Historisches aus Beilstein Bildhauer Alfred Lörcher wurde auch vom Bottwartal inspiriert

Bildhauer Alfred Lörcher mit Ehefrau Hilla um 1959 aus dem Bestand des Malers Manfred Henninger Foto: Deutsches Kunstarchiv des Germanischen Nationalmuseums

Sein Spätwerk setzte Standards: Bildhauer Alfred Löcher, von internationalen Progressiven bewundert, ließ sich auch im Bottwartal inspirieren.

Sinnierend, so scheinen die kubisch reduzierten Frauenfiguren des Bildhauers Alfred Lörcher. Das brachte ihm den Beinamen „Schwäbischer Maillol“ ein, manchen erinnerten sie an die Werke des französischen Künstlers Aristide Maillol. In seinem Spätwerk schlug Lörcher dann einen anderen, vielfigurigen Weg ein. Auch aus dem Bottwartal inspiriert: 1941 hatte sich der Künstler ins – heute zu Beilstein gehörende – Billensbach zurückgezogen, lebte dort zehn Jahre, bevor er seinen Wohnsitz nach Stuttgart verlegte.

 

Dort hatte er am 30. Juli 1875 das Licht der Welt erblickt, als einziges Kind von Carl und Mathilde Lörcher. Und dieses sollte in Sachen Kunst herumkommen. Nach einer Lehre bei der Stuttgarter Erzgießerei Stotz studierte er in Karlsruhe, Kaiserslautern, München, tauchte 1902 wieder in Stuttgart auf, führte als freier Bildhauer Grabmäler, Porträts, Siegel und Medaillen aus.

Doch nicht allzu lange. 1905 reiste er ein Jahr durch Italien, um archaische und etruskische Plastik zu analysieren sowie am Florentiner Baptisterium die Reliefs von Andrea Pisano, dem bedeutendsten italienischen Bildhauer des Trecento, so heißt in Italien kunsthistorisch das 14. Jahrhundert. Hernach lebte er in Berlin, bevor er sich im Ersten Weltkrieg freiwillig zum Sanitätsdienst meldete. Als Professor an der Württembergischen Staatlichen Kunstgewerbeschule Stuttgart begann er 1919 zu unterrichten – bis zum Ende des Zweiten Weltkriegs. Obschon den Nazis unter anderem seine angebliche Toleranz gegenüber kommunistischen Studierenden nicht passte, und 1941 sich Kunstgewerbeschule und Kunstakademie zur Staatlichen Akademie der Bildenden Künste Stuttgart zusammenschlossen. Auf seinen künstlerischen Alleingang im Bereich Kleinplastik und Reliefkunst hatte er sich da längst begeben. Dieser sollte Lörcher nicht nur in der deutschen Bildhauerkunst des 20. Jahrhunderts nach oben katapultieren, sondern auch auf dem europäischen Parkett Ansehen verschaffen. Der Kunsthistoriker Kurt Leonhard beschreibt, dass der Künstler von den Progressiven bewundert wurde. „Lörcher wurde erst in seinem letzten Lebensjahrzehnt über die regionalen Grenzen hinaus wirklich bekannt; er gilt mit Recht als einer der Großen, weil sein kühn aufgelöster Altersstil auf überraschende Weise mit den Auflösungsstrukturen einer internationalen Spätzeit übereinstimmte.“

Auch Fassade der Stuttgarter Liederhalle gestaltet

Denn statt in stereometrischen Rundformen mit glatten Oberflächen modellierte er nun seine Figuren stärker, choreographierte sie in bewegten Gruppen und geordneten Reihungen spannungsvoll in den Raum. Auch gestaltete er zeitgenössische Themen in Reliefs wie beispielsweise „Streikgespräch“ oder „Fernseher“. Die „Musikanten“ an der Fassade der 1956 eröffneten Stuttgarter Liederhalle stammen genauso von ihm wie der neue Sparkassenbrunnen nahe der Stiftskirche. Darauf repräsentiert eine knieende Frauengestalt Erntesegen und Erntedank, goldene Letter – von Willy Schönfeld ausgeführt – verweisen auf die Tugend der schwäbischen Sparsamkeit: „Ernte wächst nur, wo gesät, drum spar eh’ es zu spät“. Nicht zu spät war Lörcher auch in eigener Sache: Als er 1962 starb, hatte er schon sein eigenes Grabmal für den Bergfriedhof in Stuttgart entworfen.

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