Historische Studien in Heidelberg Den bösen Wolf gab es nicht nur im Märchen

Laut einem Holzschnitt von 1685 hat ein Wolf mehrere Kinder getötet. Als er in einen Brunnen stürzte, überwältigte man ihn und hängte ihn als „Werwolf“ an einen Galgen. Foto:  

Der Wissenschaftler Andreas Deutsch sammelt historische Unterlagen, die auch Wolfsangriffe auf Menschen dokumentieren. Sein Fazit: Der Beutegreifer ist nicht harmlos, auch wenn Attacken meist in Ausnahmesituationen geschahen.

Heidelberg - Den 19. Hornung hat ein Wolf ein Mägdlein gefressen von ohngefähr 14 Jahren“, notierte der Pfarrer von Epfenbach, unweit von Heidelberg gelegen, im Februar 1642 im Kirchenbuch der Gemeinde. „Dem schreienden Mädchen war noch die Amme zu Hilfe geeilt, doch der Wolf tötete auch sie“, erklärt Andreas Deutsch, der Leiter der Forschungsstelle Deutsches Rechtswörterbuch an der Akademie der Wissenschaften in Heidelberg. Nachdem Jäger das Tier zur Strecke gebracht hatten, habe man in seinem Innern „kaum verdaute Körperteile des Mädchens gefunden“.

 

Von einem nicht minder blutigen Angriff berichtet ein Kirchenbuch aus der Gegend der Herren von Crailsheim im Jahr 1685. Dort habe ein Wolf nahe einem Wäldchen einen kleinen Jungen erfasst, weggetragen „und bis aufs Haupt und 2 Händlein aufgefressen“, hat der Pfarrer festgehalten. Andreas Deutsch betont: „Was heute klingt wie eine Horrorgeschichte, war jahrhundertelang in Deutschland und Europa bittere Realität. Man verweist das gern ins Reich des Märchens, aber es war Wirklichkeit.“

Früher sahen fast alle Menschen den Wolf als Feind an

Wie gefährlich ist der Wolf für den Menschen? Seit er wieder in Baden-Württemberg gesichtet wird, treibt diese Frage viele Menschen um. Der Jurist Deutsch befasst sich bei seinen Forschungen zum Deutschen Rechtswörterbuch aber schon seit Längerem mit dem Wolf und allgemein mit dem Thema „Das Tier in der Rechtsgeschichte“. Er sammelt Vorschriften und Regeln, die den Wolf betreffen: historische Schäferordnungen, Bestimmungen zur Jagdverpflichtung fürstlicher Untertanen oder Vorschriften zur Haftung im Fall von Schäden und Verlusten bei Weidetieren. „In früheren Jahrhunderten war die Lage klar: Der Wolf galt als Feind des Menschen“, fasst Deutsch seine Ergebnisse zusammen.

Insgesamt rund 10 000 Wolfsattacken auf Menschen in vergangenen Jahrhunderten will ein Historiker in Frankreich nachgewiesen haben, wo diese Vorfälle seit je zentral registriert wurden. Wie viele Männer, Frauen und Kinder in Deutschland von Wölfen angegriffen, verletzt oder getötet worden sind, ist unbekannt. „Die Zahlen sind hier nie systematisch erfasst worden“, sagt Deutsch.

Deutsch betont aber auch: Die Wölfe hätten Menschen nur in Ausnahmesituationen angefallen. „So verirrten sich im Hungerwinter von 1649 einige Wölfe auf Nahrungssuche sogar bis in die damals stark befestigte Reichsstadt Schwäbisch Hall“, schildert der Wissenschaftler. Die Hauptopfer der Wölfe seien aber stets „die Tiere in Feld und Wald“ gewesen. „Wölfe waren zum einen Konkurrenten bei der Jagd, zum andern waren Angriffe auf Viehherden ein großes Problem“, erläutert er. „Schafe, Schweine, Kühe und Gänse, die zumindest im Sommerhalbjahr Tag und Nacht auf der Weide gehalten wurden, waren für sie eine leichte Beute.“

An manchen Orten haben sich alte Wolfsgruben erhalten

Viele Territorialherren verzichteten angesichts der Schäden, die die Tiere anrichteten, auf ihr hoheitliches Jagdrecht und gaben die „bere und wolven“ schon im Mittelalter zur allgemeinen Jagd frei. Als Erstes wurden sie mit sogenannten Wolfsangeln – großen z-förmigen Eisenhaken, die mit Ködern bestückt in Bäumen aufgehängt wurden – gefangen und erschlagen. Danach hat man als Fallen Wolfsgruben ausgehoben, von denen einige sich – etwa in Pforzheimer Stadtwald, bei Stühlingen im Südschwarzwald oder unweit von Mulfingen in der Hohenlohe – bis heute erhalten haben. Regelmäßig im Winter, wenn man Fährten im Schnee verfolgen konnte, wurden Bauern und selbst Stadtbürger zu aufwendigen Treibjagden herangezogen. Es mussten riesige Netze gespannt und sogenannte Wolfslappen aufgehängt werde, um die Tiere in die Gruben zu treiben. Über Tage oder sogar Wochen waren dabei bis zu 300 Männer im Einsatz. Da Gewehre wegen der Feuchtigkeit oft nicht funktionierten, waren die Jäger nur mit Stichwaffen oder Prügeln bewaffnet. „Und ein Wolf konnte sich, wenn er einmal angegriffen wurde, unheimlich wehren“, versichert der Heidelberger Professor.

Besonders schlimm wurde es immer dann, wenn die Wolfspopulation in Kriegen – während der die Jagden vernachlässigt wurden – stark anstieg und dann das Futter für die Tiere knapp wurde. Das zeigte sich nach dem Hundertjährigen Krieg im Frankreich ebenso wie beim Dreißigjährigen Krieg in Deutschland. Und noch in „Brehms Tierleben“ von 1900 ist nachzulesen, dass infolge der Russlandfeldzüge Napoleons 1814/15 allein in der Region Posen 28 Kinder von hungrigen Wölfen getötet wurden. „Dass der Wolf gefährlich war, zeigt sich in allen Quellen“, versichert der Heidelberger Wissenschaftler. „Vor diesem historischen Hintergrund kann man nicht sagen, er sei harmlos“, so lautet Deutschs Fazit.

Wie sieht die aktuelle Situation in Baden-Württemberg aus?

Ein einzelner Wolf:
Vermutlich lebt derzeit nur ein Wolf in Baden-Württemberg – es ist das Tier mit dem Namen GW 852, das sich seit fast zwei Jahren im Nordschwarzwald aufhält. Im April war zudem ein Wolf mehrfach auf der Ostalb gesichtet worden, im Mai tappte ein Tier im Donautal bei Beuron in eine Fotofalle. Von beiden verlor sich die Spur – sie sind wohl weitergezogen.

Angriffe
auf Menschen: Seit der Rückkehr der Wölfe nach Deutschland im Jahr 1990 – derzeit leben rund 500 Wölfe in 73 Rudeln im Land – gab es zwar viele Begegnungen zwischen Wolf und Mensch, aber keinen einzigen Angriff. 2017 (jüngere Zahlen liegen nicht vor) kamen bundesweit rund 1700 Nutztiere durch Wölfe um.

Todesopfer
: Laut einer Studie des Biologen John D. C. Linnell aus dem Jahr 2002 gab es zwischen 1950 und 2000 in Europa 59 Wolfsangriffe; dabei kamen neun Menschen um. Bei 38 dieser Angriffe waren die Wölfe tollwütig gewesen, was sie unberechenbar machen kann. Laut einer kanadisch-spanischen Studie von 2017 gab es in Nordamerika und Europa zwischen 1955 und 2014 exakt 697 Attacken großer Beutegreifer auf Menschen. Darunter waren Bären für 37 Prozent der Angriffe verantwortlich, Coyoten für 31 Prozent, Pumas für 25 Prozent und der Wolf für sieben Prozent. Opferzahlen sind nicht aufgeführt. (fal)

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