkenswerten Frau

Bei sehr genauem Hinsehen, sind auf der Fotografie zwei Figuren am Fenster des Bonz-Hauses zu sehen. Foto: Richard Lämmle

Eine rund 100 Jahre alte Aufnahme zeigt den Böblinger Stadtkern – ohne Menschen. Doch der Schein trügt. Zwei Figuren sind doch zu sehen: die Malerin Anna Maria Bonz und ihre Schwester. Ein Nachfahre hat sich bei uns gemeldet.

Böblingen: Anke Kumbier (ank)

Auf dem historischen Foto des Böblinger Stadtzentrums, das unsere Zeitung vor einer Woche veröffentlicht hat, versteckt sich eine Besonderheit. Es ist menschenleer – bis auf zwei Personen. Sie stehen am linken, oberen Fenster des Bonz-Hauses, rechts neben der Zehntscheuer. Dieses Detail führt tief in die Böblinger Stadtgeschichte und mitten hinein in das bemerkenswerte Leben der Malerin Anna Maria Bonz.

 

Der Hinweis auf die beiden Personen am Fenster stammt von Wolfgang Bonz. Er ist ein Großneffe der Malerin und war viele Jahre als Zahnarzt in Böblingen tätig. Seine Großtante habe das Foto in Auftrag gegeben. „Sie wollte ein Bild des Hauses Bonz mit einer Spiegelung des Panoramas vom See aus, um es später zu malen.“ Eine ihrer Bedingungen sei gewesen, dass keine Personen auf dem Bild zu sehen sein sollen, außer ihrer Schwester Julie und ihr. Wie lange der Fotograf Richard Lämmle wohl warten musste, um die Bedingung zu erfüllen? Wie lange standen die Schwestern am Fenster, das vermutlich zum Atelier der Malerin gehörte?

Großneffe erforscht ihr Leben

Anna Maria Bonz wurde 1866 in Böblingen geboren und starb dort 1938. Dazwischen lag, trotz Hindernissen, ein ereignisreiches Leben. Sie unternahm Reisen nach St. Petersburg und Paris, sprach vier Sprachen, engagierte sich für Frauenrechte und half Bedürftigen. Aber ihr Weg war kein einfacher. Ihr Talent als Künstlerin wurde zwar erkannt, jedoch nicht gefördert. Vieles musste sie sich selbst erkämpfen.

Anna Maria Bonz arbeitete trotz Widerständen als Künstlerin – und setzte sich für Frauen ein. Foto: Wolfgang Bonz

Ihr Großneffe nennt sie „eine wundervolle Frau, die sich in der Provinz behaupten konnte“ – und die nie die Anerkennung erhalten habe, die ihr nach heutigen Maßstäben zustünde. Vergessen ist sie aber nicht, ihre Bilder sind in Sammlungen zu finden und werden immer wieder ausgestellt. Wolfgang Bonz, der 1944 geboren ist, kannte die Malerin nicht mehr persönlich. Sein Wissen über sie beziehe er „ganz wesentlich“ aus ihren Tagebüchern. Noch immer forscht er zu ihrer Biografie und setzt sich dafür ein, möglichst viele ihrer Werke zu lokalisieren, zu fotografieren und teilweise zu kaufen. Sie malte vor allem Landschaftsbilder, Stillleben und Pflanzen – beispielsweise fertigte sie Aquarellzeichnungen für ein Pflanzenbuch im Auftrag der Universität Tübingen an.

Die Chemiker-Familie Bonz

Anna Maria Bonz entstammte der Böblinger Chemikerfamilie Bonz, die Pionierarbeit bei der Entwicklung des ersten reinen Narkose-Äthers leistete und damit die Anästhesie wohl entscheidend voranbrachte. Sie wuchs in einer Zeit auf, zu der in Böblingen mit der chemischen Fabrik Bonz & Sohn, der Brauerei Dinkelaker und der Anbindung an die Eisenbahn die Industrialisierung Einzug hielt, die Stadtgesellschaft aber noch handwerklich-bäuerlich geprägt war, ordnet Wolfgang Bonz den Zeitgeist ein.

Die Familie seiner Großtante sei „streng religiös“ und sehr pietistisch gewesen. Da passte es offenbar nicht ins Bild, eine Künstlerin in ihrem Werdegang zu fördern. So sei ihr der Wunsch an der Königlichen Akademie in Stuttgart Kunst zu studieren verwehrt worden. Die Malerin ließ sich davon aber nicht beirren und besuchte die Akademie später zumindest als private Gasthörerin.

Auf Reisen mit anderen Künstlern

„Glückliche Umstände öffneten ihr die Türen in die intellektuelle Szene der damals angesehenen Kunstmaler in Stuttgart, München und Berlin“, sagt ihr Großneffe. Sie begleitete unter anderem den niederländischen Maler Pieter Francis Peters, der in Stuttgart am königlichen Hof arbeitete, auf Malreisen an den Bodensee, auf die Schwäbische Alb und an den Genfer See. Wolfgang Bonz bezeichnet sie sogar als Lieblingsschülerin von Peters – auch mit dessen Tochter Anna Peters sei sie befreundet gewesen.

Die Kunstmalerin Anna Peters war 1893 Mitbegründerin des Württembergischen Malerinnenvereins, der sich zum Ziel gesetzt hatte, Frauen, die Kunst berufsmäßig ausüben, zu unterstützen. Anna Maria Bonz trat dem Verein zwei Jahre nach seiner Gründung bei. Sie nahm außerdem, so ihr Großneffe, privat Unterricht bei Albert Kappis, Professor an der Königlichen Akademie, und Adolf Hölzel, der als ein Wegbereiter der Moderne gilt. Ihre Bekanntheit blieb allerdings begrenzt, ihre Werke stellte sie nur in Stuttgart und Umgebung aus. Wolfgang Bonz macht dafür weniger die Qualität ihrer Kunst, als vielmehr ihren familiären Hintergrund und den Ort, an dem sie aufwuchs, verantwortlich. „Ihr Milieu im kleinbürgerlichen Böblingen, ihre starke Bindung an ihre pietistisch orientierte Familie und ihre Bescheidenheit ließen sie mit dem zufrieden zu sein, was sie an Anerkennung im Raum Stuttgart erhielt.“ Und das sei nicht wenig gewesen, merkt er an.

Einsatz für Frauen und Bedürftige

Trotz all dem führte Anna Maria Bonz ein Leben, das vielen anderen Frauen dieser Zeit, vor allem aus dem ländlichen Raum, wohl verwehrt blieb. Sie scheint eine gute Schulbildung genossen zu haben, sprach Latein, Englisch und Französisch. Ihren Bruder Carl Otto Bonz begleitete sie auf Geschäftsreisen nach München, Berlin, London, Paris und St. Petersburg. Erfahrungen, die sicher ihr künstlerisches Schaffen, aber auch ihre politische Haltung prägten. In London lernte sie beispielsweise die Suffragetten kennen, die sich für Frauenrechte einsetzten.

Obwohl sie, wie Wolfgang Bonz sagt, von der Böblinger Stadtgesellschaft teils argwöhnisch beäugt wurde, engagierte sich Anna Maria Bonz ihr Leben lang für Frauen und Frauenrechte und half Bedürftigen. Sie gab Kindern und Erwachsenen – ausschließlich Frauen – kostenlos Malunterricht. Geld aus dem Verkauf ihrer Bilder floss in karitative Zecke und sie richtete in Böblingen eine Tafel für Mittellose ein.

Und so weist ein kleines Detail auf einer alten Fotografie auf eine Künstlerin, die sich in ihrem Weg nicht beirren ließ.

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