Historischer Rückblick 1923 – Ein Jahr wie im Tollhaus
Hyperinflation, Putschversuche von links und rechts: 1923 wird zur größten Bewährungsprobe der Weimarer Republik. Was lehrt uns das?
Hyperinflation, Putschversuche von links und rechts: 1923 wird zur größten Bewährungsprobe der Weimarer Republik. Was lehrt uns das?
Die Teuerung ist nun sprunghaft eine so ungemeine geworden, dass ich mit Angst in die Zukunft sehe“, notiert Victor Klemperer am 11. Januar 1923 in seinen inzwischen berühmt gewordenen Tagebüchern. Als Hochschulprofessor zählt er nicht zu den Ärmsten in Deutschland. Doch, so eine weitere Notiz einige Tage später: „Die Geldsache wird immer dunkler und unübersehbarer, die Preise sind allzu wahnsinnig.“ Ein Brot kostet damals 700 Reichsmark – 200-mal so viel wie ein halbes Jahr zuvor. Aber das ist erst der Anfang des Wahnsinns.
Das Jahr beginnt mit einem Donnerschlag. Just am gleichen Tag, an dem der prominente Zeitzeuge, konvertierter Jude, seine Angst vor der Zukunft protokolliert, marschieren französische und belgische Truppen im Ruhrgebiet ein. Mit der Besetzung des Industriereviers wollen die beiden Nachbarstaaten erzwingen, dass Deutschland Reparationen für Schäden aus dem Ersten Weltkrieg pünktlich zahlt. Die „Erfüllungspolitik“ ist innenpolitisch aber umstritten. Sie wird durch eine Kapitalflucht und den rapiden Kursverfall der Mark erschwert. Mitte Januar 1923 überspringt der Dollarkurs die Marke von 10 000 Mark – der Wechselkurs ist damit seit Kriegsende um 1000 Prozent angestiegen.
70 000 bis 100 000 fremde Soldaten werden an Rhein und Ruhr stationiert. Der Belagerungszustand entfacht eine Welle der nationalen Empörung. Nur ein gewisser Adolf Hitler, Vorsitzender einer bis dahin unbedeutenden Organisation, die sich Nationalsozialistische Deutsche Arbeiterpartei nennt, schimpft nicht gegen den „Erzfeind“, sondern gegen „Novemberverbrecher“, die im Herbst 1918 den Krieg beendet und die Republik gegründet hatten. Sie hätten Deutschland damit der „völligen Versklavung“ preisgegeben.
Die Reichsregierung ruft zum „passiven Widerstand“ gegen die Ruhrbesetzung auf. Gewerkschaften organisieren einen Generalstreik. Diese Politik erweist sich jedoch als „ein Fass ohne Boden“, schreibt der Historiker Heinrich August Winkler. Der wachsende Finanzbedarf wird „durch eine hemmungslose Betätigung der Notenpresse“ finanziert, so sein Kollege Volker Ullrich in einem aktuellen Buch über dieses „Jahr am Abgrund“. 1923 wird nach seinen Worten zur „größten Bewährungsprobe der noch jungen Weimarer Republik“. Der Schriftsteller Stefan Zweig formuliert es noch drastischer: Geschichte habe „nie eine ähnliche Tollhauszeit in solchen riesigen Proportionen produziert“.
Die Inflation und der Ausnahmezustand verfestigen sich zu einer Krise, die scheinbar kein Ende findet. In Victor Klemperers Tagebüchern findet sich eine Notiz vom 2. Juni: Er „schwimme momentan im Geld, aber alles schwimmt fort bei der maßlosen Teuerung“. Aus seinem Urlaub an der Ostsee erzählt er von einem aberwitzigen Erlebnis. Seine Frau habe eine Tasse Kaffee trinken wollen. Als sie im Café Platz genommen habe, sei auf der Preistafel gestanden, dass die Tasse 6000 Mark kostet. Beim Kassieren verlangt der Kellner das Doppelte. Sie beschwert sich. Er antwortet: „Ach, Sie waren schon während des alten Preises hier? Dann zahlen sie 6000.“ Wenig später hätte das gerade mal für eine Scheibe Brot gereicht. Im August 1923 ist der Preis für einen ganzen Laib auf 100 000 Mark gestiegen. Der Dollarkurs liegt am 1. August bei 1,1 Millionen Mark und verzehnfacht sich im Laufe des Monats.
Rechte Kreise machen die Reparationsverpflichtungen für die explodierende Inflation verantwortlich. Deren Ursprünge liegen aber im Krieg selbst, der überwiegend durch Anleihen finanziert war. Zudem hatte das Reich eine sehr lockere Kreditpolitik betrieben. Die Niederlage führt in einen Teufelskreis: Um die Folgekosten des verlorenen Kriegs zu finanzieren, setzt die Weimarer Republik die inflationäre Politik des Kaiserreichs fort. Harry Graf Kessler, ein anderer berühmter Tagebuchschreiber jener Zeit, formuliert es so: „Wie die Fiebertemperatur eines Schwerkranken zeigt der Dollarstand täglich den Fortschritt unseres Verfalls an.“
Die Hyperinflation trifft die Menschen sehr unterschiedlich. Arbeiter sehen ihre Einkünfte zwischen den Fingern zerrinnen. Immobilien- und Fabrikbesitzer sind hingegen privilegiert. Der Staat entledigt sich seiner inländischen Zahlungsverpflichtungen gegenüber Inhabern von Kriegsanleihen durch schlichtes Aussitzen. „Nie zuvor war so viel Geld in Umlauf“, schreibt Christian Bommarius in seinem Buch über Deutschland „Im Rausch des Aufruhrs“. „Nie zuvor war es so wenig wert, nie zuvor klagten so viele verarmte Millionäre über Hunger, und nie zuvor gab es so viele Banken und Filialen.“ Wer seinen Lohn bekommt, kann das Geld gar nicht so schnell ausgeben, wie es an Wert verliert. Banknoten sind schon wertlos, wenn sie die Druckerei verlassen. So werden nagelneue 1000-Mark-Scheine gleich aus dem Verkehr gezogen und später mit dem provisorischen Nennwert „1 Milliarde“ bedruckt. Im September kommen Fünf-Milliarden-Mark-Noten in Umlauf, am 1. November ein Schein auf dem „Fünf Billionen Mark“ steht. Ein Brot kostet da 200 Milliarden Mark.
„Man sagt sich jeden Tag, nun müsse eine Katastrophe eintreten“, vermerkt Victor Klemperer, „ich weiß nicht welche, aber irgendeine: Zerfall des Reiches, Bürgerkrieg, irgendein Sturm, ein Novum, ein Anderes – und immer bleibt die gleiche verpestete Stille.“ Mit der Stille ist es im Herbst vorbei. Ende September beschließt die Regierung, den passiven Widerstand gegen die Besetzung des Ruhrgebiets aufzugeben. Das „wirkte auf die Radikalen in ganz Deutschland wie ein Weckruf“, so der britische Historiker Mark Jones. In „Sowjetsachsen“, wie es bald überall heißt, treten die Kommunisten der sozialdemokratisch geführten Regierung bei. Es formieren sich bewaffnete „proletarische Hundertschaften“. Die Genossen in Moskau haben das Industrieland Sachsen als Keimzelle eines „deutschen Oktober“ erwählt – sie erhoffen sich eine Revolution nach dem Beispiel des bolschewistischen Putsches sechs Jahre zuvor in Russland. Für Stalin ist das eine Existenzfrage: „Entweder scheitert die Revolution in Deutschland und erschlägt uns“, sagt er, „oder die Revolution gelingt und unsere Lage ist abgesichert.“
Der liberale Reichskanzler Gustav Stresemann verhängt den Ausnahmezustand. Damit überträgt er die exekutive Gewalt an den Reichswehrgeneral Hans von Seeckt. Er ist kein Freund der Republik, scheut aber ein Bündnis mit deren Feinden von rechts. Die bereiten in Bayern eine „nationale Diktatur“ vor, während die Kommunisten in Sachsen und Thüringen angesichts der Übermacht der Reichswehr den Plan eines bewaffneten Aufstands aufgeben. Sie hätten „die Stimmung in der Arbeiterschaft falsch eingeschätzt“, meint Volker Ullrich. Nur in Hamburg kommt es zur Revolte. Eine linke Guerilla greift Polizeiwachen an. Der Aufruhr wird mit Waffengewalt niedergeschlagen. 24 Kommunisten und 17 Polizisten lassen dabei ihr Leben. Die SPD-Zeitung „Vorwärts“ bilanziert: „Die Idioten, die den Hamburger Putsch angestiftet haben, gehören ins Wachsfigurenkabinett.“
Unterdessen macht sich bei den Rechten die „Sehnsucht nach einem nationalen Messias“ (Ullrich) breit. Hitler fühlt sich als solcher berufen, obwohl ihn die meisten Zeitgenossen noch für einen unbedeutenden „Hetzapostel“ halten. Er träumt in München von einem Sturm auf Berlin – sein Vorbild ist der „Marsch auf Rom“ des Faschisten Benito Mussolini. Er wird aber von dem erzkonservativen Monarchisten Gustav Ritter von Kahr in Schach gehalten, der in Bayern während des Ausnahmezustands zum Generalstaatskommissar ernannt wird. „Es gibt nur zwei Möglichkeiten: Wir werden Opferlamm oder Sieger“, predigt Hitler. Sein Putschversuch im Münchner Bürgerbräukeller endet aber nicht mit einem Sieg. „Der Morgen findet entweder in Deutschland eine nationale Regierung oder uns tot“, verkündet er dort am Abend des 8. November – ein Auftritt, dem der Historiker Ullrich „schmierentheatralische Züge“ bescheinigt.
Tags darauf kommt es vor der Feldherrenhalle am Odeonsplatz zum Tumult. Die Truppen der rechten Revoluzzer werden nicht von Hitler, sondern von Erich Ludendorff angeführt, einem der wichtigsten Generäle zu Zeiten des Ersten Weltkriegs. Hitler stürzt, als sein Nebenmann in der Marschkolonne von einem Schuss getroffen wird. Er kugelt sich dabei die Schulter aus. Wenn das Projektil ihn getroffen hätte, wäre das 20. Jahrhundert erheblich anders verlaufen. „Es ist ein seltenes Beispiel dafür“, so Mark Jones, „wie die Flugbahn einer Kugel den Lauf der Geschichte bestimmte.“
Wenige Tage nach der fürs Erste missglückten Machtergreifung der Nazis führt die Reichsregierung eine neue Währung ein. Das „Wunder der Rentenmark“, wie es damals heißt, beendet die Hyperinflation. Im Februar 1924 kommen Hitler und seine Kumpane vor Gericht. Das milde Urteil beschreiben kritische Zeitgenossen jedoch als „Justizmord an der Republik“. Dennoch wird die deutsche Demokratie 1923 nicht zu Grabe getragen. Sie ist wehrhaft genug, um sich zu behaupten.
Der Journalist Erich Dombrowski, später Mitbegründer der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“, hat jedoch schon eine Vorahnung, dass mit diesem traumatischen Jahr die Republik in ihren Grundfesten erschüttert ist. „Nur auf dieser wirtschaftlichen Unsicherheit, Unklarheit und Verworrenheit“, schreibt er an Silvester 1923, „konnten die verschiedenartigen Zersetzungserscheinungen gedeihen und bazillenartig wuchern.“