Historische Übung in Maichingen Wenn der Feuerreiter Hilfe holt
Die Altersabteilung der Maichinger Feuerwehr führt zum 950. Gemeindejubiläum eine historische Übung auf – und die Sindelfinger Gesamtwehr übt in der Gegenwart.
Die Altersabteilung der Maichinger Feuerwehr führt zum 950. Gemeindejubiläum eine historische Übung auf – und die Sindelfinger Gesamtwehr übt in der Gegenwart.
Wunderbar, der Anblick, den Maichingens Ortsvorsteher Wolfgang Stierle bietet, am Samstagnachmittag, als er zum alten Rathaus seines Ortes hin schreitet: Ein Mann in vornehmem Gehrock, auf dem Kopf ein Zylinder, in der Hand ein Stock. Fast möchte man glauben, was die Altersabteilung der Freiwilligen Feuerwehr Maichingens vortäuscht, an diesem Tag, mit großem Eifer: Dass die Zeit zurückgestellt wurde, um mehr als 100 Jahre. Rund um Wolfgang Stierle nämlich sieht man Feuerwehrleute, die Uniformen tragen, wie sie um 1900 üblich waren. Und gelöscht wird an diesem Tag ein vorgestellter Brand im alten Rathaus mit Methoden, die ganz und gar nicht dem zeitgenössischen Standard entsprechen.
Wolfgang Stierle selbst war es, der anregte, die Hauptübung der Feuerwehr Sindelfingen in diesem Jahr mit einer historischen Feuerwehrübung im Maichinger Ortskern zu verbinden. Am Samstagnachmittag um 15 Uhr ist die Zuschauermenge bereits groß, als diese Übung beginnt, organisiert von Herbert Röhricht, Leiter der Altersabteilung der Wehr. Der Ortsvorsteher befindet sich nun im Rathaus, ist dort eingeschlossen, schaut aus dem Fenster, ruft: „Es brennt!“, ein wenig Rauch steigt auf – und die Wehr kommt ihm zur Hilfe, mit erst einem so genannten Hydrophor, einer Saug- und Druckspritze aus dem Jahr 1897. Vor der Wasserspritze aber sind die Frauen da.
Sie haben auf ihren Einsatz schon gewartet. Es sind die Frauen von Feuerwehrleuten, die ihre Männer tatkräftig unterstützen möchten. Sie tragen Kittelschürzen, mehr oder weniger historisch. Im Ort, behaupten sie, seien sie bekannt als „der dritte Zug“. Gelegentlich unternehmen sie gemeinsame Ausflüge. Nun aber spielen sie Maichinger Bürgerinnen von anno dazumal, die zufällig zugegen sind und zu den Eimern greifen. Nahe dem alten Rathaus plätschert Wasser in einen Brunnentrog – die Frauen reichen sich die Eimer, schütten das Wasser vor die Rathaustür und fordern Umstehende auf, es ihnen gleich zu tun: „Damit wir unser Rathäusle gelöscht kriegen!“ Sie sind zu siebt, sie haben 14 Eimer. Später dann kommt ihnen eine noch eine andere wichtige Aufgabe zu: Sie versorgen die historischen Feuerwehrmänner mit einem Vesper. Schinkenbrote gibt es, und dazu einen Most.
Der Löschangriff der Frauen gibt den Männern Gelegenheit, ihre Geräte vorzubereiten. Eine einfache Leiter kommt zum Einsatz, was dem Ortsvorsteher aber nicht viel nutzt – er sitzt fest, hinterm Fenster, durch das die Rettung nicht möglich ist, er muss auf anderem Wege aus dem Haus geholt werden. Schließlich der dramatische Höhepunkt des Geschehens: Herbert Röhricht ruft die Wehren der umliegenden Gemeinden zu Hilfe. Der „Feuerreiter“ bricht auf, prescht an der Zuschauermenge vorbei: Sven Hoppe heißt der Mann, der diese Aufgabe übernahm, Minnie heißt sein Ross, es fliegt dahin, um Darmsheim und Sindelfingen zu alarmieren. Und bald sind auch die vor Ort, mit ihren Hydrophoren, die Männer pumpen, das Wasser schießt die Rathausfront hinauf und fließt im breiten Strom über die Dachziegel herab. Ortsvorsteher Stierle indes ist in Sicherheit, und mit ihm, sehr wichtig, die „Fleckenkasse“ – „Ein kleines Köfferchen, in dem sich das gesamte Vermögen des noch jungen und landwirtschaftlich geprägten Ortes befindet“, wie Sascha Luft erklärt, Kommandant der Maichinger Wehr und Moderator der historischen Übung. Wolfgang Stierle indes liegt, sichtlich mitgenommen, auf einer historischen Tragebare und wird von Kräften eines historischen Roten Kreuzes versorgt. Ein Koffer mit Verbandsmull klappt auf, der Ortsvorsteher atmet schwer.
Maichingen, sagt Herbert Röhricht, verfüge noch über zahlreiche historische Feuerwehruniformen aus der Zeit um 1900. In Sindelfingen und Darmsheim gingen solche Uniformen mitunter verloren, oder sie passen nicht mehr: „Die Leute damals waren kleiner und nicht so stabil gebaut wie heute.“ Einige Teilnehmer der historischen Übung haben sich deshalb auch als Bauern oder Handwerker von einst verkleidet.
Die DRK-Gruppe im Ort hat aber noch ihre alten Uniformen – drei junge Frauen sind im Einsatz, mit weißen Schürzen, Kleidern, Häubchen, zwei junge Männer mit grauen Jacken, Mützen. Sie wechseln fliegend zur Hauptübung in der Gegenwart hinüber – „Wir müssen uns aber ganz schnell umziehen“, sagt Stefanie Hofmayer. Sie gehört dazu.
Das Publikum der historischen Übung folgt einem Feuerwehrschlauch, der symbolische 950 Meter messen soll und an diesem Tag kein Wasser transportiert, hinüber zum Maichinger Bürgerhaus, dem Ort der Hauptübung der Sindelfinger Wehren im Jahr 2025. Auf dem Weg begegnen ihnen fünf junge Maichinger Feuerwehrmänner und Feuerwehrfrauen, die vorführen, wie sich die Arbeitskleidung der Wehren verändert hat, über die Jahrzehnte. Auch eine der Wasserspritzen zieht diesen Weg, besetzt mit fröhlichen Kindern, Senioren und einem Feuerwehrmann, der gut gelaunt erklärt: „Dass das Feuer nicht nach Darmsheim übergegriffen hat, ist schon mal gut!“
Nun brennt es also im Bürgerhaus. Dort befindet sich dass Maichinger Bezirksamt, in dem mutmaßlich ein technischer Defekt für Feuer sorgte. Die Freiwillige Feuerwehr in Maichingen wird 2026 ihr 150. Jubiläum feiern. Sie verfügt über etwa 60 aktive Feuerwehrleute, sie rückt an vom Feuerwehrhaus, das sich einige Hundert Meter vom Bürgerhaus entfernt befindet. Im Bürgerhaus ist das Bezirksamt untergebracht.
Die Wehren aus Sindelfingen und Darmsheim rücken ebenfalls an, um zu löschen – um sie zu alarmieren war kein „Feuerreiter“ nötig. Noch mehr Zuschauer als bei der historischen Übung strömen herbei und erleben, wie schnell und effizient eine Feuerwehr heute arbeitet. Das neue Tanklöschfahrzeug TLF 4000 der Sindelfinger Wehr kann bei dieser Gelegenheit nicht, wie vorgesehen, eingeweiht werden – es befand sich bereits im Übungseinsatz, muss deshalb auch überholt werden. Aber Dr. Bernd Vöhringer, Oberbürgermeister der Stadt Sindelfingen, ist gekommen, um den Feuerwehrleuten dafür zu danken, dass sie einmal mehr vorführte, was sie leisten kann – und leisten konnte, schon vor mehr als 100 Jahren.