Historischer Vortrag in Kernen „...ob sich die Wies’ zum Acker findet“

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Der Historiker Andreas Maisch hat die Lebensumstände in württembergischen Dörfern und die oft schwierige Suche nach dem passenden Ehegatten spannend nachgezeichnet – und besonderen Wert auf die Winterschule in Rommelshausen gelegt.

Die „Kieserschen Ortsansichten“  – hier ein Ausschnitt von  Rommelshausen – sind  oft die frühesten bildlichen Ansichten der Städte und  Dörfer des Herzogtums Württemberg.   Sie stammen aus der Zeit etwa von 1680 bis 1690. Foto: Hauptstaatsarchiv Stuttgart
Die „Kieserschen Ortsansichten“ – hier ein Ausschnitt von Rommelshausen – sind oft die frühesten bildlichen Ansichten der Städte und Dörfer des Herzogtums Württemberg. Sie stammen aus der Zeit etwa von 1680 bis 1690. Foto: Hauptstaatsarchiv Stuttgart

Kernen - Jede Hose, jeder Teller und jede Spülschüssel wurden dokumentiert. Die Besitztümer eines Haushalts waren in einem exakten Verzeichnis festgehalten. Und diese Erfassung gab es in entscheidenden Etappen des Lebens. Bei der Heirat und beim Ende der Ehe durch den Tod eines Partners. Die sogenannten Inventuren und Teilungen, die zwischen 1600 und 1900 angelegt wurden, seien eine „einmalige Quellengruppe“ für württembergische Wirtschafts- und Sozialgeschichte, macht Andreas Maisch deutlich. Zusammen mit den Kirchenbüchern sind sie für den promovierten Historiker der Grundstoff, um den Alltag in württembergischen Dörfern des 18. Jahrhunderts nachzuzeichnen.

Zudem wuchs die Bevölkerung im 18. Jahrhundert stark

Man muss Quellen natürlich sprechen lassen können – das zeigte der Leiter des Schwäbisch Haller Stadtarchivs vor zahlreichen Zuhörern im Sommersaal des Stettener Schlosses jüngst auf spannende Weise. Besonders beim Blick auf mehrere Generationen ergab sich ein Bild, wie sozialer Status ausgebaut oder auch verloren wurde. Oder anders gesagt, ob ein „Oben bleiben“ gelang oder nicht. Denn „oben im Dorf“ war höher, näher an der Kirche – Wohnlage und sozialer Status tendierten zur Übereinstimmung. Die Rahmenbedingungen, wie wir heute sagen würden, waren denkbar schwierig. Das Erbrecht sah vor, dass alle Besitztümer auf die Erben gleichmäßig aufgeteilt wurden – zumindest im größten Teil des herzoglichen Territoriums (Realteilung). Zudem wuchs die Bevölkerung im 18. Jahrhundert stark. In Rommelshausen zählte man 286 Einwohner im Jahr 1654, im Jahr 1800 dann 979. Von 1702 mit 502 Bewohnern verdoppelte sich bis 1800 die Bevölkerung fast. Die Kurven sahen für andere württembergische Dörfer ähnlich aus. Das bedeutete, dass die Erbteile immer kleiner wurden.

Anfang des 19. Jahrhunderts besitzen 60 Prozent aller Einwohner in Bondorf weniger als fünf Hektar Land

Und trotz aller Widrigkeiten lassen sich in den Quellen Erfolgsgeschichten entdecken: Als Beispiel nannte der Historiker das Bauernpaar Bruckner aus Bondorf, südlich von Herrenberg. Die Bruckners waren über mehrere Generationen nicht nur oben geblieben, ihr Landbesitz war um etwa 40 Prozent gewachsen, der Hausbesitz hatte sich vervielfältigt. Und das, obwohl in jeder Generation geteilt und wieder neu zusammen gesetzt wurde. Was war einer der Schlüssel? „Das Erbe zu managen war sehr wichtig“, sagte Andreas Maisch, „die beidseitigen Erbteile sollten in einem ausgewogenen Verhältnis stehen.“ Falls die Gründe für die Wahl eines Heiratskandidaten überhaupt überliefert sind, lesen sie sich sehr nüchtern. „Ein favorabler Gegenstand“ schreibt Joseph Gottlieb Koch 1780, habe sich ihm für eine zweite Heirat gezeigt. Oder eine Dienstmagd erhofft sich 1732, in Heilbronn „200 Gulden und einen Garten zu erheiraten“. „Drum prüfe, wer sich ewig bindet, ob sich die Wies’ zum Acker findet“, brachte es Maisch mit dem Sprichwort auf den Punkt, was wirklich zählte.

In dem Vortrag ging es auch darum, welche Schwierigkeiten die dörfliche Mittel- und Unterschicht hatte

Anfang des 19. Jahrhunderts besitzen 60 Prozent aller Einwohner in Bondorf weniger als fünf Hektar Land. Die sozialen Unterschiede werden immer größer. Die Konzentration des Landes in der Hand der relativ großen Landbesitzer nahm zu. Originellerweise gleichen sich dabei die Verhältnisse von Dörfern mit Realteilung denen mit so genanntem Anerbenrecht, wobei das erbende Kind frei gewählt werden konnte, an.

In dem Vortrag ging es auch darum, welche Schwierigkeiten die dörfliche Mittel- und Unterschicht hatte, dass ein späteres Heiratsalter ein Indikator für Armut war und viele weitere Aspekte der Lebensumstände. Als „ganz große Leistungen frühneuzeitlicher Territorien“ beschrieb der Referent den Erwerb von Bildung. Und da kam wieder Rommelshausen ins Spiel: Um 1600 gingen in Rommelshausen 52 Knaben in die sogenannte Winterschule. 1790 verzeichnete das Herzogtum Württemberg dann einen Triumph: In Rommelshausen lebten 170 Kinder im schulpflichtigen Alter und 170 besuchten die Winterschule, 80 Knaben und 90 Mädchen. Und der Besuch der Sommerschule war nur wenig schwächer. Das heißt, alle Kinder gingen jetzt das ganze Jahr zur Schule.