Historische Forschung in Möglingen Ein dichtender und heilender Tausendsassa

Von Susanne Mathes 

Der Arzt, Gelehrte und Diplomat Johannes Hartlieb war im Mittelalter ein viel gelesener Autor. Ein Pfund, mit dem die seine Herkunftsgemeinde Möglingen wuchern könnte, findet der dortige Heimatverein.

Früher Heldenroman: „Alexander“, Handschrift von Johannes Hartlieb aus dem Jahr 1455. Foto: Bayerische Staatsbibliothek München
Früher Heldenroman: „Alexander“, Handschrift von Johannes Hartlieb aus dem Jahr 1455. Foto: Bayerische Staatsbibliothek München

Vor mehr als 500 Jahren war Johannes Hartlieb das, was man heute einen Bestsellerautor nannte. Sein „Buch aller verbotenen Kunst“, das sich mit Wahrsagerei und Magie befasst, oder sein heilmedizinisches „Kräuterbuch“ werden heute noch verlegt. Doch dass der Frühhumanist im Dienste der Wittelsbacher in München seine ersten Schritte in Möglingen machte, war bisher kaum bekannt. Auch in Möglingen nicht. Das will der Möglinger Heimatverein jetzt ändern: Er möchte Erinnerungen an den Arzt, Literaten, Dichter und Übersetzer wachküssen.Grund, sich in der Sonne des großen Sohnes zu aalen, hätte Möglingen mehrfach. Vom 200-Seelen-Flecken, der Möglingen damals war, schaffte es der um 1400 geborene begabte Schultheißen-Sohn über die Lateinschule im benachbarten Markgröningen zu höheren Weihen. Er studierte, promovierte und machte seinen Weg als Leibarzt, gelehrter Rat und Vertrauter Herzog Albrechts III. von Bayern-München, auch „der Fromme“ genannt. Der kunstsinnige Regent zählte offensichtlich auch auf das diplomatische Geschick Hartliebs und setzte ihn als Verhandlungsführer ein.

Hartlieb schrieb über die Liebe, die Astrologie, die Pharmazie oder auch über das Handlesen

Wahrscheinlich war der Herzog sogar Johannes Hartliebs Schwiegervater: Sibylla, Hartliebs Ehefrau, war die Tochter von Agnes Bernauer, Albrechts langjähriger Geliebter. Albrechts Vater war über die unstandesgemäße Verbindung seines Sprösslings mit der Tochter eines Augsburger Baders so erbost, dass er Agnes in der Donau ertränken ließ – was sie zumindest in der Literatur- und Theatergeschichte weiterleben ließ. Ihr Schicksal beschäftigte die Schriftsteller über Jahrhunderte hinweg.

Als Wissenschaftler und Autor war Johannes Hartlieb ein wahrer Tausendsassa, ob er nun über Liebe, Medizin, Pharmazie, Astrologie, Gedächtniskunst oder über das Handlesen schrieb. Auch als Übersetzer glänzte er: Seine aus dem Lateinischen übertragene Alexander-Biografie inszenierte den makedonischen Heerführer und König als idealtypisches Herrscher-Vorbild für die adelige Leserschaft.

„Dass Hartlieb aus Möglingen kam“, so Rolf Reichert von den Heimat-Historikern, „hätte man schon länger wissen können.“ Vereinzelte Hinweise auf ein gewisses „Meglingen“ gab es durchaus, auch wenn in Hartliebs angenommenem Geburtsjahr 1400 noch keine Kirchenbücher existierten. Doch ist es in den Promotionsannalen der Universität Padua vermerkt, und auch in seinen eigenen Schriften erwähnte der Gelehrte dieses „Meglingen“ mehrfach.