Historischer Fund im Stuttgarter Schlossgarten Stuttgart 21 fördert Schätze zu Tage

Von Markus Heffner 

Wo der Tiefbahnhof von Stuttgart 21 gebaut werden soll, haben Wissenschaftler einen historischen Fund gemacht. Nun gibt es Streit über die Notwendigkeit weiterer Grabungen.

Der ausgegrabene Sandsteinkopf mit seiner charakteristischen Stirnpartie.Foto:Zweygarth Foto:   7 Bilder
Der ausgegrabene Sandsteinkopf mit seiner charakteristischen Stirnpartie. Foto:Zweygarth

Stuttgart - In die Tiefe musst Du steigen, soll sich dir das Wesen zeigen.“ Die Lebensweisheit Friedrich Schillers, aufgeschrieben in seinen Sprüchen des Konfuzius, ist vielseitig anwendbar. Insbesondere gilt sie aber für das weite Feld der Bodenkunde. Einer, der schon lange in der Tiefe nach Geschichten und Geschichte gräbt, ist Andreas Lehmann von der Universität Hohenheim. Zu Tage gefördert hat der Wissenschaftler dabei in den vergangenen Jahren schon einiges, etwa wichtige Aufschlüsse über die Eigenschaften unterschiedlichster Böden und wie diese über die Jahrhunderte entstanden und kultiviert worden sind.

Danach hatte Lehmann auch bei seinem jüngsten Projekt gesucht, bei Grabungen im Mittleren Schlossgarten – dort, wo vor langer Zeit ein unwirtliches Moor- und Sumpfgebiet war und demnächst der Tiefbahnhof von Stuttgart 21 gebaut werden soll. „Es interessiert uns, auf welchem Boden Stuttgart entstanden ist“, sagt Lehmann. Sein Team hat bei den fünftägigen Grabungen entlang der ausgehobenen Kanäle für Fernwärmeleitungen nicht nur erstaunliche Erkenntnisse über die Bodenbereitung auf der früheren Nesenbachaue gewonnen. Die Fachleute stießen auch auf ein handfestes Stück Historie: einen in Sandstein gemeißelten Kopf, um den sich nun ein Expertenstreit und eine anhaltende Diskussion über die Notwendigkeit weiterer Grabungen im Schlossgarten entfacht.

Susanne Arnold, Archäologin für Mittelalter und Neuzeit beim Landesamt für Denkmalpflege, hat das historische Fundstück nach der Entdeckung im November vergangenen Jahres in die Goethezeit eingeordnet, also in das 18./19. Jahrhundert. Sie und ihre Behörde sehen in dem ausgegrabenen Sandsteinkopf einen „zufälligen Fund“. Es gebe keinerlei Hinweise auf weitere historische Hinterlassenschaften im Schlossgarten, die Grabungen zwingend notwendig machten, so die offizielle Haltung der oberen Denkmalbehörde.

Andere Experten sind zu einem abweichenden Befund gekommen. Fritz Fischer etwa, der Leiter der Abteilung Kunst- und Kulturgeschichte beim Landesmuseum Württemberg, schätzt die Herstellungszeit des Steinkopfs mit seiner ausgeprägten Stirn- und Augenpartie auf Mitte 16. Jahrhundert. Harald Schukraft, ein hochgeachteter Stadthistoriker und Landeskundler, datiert „diesen elektrisierenden Fund“ auch eher auf das Spätmittelalter. Er habe zuerst an einen Scherz gedacht, als er von dem Kopf gehört habe, so Schukraft, den die Art der Steinarbeit an spätmittelalterliche Ritterfiguren erinnert. Der Wissenschaftler, der zahlreiche Bücher über die Geschichte Württembergs veröffentlicht hat, hält weitere Untersuchungen auf dem Gelände für unbedingt nötig. „Das ist die letzte Chance, an dieser wichtigen Stelle Einblicke in die Stadtgeschichte zu bekommen.“ Die Bereitschaft dazu sei bei den Verantwortlichen aber leider nicht sehr groß.

„Da liegt noch einiges im Boden“

Nicht mal eine sonst durchaus übliche archäologische Baubegleitung sei an jener Stelle vorgesehen. „Das ist blanke Fahrlässigkeit. Der Boden ist das letzte Archiv der Stadt, und ihre Geschichte gehört allen Stuttgartern“, sagt Schukraft, der sich aufgrund der gleichartigen Struktur der Erdschichten auf der gesamten Fläche durchaus vorstellen kann, dass im Mittleren Schlossgarten in dieser auffälligen Lage genau zwischen zwei Schichten noch weitere Fundstücke verborgen sind. Er glaubt, dass „hier noch einiges im Boden“ liegt.

Das Gelände zwischen einstigem Wasserturm und dem vom Architekten Nikolaus Friedrich von Thouret geplanten historischen Lustgarten mit seinen Brunnen sei immer schon im Fokus der Archäologie gewesen. Unter anderem habe man in der Nähe, etwa beim Bau der Arnulf-Klett-Passage, römische Mauern und andere Überreste entdeckt. Auch diese Funde seien seinerzeit nicht richtig untersucht worden. Das Mindeste sei jetzt, sagt Schukraft, in einer Linie vom Stuttgarter Hauptbahnhof bis zum Planetarium einen Graben auszuheben. „Damit hätte man das gesamte Profil vom Nesenbachtal erhoben.“

Andreas Lehmann würde diese Arbeit nur allzu gerne vorantreiben. Auch er sieht in den Grabungen auf dem Baugelände, die nun auf die Fläche ausgeweitet werden müssten, eine „historische Chance“. So könne bei weiteren Untersuchungen etwa auch der Originalverlauf des Nesenbachs rekonstruiert werden. In allen Karten, die bis ins 14. Jahrhundert zurückreichen, sei dieser bereits kanalisiert eingezeichnet.

Die einzelnen Bodenmonolithe, die das Team der Hohenheimer Uni auf dem Baufeld der Bahn frei gelegt und in Kisten gesichert hat, werden derzeit analysiert. Fest steht bereits jetzt, dass im Schlossgarten sehr früh ein unglaublicher Einsatz für gute Bodenqualität gezeigt worden sei, sagt Lehmann. So sei der schwere Stuttgarter Boden zur systematischen Verbesserung der Qualität gesiebt, danach mit Sand und Keramikabfällen vermischt worden, damit er leichter und wasserdurchlässig wird. „Solche naturnahen Böden in der Innenstadt findet man nur sehr selten“, sagt Lehmann, dessen Monolithe später im neuen Stadtmuseum im ehemaligen Wilhelmspalais ausgestellt werden sollen.