Historische Begegnung in Fellbach Selbst Weizsäcker war da: Die Städtepartnerschaft als „weltpolitisches Ereignis“

Ratifizierung der Urkunden im Oktober 1986, beobachtet vom damaligen Bundespräsidenten Richard von Weizsäcker: Fellbachs damaliger OB Friedrich-Wilhelm Kiel (links) und sein Pécser Amtskollege Zoltan Piti. Foto: Stadt Fellbach

Seit 1986 gibt es die Verbindung zwischen Fellbach und dem ungarischen Pécs. Dies war eine der ersten Partnerschaften trotz des „Eisernen Vorhangs“ zwischen Ost und West.

Es waren Zeiten, als es mit dem „Warschauer Pakt“ noch einen richtigen „Ostblock“ gab, sowie auf der Gegenseite noch einen einheitlichen und nicht durch die Führungsmacht gespaltenen Westen. Damals wurde wider alle äußeren Umstände eine Städtepartnerschaft auf den Weg gebracht, die Geschichte schrieb. Im Oktober 1986 unterzeichneten die Oberbürgermeister der ungarischen Stadt Pécs und der Stadt Fellbach die Urkunde einer Städtepartnerschaft.

 

Schon kurz danach zeigte sich, wie es auch das Fellbacher Pressereferat in einer aktuellen Mitteilung beschreibt, dass diese Ratifizierung als „ein weltpolitisches Ereignis“ einzustufen war: Denn es war die erste Städtefreundschaft zwischen einer westdeutschen Kommune und einer ungarischen Stadt. Die Freundschaft über den damals noch bestehenden „Eisernen Vorhang“ hinweg wurde im Beisein des Bundespräsidenten Richard von Weizsäcker besiegelt.

Reisefreiheit war 1986 ein Wunsch, aber keine Realität

1986 war die Systemgrenze zwischen Ost und West noch sehr präsent. Reisefreiheit und ein freier Austausch waren Wünsche, aber keine Realität. Als Initiator der folgenden Freundschaft kann zweifelsohne der damalige Fellbacher Oberbürgermeister Friedrich-Wilhelm Kiel bezeichnet werden. Bereits 1985 hatte er unter Vermittlung des Rommelshausener Unternehmers Heinrich Becht den Kontakt zu Pécs gesucht und die Städtepartnerschaft mit Ungarns fünftgrößter Stadt angebahnt.

Kiel erinnerte sich später an „hochdramatische Tage“ rund um die Gründung der Partnerschaft. Sein OB-Nachfolger Christoph Palm sagte anlässlich des 70. Geburtstags von Kiel, mit dieser Partnerschaft „hat Fellbach Breschen in den Eisernen Vorhang geschlagen“.

Das Zitat von Friedrich-Wilhelm Kiel vom Oktober 1986 an der Klinkerwand des Pécs-Brunnens in Fellbach Foto: Dirk Herrmann

An die Partnerschaft erinnert auch der Pécs-Brunnen aus Zolnay-Keramik an der Fellbacher Bahnhofstraße – mit dem Kiel-Zitat, das er bei der Unterzeichnung am 15. Oktober aussprach, das auf einer Tafel am Brunnen verewigt und bis heute gültig ist: „Die Menschen in ganz Europa wollen Frieden. ,Nicht-Krieg’ ist zu wenig.“

Die aktuelle Fellbacher Oberbürgermeisterin Gabriele Zull sagt mit Blick auf die Ereignisse vor vier Jahrzehnten: „Es war ein mutiger Schritt.“ Bewusst wollten Gemeinderat und Stadtverwaltung mit der Städtefreundschaft einen Beitrag zur Völkerverständigung und zum Frieden leisten. „Die Zusammenarbeit der Kommunen war und ist ein deutliches Zeichen für das Zusammenwachsen von Europa.“

Zum anstehenden Fellbacher Neujahrsempfang an diesem Sonntagvormittag wird die Stadt Pécs durch den stellvertretenden Bürgermeister Gabor Zag vertreten sein. Die Festrede in der Schwabenlandhalle hält Dezső B. Szabó, Leiter des ungarischen Kulturinstituts in Stuttgart.

Das Jubiläumsjahr wird mit etlichen kulturellen Ereignissen gefeiert. Das Pécser Ballett präsentiert am 11. und 12. Februar Goethes zentrales Drama unter dem Titel „Faust, the Damned“. Im März beginnt eine Ausstellung über Pécs mit Werken des Fotografen Gábor Méhes. Der Fellbacher Städtepartnerschaftsverein widmet seine Matinee im April dem Pécser Künstler Victor Vasarely.

Anfang Mai findet in Fellbach ein Jugendsymposium mit Vertretern aller befreundeten Partnerstädte statt. Und ein Blick in den Dezember sei auch schon gestattet: Zum Fellbacher Weihnachtsmarkt entführt eine Märchenerzählerin in die ungarische Märchenwelt.

Open Cooking mit Gulasch im Dezember

Auch der kulinarische Austausch soll nicht zu kurz kommen: Angedacht ist ein Open Cooking mit Gulasch im Dezember. Und der Wein als „das verbindende Element der Fellbacher Städtepartnerschaften“, so Gabriele Zull, soll zum Jahresende aufgegriffen werden.

Auch auf Verwaltungsebene gibt’s den Austausch zum „g’scheiten“ Jubiläum: Im Sommer werden Vertreter von Fellbach nach Pécs reisen, und beim Fellbacher Herbst werden die beiden Stadtoberhäupter die 40-jährige Städtefreundschaft bekräftigen.

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