InterviewHistorisches Volksfest 2018 in Stuttgart „Zurück zu den Wurzeln des Volksfests“

Von Frank Rothfuß 

Heimathistoriker Wulf Wager erläutert, warum 2018 das Volksfest von Bad Cannstatt nach Stuttgart verpflanzt wird. Im Rück- und Ausblick darf natürlich der Revolverheld Buffalo Bill nicht fehlen.

Das Volksfest steht 2018 unter ganz besonderen Vorzeichen. Foto: Andreas Rosar
Das Volksfest steht 2018 unter ganz besonderen Vorzeichen. Foto: Andreas Rosar

Stuttgart - Das 172. Volksfest ist zu Ende. 2018 feiern Volksfest und Hauptfest runde Geburtstage. Deshalb wird auf dem Schlossplatz ein historisches Volksfest gefeiert. Ideengeber Wulf Wager erzählt über Erntedank, Deien, die Gespielin des Königs und Buffalo Bill.

Herr Wager, begehen Sie ein Sakrileg?
Gott bewahre, warum?
Weil Sie das Cannstatter Volksfest nach ­Stuttgart bringen und es auf dem Schlossplatz abhalten wollen.
Das wäre in der Tat ein Sakrileg. Doch das würde ich nie tun. Da dürfte ich mich in Bad Cannstatt nicht mehr blicken lassen, die würden mich in Sauerwasser ertränken. Nein, wir veranstalten acht Tage lang ein historisches Volksfest, weil es 2018 ein doppeltes Jubiläum zu feiern gibt.
Welches?
200 Jahre Volksfest und das 100. Landwirtschaftliche Hauptfest. Wir müssen zu diesem Jubiläum unbedingt auf die Wurzeln des Festes zurückgehen. Rund um den Wasen hat es leider keinen Platz. Also müssen wir ausweichen. Und warum soll man das größte Fest des Landes nicht im Herzen des Landes feiern, auf dem Schlossplatz?
Braucht es jetzt auch noch Bierzelte und ­Ballermann auf dem Schlossplatz?
Braucht es nicht. Und das wird es auch nicht geben, keine Angst. Wie gesagt, wir kehren zu den Wurzeln zurück.
Im Ursprung war es ein Erntedankfest. Anders als das Oktoberfest, das ist ja eine aus der Fugen geratene Hochzeit.
So könnte man es sagen. Lassen Sie uns einmal in die Vergangenheit reisen. Fast 200 Jahre zurück. Das Jahr 1816 galt als Jahr ­ohne Sommer. Nach dem Ausbruch des Vulkans Tambora in Indonesien hatte die Asche auch in Süddeutschland den Himmel verdunkelt, auf den Feldern wuchs nichts mehr, die Menschen hungerten. Als man wieder eine Ernte einfuhr, zu essen hatte, stiftete König Wilhelm I. ein „Landwirthschaft­liches Fest verbunden mit einem Volksfest“. Damit wollte man auch die Landwirtschaft reformieren und modernisieren.
Das Volksfest war also eine Agrarmesse?
Das Volksfest war früher völlig anders. Das können Sie nicht mit der ­Massenparty von heute vergleichen. Zunächst hat das erste Volksfest einen Tag lang gedauert.
Heute sind es 17 Tage, da lässt sich mehr Bier verkaufen.
Damals wurde auch getrunken, vor allem Most. Es war ein landwirtschaftliches Fest, die Bauern aus dem ganzen Land haben ihre Tiere nach Cannstatt getrieben, um sie zu zeigen und prämieren zu lassen. Der Mittelpunkt des Festes war eine ovale Bahn auf dem Wasen, darin wurden die Tiere vorgeführt, es fanden Pferderennen statt. Und so viele Menschen müssen natürlich essen und trinken.
Und wollen unterhalten werden.
Ja. Deshalb kamen die Bänkelsänger, die Gaukler, die Bauchredner, die Bärenführer. Und auch die Krämer. Man hat schließlich schon immer gerne eingekauft. Die Schausteller und Händler waren aber zunächst am Rande des Geländes untergebracht. Das erste Festzelt wurde beispielsweise erst 1841 aufgebaut. Doch wie gesagt, damals trank man eher Most und Wein als Bier. Und vor allem Limonade. Die gibt’s bei uns natürlich auch.
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