Historisches aus Beilstein Eine der Pionierinnen der klassischen Moderne ist im Schloss aufgewachsen

Mathilde Vollmoeller-Purrmann studierte Kunst, als das noch für Frauen alles andere als selbstverständlich war. Unter anderem war sie Schülerin von Henri Matisse. Foto:  

Mathilde Vollmoeller-Purrmann wurde 1876 in Stuttgart geboren. Die Burganlage Hohenbeilstein hatte ihr Vater Robert Vollmoeller in ruinösem Zustand erworben und saniert.

Sie gehört zur künstlerischen Avantgarde Deutschlands: Mathilde Vollmoeller-Purrmann. 1876 in Stuttgart geboren, wuchs sie im Hohenbeilsteiner Schloss auf. Die Burganlage hatte ihr Vater in ruinösem Zustand erworben und saniert: Kommerzienrat Robert Vollmoeller – der schwäbische Textilunternehmer war 1910 mit 3000 Mitarbeitern der größte „Trikotagenhersteller“ der Welt – kaufte zahlreiche Grundstücke am Burghang und baute.

 

Von Beilstein nach Berlin

Seine Tochter Mathilde interessierte sich für Literatur und Musik. Sie zog nach Berlin zu ihrem Bruder Karl Gustav, nahm Unterricht bei der Porträtmalerin Sabine Lepsius und dem Berliner Secessions-Maler Leo Freiherr von König. Sie lernte Max Liebermann und Lovis Corinth kennen, traf auf die Literaten Stefan George und Rainer Maria Rilke. Mit letzterem entstand eine Freundschaft. Rilke rühmte, sie lehre ihn, Bilder zu sehen. Mit ihm korrespondierte Mathilde in 99 Briefen, nachdem sie von 1906 an in Paris lebte. Dieser Austausch sollte bis 1920 dauern und als Buch herauskommen.

An der Seine wagte die nun 30-Jährige Ungehöriges für eine Frau: Sie mietete sich ein Atelier, baute als selbstständige Malerin eine Existenz auf, unterstützt vom Vater. Mathilde studierte Malerei an Henri Matisse’ „Académie“, stellte mehrfach erfolgreich im Salon d’Automne und Salon des Indépendants aus. Angesehen war Mathilde Vollmoeller unter den deutschen und den französischen Kunstschaffenden wegen ihres vermittelnden Wesens und ihrer Sprachkompetenz. Sie sprach fließend Englisch, Französisch und Italienisch – dem fremdsprachigen Personal ihrer Kindheit und ihrer Mutter sei Dank. So übersetzte Mathilde den Roman „Liebesbriefe eines englischen Mädchens“ mit ihrem Bruder Karl Gustav ins Deutsche.

In der Stadt der Liebe lernte Mathilde Vollmoeller ihren zukünftigen Mann kennen, den vier Jahre jüngeren Maler Hans Purrmann. Sie machte Eindruck auf den Handwerksohn aus Speyer, menschlich wie künstlerisch. „Die stetige ,Sehnsucht nach dem Anderen’ war ein Thema des Künstlerpaares; das Andere wahrzunehmen, war für beide ein existentielles Bedürfnis“, sagt Felix Billeter, Leiter des Hans-Purrmann-Archivs, und Maria Leitmeyer, Kustodin des Purrmann-Hauses.

Lange warb der Maler um die Unabhängige. Im Pariser Winter 1908/09 schrieb er: „Liebes Frl. Vollmoeller, mein Kopf und mein Gemüth sind in Aufregung und Unruhe und ich verliere mich Ihnen zu sagen, wie sehr ich die Ursache darin in den Gedanken an Sie suchen muß.“ Sie sagte ja, am 13. Januar 1912 in Stuttgart. Drei Kinder hatte „das Künstlerpaar der klassischen Moderne“. Nach Beilstein kam die Familie zur Sommerfrische 1914 – und verließ es nicht bis 1916, da der Erste Weltkrieg eine Rückkehr nach Paris verhinderte. Nach Berlin, Langenargen und Rom ging das Paar 1935 ins Exil nach Italien – Purrmanns Kunst war in Hitlerdeutschland als „entartet“ geächtet. In Florenz unterhielten die beiden bis 1943 eine freie Insel der Kunst.

Im Juli desselben Jahres starb Mathilde Vollmoeller-Purrmann in München an Krebs. Ihr Werk, circa 360 Ölgemälde und Aquarelle, wurden 1999 im Nachlass wiederentdeckt, das Purrmann-Haus in Speyer zeigt einen Ausschnitt in der Dauerschau. 2500 Briefe und andere Dokumente sind bei ihrer Tochter Regina Purrmann.

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