Historisches in Bonlanden Bürger sorgt sich um alten Ortskern

Diese Nische ist für  Jens Damaschke  exemplarisch: Der historische Schafhof verfällt, Neues wird gebaut, was aus seiner Sicht nicht hineinpasst. Foto: /Caroline Holowiecki
Diese Nische ist für Jens Damaschke exemplarisch: Der historische Schafhof verfällt, Neues wird gebaut, was aus seiner Sicht nicht hineinpasst. Foto: /Caroline Holowiecki

Der Schafhof ist marode, der Farrenstall wurde jüngst abgerissen. Stattdessen entstehen moderne Häuser. Ein Bürger fragt sich: Geht das nicht besser? Die Zuständigkeiten sind allerdings komplex.

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Bonlanden - Der Schafhof gehört zu den prägenden Gebäuden in Bonlanden. Er stammt vermutlich aus dem 17. Jahrhundert, verrät eine Infotafel. Das Fachwerkhaus ist Teil des historischen Rundgangs, ein Schmuckstück ist es aber nicht mehr. Balken wirken morsch, der Putz ist stellenweise ab. Besonders dramatisch ist die Situation an der Südseite. Sie wird durch Planen geschützt, teils kann man durch Löcher ins Haus lugen. Und auch die Wette davor – die laut Schild einzige noch erhaltene im Ort – hat bessere Tage gesehen. Laub im Lauf verrät: Wasser plätschert hier schon länger nicht mehr.

Jens Damaschke blutet bei dem Anblick das Herz. Der 41-Jährige lebt in der Nachbarschaft in einem Haus von 1892. „Ich bin hier zur Schule gegangen, meine Mutter auch. Ich würde mich als Ur-Bonländer bezeichnen.“ Der Zustand des historischen Zentrums seiner Heimat betrübt ihn. Er hat das Gefühl, man lasse Ortsbildprägendes verkommen. Als Beispiel nennt er den Farrenstall von 1877, der jüngst wegen Einsturzgefahr abgerissen wurde. „Man hätte vor 20 Jahren eingreifen müssen, um nicht von heute auf morgen festzustellen, dass die Statik schlecht ist“, klagt er.

Die Krone fristet ein trauriges Dasein

Gebäude, denen dasselbe Schicksal blühen könnte, will er schon ausgemacht haben. Die Krone friste ein trauriges Dasein, und dann sei da eben der Schafhof. Gebäude, die er für schützenswert hält. Was passieren kann, wenn Altes weicht, sieht Jens Damaschke überall im Ort. „Wir haben hier immer wieder Verbrechen begangen“, sagt er. Die Metzinger Straße sei für ihn ein Beispiel dafür, wie eine Modernisierung den Charakter eines Orts negativ verändere. „Der Teil ist verloren meiner Meinung nach.“ Auch, was aktuell gleich neben dem Schafhof passiert, gefällt ihm nicht. In einer Baulücke ist ein Mehrfamilienhaus mit einem aparten dunklen Anbau entstanden. Zum Ensemble gehört ein Verschlag. Der grenzt unmittelbar an den Schafhof. „Wer genehmigt so was? Ich verstehe, dass wir Wohnraum kreieren müssen, aber bitte mit etwas Feeling.“

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Das Thema ist komplex. Viele Ämter, unterschiedliche Zuständigkeiten. Zum Fall des modernen Neubaus kann Bernd Lahr, der Leiter des Amtes für Stadtplanung und Stadtentwicklung, aus den Unterlagen ersehen, dass das Projekt 2018 vom Gestaltungsbeirat „auf Herz und Nieren geprüft“ worden sei und dass es keine Einwände gegeben habe. Einen Bebauungsplan gebe es fürs betreffende Gebiet seines Wissens nicht. Die dann geltende Regel, dass sich ein Neubau in den städtebaulichen Zusammenhang einfügen müsse, betreffe aber zumeist lediglich Volumen oder Höhe, weniger den Look eines Hauses. Er betont: „Die Baufreiheit des Architekten ist im Grundgesetz verankert.“ Sprich: Es gibt Dinge, die formal nicht abzulehnen sind. Eine Erhaltungssatzung, die zum Zweck habe, den Charakter eines Gebiets in seinen Grundzügen zu bewahren, sei für Bonlanden zwar in der Bearbeitung, aber es gebe noch keinen Satzungsbeschluss.

Der Schafhof steht unter Denkmalschutz

Beim Schafhof ist alles noch komplizierter. Das unter Denkmalschutz stehende Gebäude gehört nicht der Stadt, sagt Marcus Schölkopf vom Hochbauamt. Die Stadt habe also keine Möglichkeit einzugreifen, es sei denn, die Standsicherheit sei bedroht. Sandra Gmehling, die neue Leiterin des Baurechtsamts, bestätigt das. „Nach dem Denkmalrecht haben die Eigentümer die Verpflichtung zum Erhalt – zum wirtschaftlichen Erhalt“, sagt sie, damit sei aber keine attraktive Sanierung verbunden. Ebenso wenig könne man Eigentümer verpflichten, ihr Haus zu verkaufen. „Ich vermute, die Politik müsste das thematisieren“, sagt Marcus Schölkopf. Dass die Stadt den Farrenstall habe verkommen lassen, weist er indes von sich. Der Abbruch des Gebäudes sei bereits 2013/14 empfohlen worden, da eine Sanierung unwirtschaftlich gewesen wäre. „Das sind öffentliche Gelder.“ Freilich hingen viele Bürger an den alten Gebäuden, ein Abriss eines historischen Bauwerks werde daher im Rathaus nie leichtfertig angeordnet.

Jens Damaschke bleibt dabei: Unwiederbringliches werde plattgemacht. „Ich möchte nicht der Bruddler sein, aber für mich hat ein regelrechter Ausverkauf stattgefunden“, sagt er. Jüngst ist in Bonlanden wieder ein altes Fachwerkhaus abgerissen worden, an der Oberdorfstraße nahe der Kirche. Ein Bagger steht in einem Schutthaufen. Für Jens Damaschke ist es wieder ein Haus weniger. „Für mich stellt sich die Frage, wo es hingeht. Mir fehlt das Konzept.“




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