Historische Pfarrscheuer Musberg Pfarrscheuer Musberg: Was wurde bei den Ausgrabungen gefunden?

So sieht der ursprüngliche Brunnen aus, der zur Pfarrscheuer gehört und der aus dem 16. Jahrhundert stammt. Foto: © Landesamt für Denkmalpflege im Regierungspräsidium Stuttgart/Weist Archaeo, Sarah Weist

Aktuell wird die historische Pfarrscheuer in Musberg saniert. Dabei wurden auch archäologische Ausgrabungen gemacht – was wurde dabei zutage gefördert?

Filderzeitung: Rebecca Anna Fritzsche (fri)

Schon seit geraumer Zeit wird die historische Pfarrscheuer in Musberg saniert. Besonders an diesem Vorhaben ist vor allem die Tatsache, dass dabei das Dachgeschoss abgenommen wurde und unter dem Erdgeschoss ein neues Kellergeschoss erstellt wurde. Bevor aber die Erde für das Kellergeschoss ausgegraben werden konnte, waren archäologische Ausgrabungen notwendig.

 

Die Pfarrscheuer ist ein archäologisches Kulturdenkmal, es wurde eine Baubegleitung, die begleitend zum Bau stattfindet und deshalb für keine großen Verzögerungen sorgt. „Reinschauen wollten wir aber schon“, sagt Jonathan Scheschkewitz vom Landesamt für Denkmalpflege. Er leitet dort das zuständige Referat für provinzialrömische, frühgeschichtliche, mittelalterliche und neuzeitliche Archäologie. Die freie Archäologin Sarah Weist hat die Arbeiten an zwei Tagen im Mai 2025 durchgeführt.

Ausgrabungen in Musberg: Der Fußboden der Pfarrscheuer taucht auf

Was wurde gefunden? Der ursprüngliche Steinfußboden der Pfarrscheuer aus dem 16. Jahrhundert wurde gefunden, außerdem ein Brunnen, der ebenfalls aus der Bauzeit der Pfarrscheuer stammt. Und etwas Unerwartetes kam zum Vorschein: Nachgeburtsbestattungen. Aber was ist das genau?

Die Plazenta, die während der Schwangerschaft das Kind mit Nährstoffen versorgt, löst sich nach der Geburt des Babys von der Gebärmutter ab, und wird ebenfalls durch den Geburtskanal ausgestoßen. Bei einer Nachgeburtsbestattung wurde diese Plazenta in einen Topf gelegt und begraben. „Besonders im 16. und 17. Jahrhundert war die Blütezeit dieser Nachgeburtsbestattungen“, erklärt Scheschkewitz, „vor allem in protestantischen Gegenden.“ Der Gedanke dahinter? Mutter und Kind sollten vor bösen Mächten geschützt werden, etwa dem Teufel, und man wollte verhindern, dass die Nachgeburt für magische Bräuche verwendet wurde. Dieser Aberglaube war zudem gleichzeitig ein Tabu, weshalb es keine schriftlichen Aufzeichnungen dazu gibt. Nachgeburtsbestattungen fanden in den Häusern statt, in denen auch das Kind geboren worden war, weshalb oft beim Sanieren von Kellergeschossen in Privathäusern solche Funde gemacht werden. Im Museum von Bönnigheim (Kreis Ludwigsburg) gibt es eine große Sammlung an Nachgeburtsbestattungen mit Exemplaren aus dem 17., 19. und sogar dem frühen 20. Jahrhundert. Aufgebaut hat diese Sammlung Kurt Sartorius, der Vorsitzende der dortigen Historischen Gesellschaft.

So wurden die Nachgeburtsbestattungen gefunden. Foto: © Landesamt für Denkmalpflege im Regierungspräsidium Stuttgart/Weist Archaeo, Sarah Weist

Nachgewiesen wird das meist mit chemischen Analysen, die bestimmte Hormonwerte aufweisen, die den Rückschluss zulassen, dass eine Nachgeburt im Topf bestattet wurde. Die Nachgeburt wurde in einem Tontopf meist im Keller vergraben, an dunklen Stellen, an die kein Tageslicht kommt und auf die man nicht regelmäßig tritt. So auch in der Pfarrscheuer: „Die Töpfe lagen in dem Bereich, wo wir den Treppenabsatz vermuten.“ Sie sind geborgen und genau dokumentiert worden. Jetzt befinden sie sich im zentralen Fundmagazin Rastatt. „Dort sind sie zugänglich für Forschungen“, so Jonathan Scheschkewitz.

Ausgrabungen in Musberg: Historie der Pfarrscheuer soll sichtbar bleiben

Auch der Fußboden ist dokumentiert worden. Von ihm ist mit dem sogenannten „Structures for Motion“-Verfahren ein 3-D-Modell geschaffen worden. „Dadurch haben wir ein verzerrungsfreies Bild“, so Jonathan Scheschkewitz. Der entdeckte Brunnen liegt direkt vor dem Gebäude, er wurde „1927, beim Bau einer neuen Zugänglichkeit zum Gemeindesaal überbaut“, erklärt Nikolai Ziegler. Der Musberger Architekt ist mit seiner Firma Aedis maßgeblich verantwortlich für die Sanierungs- und Restaurierungsarbeiten an der Pfarrscheuer. Die historischen Teile der Scheuer wollte er unbedingt auch zeigen können. Darum sieht die aktuelle Planung vor, dass die südliche Außentreppe über den historischen Brunnen führt.

So sieht der ursprüngliche Steinfußboden der historischen Pfarrscheuer aus. Foto: © Landesamt für Denkmalpflege im Regierungspräsidium Stuttgart/Weist Archaeo, Sarah Weist

„In die Wand des Untergeschosses ist ein rundes Fenster integriert, um aus dem Untergeschoss in die archäologische Situation hineinzusehen und den unter der Erde liegenden Brunnen betrachten zu können“, berichtet Ziegler. Auch ein Teil des historischen Plattenbodens soll zumindest in Teilen im sanierten Gebäude sichtbar sein. „Die spannendsten historischen Funde, darunter auch konstruktive Details des Holzfachwerks sowie historische Putz und Farbfassungen, werden über ’Fenster in die Vergangenheit’, verglaste Ausschnitte, bewahrt“, erklärt Nikolai Ziegler. So soll die Historie der Pfarrscheuer weiterhin sichtbar bleiben.

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