Historische Rarität in Hemmingen Seine Leidenschaft sind alte Apfelsorten

Matthias Braun prüft die Nachpflanzungen im Luikensorten-Erhaltungsgarten. Hinter ihm: die sortenreine Ur-Luike. Foto: Jürgen Bach

In Hemmingen steht ein rund 100 Jahre alter Baum, der in der Region eine Rarität ist: eine sortenreine Ur-Luike. Der Obstkundler und Hobbyhistoriker Matthias Braun hat sich nun dafür eingesetzt, dass um den Apfelbaum ein ganzer Garten angelegt wird.

Leonberg: Stefanie Köhler (koe)

Hemmingen - Ideen hat Matthias Braun reichlich. Für sein jüngstes Projekt fehlte Hemmingens Obstkundler lange das geeignete Grundstück – bis jetzt. Nun freut sich der Ortspomologe umso mehr, dass es geklappt hat, zwischen dem Wengertweg und der Bahnlinie am Ortsausgang Richtung Schwieberdingen einen Luikensorten-Erhaltungsgarten anzulegen.

 

Was sperrig klingt, ist ein Gemeinschaftsprojekt der Gemeinde Hemmingen als Besitzerin der Wiese, des Landschaftsgärtners Eric Raasch und des Obstkundlers Braun. Der Garten ist der großen Leidenschaft der beiden Letztgenannten zu verdanken: seltene ortshistorische Apfel- und Birnensorten, die früher in Hemmingen und Ditzingen-Heimerdingen vorgekommen sind, nachzupflanzen, zu hegen und zu pflegen. Entlang der Strohgäubahn stehen inzwischen drei junge Luikenapfelbäume mit verschiedenen Luikentypen. In den nächsten zwei Jahren kommen fünf weitere Bäume dazu, wenn der nötige Reiser als Grundlage geschnitten und auf Unterlage veredelt wurde. Es sind aber mehr als bloß Apfelbäume, die in rund acht Jahren üppige Mengen an Früchten tragen werden.

Matthias Braun spricht von einem „pomologischen Edelstein“, einem „Leuchtturmprojekt“: Der Garten biete eine „einzigartige Möglichkeit“, die Luike wieder in den Fokus zu rücken, sie vor der Vergessenheit und dem Aussterben zu bewahren. Vor mehr als 150 Jahren sei sie in Württemberg weit verbreitet gewesen, quasi „ein Superstar der damaligen Zeit“. Rund ein Viertel aller Apfelsorten waren Luiken, die als wesentlicher Bestandteil der schwäbischen Mostkulturgeschichte gelten. „Die Luike ist mein Herzblutapfel, ein gebürtiger Württemberger wie ich“, sagt der 52-Jährige und lacht, ehe er auf noch eine Besonderheit hinweist.

Einem Apfelbutzen sei Dank

Den Luikenbaum, der bereits auf dem Gelände steht. Er ist rund 100 Jahre alt – und eine sortenreine Ur-Luike. Die Sortenreinheit sei erst kürzlich durch einen genetischen Fingerabdruck festgestellt worden, berichtet Braun. Das sei eine Rarität. Ihm ist in der Umgebung kein weiterer sortenreiner Ur-Luikenbaum bekannt – und der 52-Jährige kennt eine Menge Bäume, geht er seiner Leidenschaft, sich Bäume samt Früchte anzuschauen und dann zu bestimmen, doch seit 20 Jahren ohne Unterbrechung nach. Das Areal war laut Braun keine klassische Streuobstwiese. Daher vermutet er, dass der Ort den Baum einem Apfelbutzen verdankt, den ein Fahrgast aus der Bahn warf.

Braun sagt, in Hemmingen gebe es drei alte Luikenbäume, in Heimerdingen auch. Hinzu kommen etliche Nachpflanzungen innerhalb des anno 2018 von Braun initiierten Sortenerhaltungsprojekts. Vier der sechs Bäume wurden bereits genetisch mittels Fingerabdruck untersucht.

Klar, dass neben der großen sortenreinen Luike nun auch eine kleine sortenreine Luike wächst. Der alte Baum sei relativ stabil, sagt Matthias Braun. Er habe einen Erhaltungsschnitt bekommen, damit die Krone das Gewicht der vielen Früchte aushält. Voriges Jahr hat Matthias Braun insgesamt 300 Kilo Äpfel geerntet. Daraus macht der Ditzinger Cidre-Spezialist Urs Renninger einen Cidre. „So etwas kriegt man sonst nirgends“, sagt der Obstkundler Braun stolz. Auch aus den Früchten des Nachwuchses will der 52-Jährige „tolle Produkte“ herstellen.

Nach ihren Tod leben die Bäume weiter

Das Areal am Hemminger Ortseingang will Matthias Braun insgesamt aufwerten: Neben den Luiken sollen einmal auch Hecken und Rosen gedeihen, Schilder sollen die Besucher über die Bäume informieren. Auch Sitzbänke seien denkbar.

Außerdem hat der Obstkundler schon jemanden an der Hand, der sich abgestorbenen Bäumen annimmt: Matthias Braun ist in Kontakt mit dem Holzgestalter Bernhard Schmid aus der Nähe von Günzburg. Der lässt tote Bäume weiterleben, indem er sie zu Skulpturen verarbeitet. Erst kürzlich sicherte sich der Künstler den originalen Jakob-Fischer-Apfelbaum aus Biberach. Braun ist von der Streuobst-Kunst richtiggehend begeistert. „Mit der Konservierung schließt sich der Kreis.“

Streuobstwiesen: So wichtig wie auf dem Rückmarsch

Bestand Für den Kreis Ludwigsburg liegen dem Landratsamt Zahlen vor: Demnach ging der Bestand an Streuobstbäumen seit 2008 von knapp 400.000 (auf 4000 Hektar, knapp sechs Prozent der Kreisfläche) auf 216.000 zurück. Durch verschiedene Messverfahren seien die Zahlen aber mit Vorsicht zu genießen, betont der Sprecher Andreas Fritz. Vergleiche man die Dichte der Streuobstbäume mit anderen Kreisen, liege Ludwigsburg mit einer Dichte von 3,16 Bäumen pro Hektar im oberen Drittel. Esslingen habe mit 5,49 die höchste, der Schwarzwald-Baar-Kreis mit 0,37 die niedrigste Dichte. Die größten Streuobstflächen liegen laut dem Landratsamt in Vaihingen, Sachsenheim, Großbottwar und Oberstenfeld. In Gebieten mit hohem Anteil an Ackerbaukulturen wie im Strohgäu sei der Streuobstanteil naturgemäß geringer. „In diesen Gemeinden waren dafür viele landschaftsprägende Solitärbäume zu finden.“

Sterben Mögliche Ursachen für den starken Rückgang seien, dass die Streuobstwiesen oft zur selben Zeit – zum Teil vor dem Zweiten Weltkrieg – gepflanzt worden und schon sehr alt/überaltert seien. Der Mistelbefall und die sehr heißen und trockenen Sommer der vergangenen Jahre hätten die Bäume zusätzlich geschwächt. Auch habe vielerorts ein Generationswechsel auf den Wiesen stattgefunden, sodass hier ein Pflegedefizit entstanden sei, das es teilweise immer noch zu beheben gelte. Dann ist da noch der Schwarze Rindenbrand: Die Pilzerkrankung habe die Bestände stark befallen und führe an zahlreichen Orten zum Absterben der Bäume. Allerdings: „Ein Großteil der Jungbäume ist gar nicht erfasst ist“, so Fritz.

Erhalten Für die Erhaltung von Streuobstwiesen gibt es kreisweit etliche Projekte. Gerade im waldärmsten Landkreis Ludwigsburg hätten sie wichtige Ausgleichsfunktionen, neben Arten- und Biotopschutz auch für Boden, Wasser, Klima, Naherholung und Naturerlebnis, heißt es aus dem Landratsamt. Sie prägten den Kreis in besonderer Weise, seien Kulturgut und „Kernstück unserer historisch bedeutenden und Identität und Heimatgefühl vermittelnden Kulturlandschaft“. Die Obst- und Gartenbauberatungsstelle sei seit 2020 aktiv beim Streuobstprojekt im Kirbachtal dabei und unterstütze es bei verschiedenen Aktionen. Jenes Projekt fördert unter anderem die Kreissparkassen-Stiftung „Umwelt und Naturschutz“. Im Winter gibt es einen Fachwartkurs: Er vermittelt alles Wichtige über Obstbaumpflege und -schnitt.

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