Historischer Waffentest beim Landeskriminalamt Rätselhafte Kratzer auf tödlichen Schrotkugeln

Die Aufgabe des Schusswaffenerkennungsdienstes vom Landeskriminalamt ist es, Patronen und Hülsen einer Tatwaffe zuzuordnen. Eine ungewöhnliche Anfrage aus Bönnigheim weckte jedoch die Neugier des Waffenexperten Volker Schäfer.

Viel Rauch um einen alten Mord: der Waffenexperte des Landeskriminalamts Volker Schäfer demonstriert, wie man vor  200 Jahren ein Gewehr abgefeuert hat. Foto: Lichtgut/Max Kovalenko 12 Bilder
Viel Rauch um einen alten Mord: der Waffenexperte des Landeskriminalamts Volker Schäfer demonstriert, wie man vor 200 Jahren ein Gewehr abgefeuert hat. Foto: Lichtgut/Max Kovalenko

Bönnigheim - Ein dumpfes Ploppen, Rauch, danach der typisch schwefelige Geruch von explodiertem Schwarzpulver: Mehr passiert nicht, wenn Volker Schäfer eine fast 200 Jahre alte Waffe abfeuert – wobei er kein Schrot in den Vorderlader gestopft hat, der Schuss war nur fürs Foto gestellt. „Mit Kugeln drin wäre es schon lauter gewesen“, sagt der 56-Jährige. Schäfer ist Waffensachverständiger beim Landeskriminalamt (LKA) in Stuttgart. „Im Fernsehen werden Leute wie ich vereinfachend Ballistiker genannt“, sagt er. Sein Job ist es beispielsweise, Patronen oder Hülsen, die am Tatort gefunden werden, einer Tatwaffe zuzuordnen.

Sein Büro und seine Werkstatt liegen in einem unscheinbaren grauen Klotz in Stuttgart. Kein Schild, nicht mal an der Klingel, weisen darauf hin, dass hier das Landeskriminalamt eine Niederlassung hat. Und das hat seine Gründe: Im Waffenraum lagern hier knapp 4000 verschiedene Gewehre und Pistolen, die meisten aus abgeschlossenen Verfahren. Schäfer kann jede einzelne davon benennen. „In diesem Beruf ist es nützlich, alt darin zu werden“, sagt der Experte.

Der Bürgermeister-Mord bricht einige Rekorde

Seit 18 Jahren macht er diesen Job, und er hat in dieser Zeit schon einiges erlebt. Eine Anfrage aus Bönnigheim ließ den Waffen-Experten jedoch aufhorchen: Es geht um den Mord an dem Bürgermeister Johann Heinrich Rieber im Jahr 1835. Die ehemalige US-Staatsanwältin Ann Marie Ackermann, die mittlerweile in Bönnigheim lebt, hat den Fall aufgearbeitet und ein Buch darüber geschrieben. Mittlerweile hat auch ein deutscher Verlag Interesse an der True-Crime-Geschichte mit dem Titel „Death of an Assassin“ bekundet.

Der Fall bricht aus Ackermanns Sicht einige Rekorde: Zum einen wurde der Mord erst 37 Jahre später aufgeklärt. Zum anderen wurde die Belohnung, die zur Identifizierung des Mörders vom Gemeinderat ausgeschrieben worden war, erst dieses Jahr, also 183 Jahre nach dem Mord, an Nachfahren des Hinweisgebers ausbezahlt – ein Detail, das bald im Guinness-Buch der Rekorde landen könnte . Schäfers Interesse weckte jedoch ein anderes Detail: der damalige Untersuchungsrichter Eduard von Hammer führte ballistische Tests durch, die erst 50 Jahre später zum kriminologischen Standard wurden.

Hat ein Württemberger die forensische Ballistik erfunden?

Die These der Autorin Ackermann: Die forensische Ballistik wurde von diesem Württemberger erfunden. Bislang führt die wissenschaftliche Fachliteratur dafür den Franzosen Alexandre Lacassagne an, einen Pathologie-Professor und Arzt, der 1885 eine Kriminologie-Schule in Lyon gründete. Ackermann wollte von Schäfer wissen, ob Hammers Tests heutigen Maßstäben der forensischen Ballistik entsprechen. Er konnte damals zwar nicht den Täter fassen, aber besondere Kratzer auf den Schrotkugeln, die man in Riebers Körper fand, brachten Hammer auf die Spur, dass die Tatwaffe einen seltenen gezogenen Lauf hatte. Dadurch konnte Hammer zumindest die meisten der Verdächtigen in Bönnigheim aussschließen, da diese nur Gewehre mit glattem Lauf besaßen.

„Dieser Fall hat mich sofort interessiert“, sagt Schäfer. Also besorgte Schäfer sich ein gleichartiges, historisches Gewehr und feuerte im Beisein von Ackermann verschieden große Schrotkugeln ins Wasser – und siehe da: die Kugeln wiesen ähnliche Spuren auf wie jene, die auf Rieber gefeuert worden waren.

Hammer durfte seine neue Test-Methode nicht veröffentlichen

Dennoch könne man Hammer nicht als neu entdeckten Begründer der forensischen Ballistik feiern: „Er hat aus dem Fall das rausgeholt, was damals ging“, sagt Schäfer. Sprich: er hat über 80 Verdächtige ausgeschlossen. Aber anders als bei den bald nach dem Mord aufkommenden Hinterlader-Gewehren hinterlassen Vorderlader keine reproduzierbaren, individuellen Spuren am Geschoss. Hammer hätte also, anders als Lacassagne 50 Jahre später, nie mit Sicherheit sagen können, dass das Schrot aus der Waffe des ausgewanderten Mörders geschossen worden war.

Vielleicht wäre Hammer die Ehre einer Erwähnung als Pionier der forensischen Ballistik zuteil geworden. Doch er musste seine Erkenntnisse aus den ballistischen Tests geheim halten, da der Fall noch nicht gelöst war. Er hatte also nie die Gelegenheit, seine neuen Test-Techniken zu veröffentlichen. Als sein Nachfolger im Amt den Fall im August 1872 als gelöst abschloss, war Hammer bereits verstorben.