Historisches Waldenbuch Kleine Bausünden trüben den Altstadtcharme

Hui trifft pfui: Garagenvorbau, Betongeländer und Autos entzaubern den Blick aufs Schloss. Foto: /Stefanie Schlecht

Im Zuge eines Förderprogramms werden in Waldenbuch nach und nach Gebäude saniert. Ein Rundgang zeigt, wie wichtig Details sind.

Böblingen: Leonie Schüler (lem)

Ganz klar: Die Waldenbucher Gemeinderäte kennen ihre Heimatstadt wie ihre Westentasche. Trotzdem oder gerade deswegen empfahl ihnen die Sanierungsberaterin Christine Keinath beim Rundgang durch die Altstadt am Dienstagabend: „Versuchen Sie, ab und zu mit dem Blick eines Auswärtigen auf die eigene Stadt zu gucken und zu schauen: Wie wird man als Besucher hier empfangen?“ Die Stadtplanerin, die die Sanierung des erweiterten Altstadtgebiets betreut, betonte immer wieder, welchen Schatz Waldenbuch mit seinen verwinkelten Gassen, historischen Fachwerkhäusern und dem pittoresken Flair hege – und dass es ihn unbedingt zu wahren gelte. „Waldenbuch lebt von seinem Erscheinungsbild“, sagte Keinath. Wenn man wolle, dass sich Geschäfte ansiedeln und Besucher auch wiederholt vorbeikommen, müsse es gepflegt werden.

 

Die Altstadt aufhübschen

Das Sanierungsprogramm, bei dem Bund und Land 2,1 Millionen Euro Fördergeld zuschießen, läuft seit dem Jahr 2019 und dauert bis April 2028 an. Das übergeordnete Ziel ist, salopp formuliert, die Altstadt noch hübscher herauszuputzen. Im Baurecht würde man davon sprechen, „Missstände zu beseitigen“, sagte Keinath. Sowohl Privatpersonen als auch Investoren oder die öffentliche Hand können für umfassende Sanierungen ihrer Gebäude in der Altstadt Zuschüsse beantragen. Einigt man sich auf einen Modernisierungsvertrag, werde ein Viertel der Kosten aus dem Fördertopf übernommen – „solange Geld da ist“, sagte Keinath.

An der Vorderen/Hinteren Seestraße werden die alten Gebäude aus dem 17. und 18. Jahrhundert erhalten. /Stefanie Schlecht

Beim Rundgang zeigte die Sanierungsberaterin den Gemeinderäten einige Gebäude, die im Rahmen des Förderprogramms bereits erfolgreich saniert wurden, die momentan oder demnächst renoviert werden und auch einige Beispiele, bei denen bauliche Maßnahmen aus städtebaulicher Sicht misslungen sind. Erster Stopp war an der Vorderen und Hinteren Seestraße, wo ein Investor unter dem Begriff „Aichpromenade“ acht alte Gebäude aus dem 17. und 18 Jahrhundert nach und nach umfassend saniert. Die Gebäudereihe war lange weitgehend leer gestanden und es hatte Überlegungen gegeben, sie abzureißen. Keinath zeigte sich froh, dass sie erhalten bleiben und der Waldenbucher Altstadt einen charmanten Rahmen geben. Am Beispiel des unweit entfernten Seniorenheims, das recht klobig neu gebaut wurde, sagte sie in Bezug auf das äußere Erscheinungsbild: „Wenn man alte Häuser abreißt, dann wird halt oft so was draus.“

Welcher Dachziegel passt ins Gesamtbild?

Ein Vorteil des Förderprogramms ist es, dass Keinath und ihr Team als Sanierungsbetreuer beratend zur Seite stehen und darauf einwirken können, dass alle baulichen Maßnahmen zum historischen Gesamtbild passen – so zum Beispiel bei der Farbgestaltung der Häuserzeile an der Vorderen und Hinteren Seestraße. Bei drei Terminen habe man zusammen mit dem Bauherren überlegt, welcher Außenanstrich und welche Dachziegel passen könnten. „Wir zwingen niemandem eine Farbe auf, sondern schauen gemeinsam, bis es allen gefällt“, beschrieb sie ihre Rolle als Sanierungsberaterin.

Christine Keinath (r.) führte Bürgermeister Chris Nathan (Mitte) und die Gemeinderäte durch die Altstadt. /Stefanie Schlecht

Weniger gelungene Beispiele zeigte Keinath beim Gang durch die kleine Straße „Unter der Mauer“, wo an den Häusern „ein Sammelsurium von Balkonen“ angebracht wurde: kein Geländer gleicht dem anderen, sie sind verschieden breit und auf unterschiedlicher Höhe montiert. „Das geschieht, wenn man sich nicht an die Altstadtsatzung hält“, bemängelte die Architektin. Genauso unschön fand sie die dunkelgrauen Gitterzäune, die an dieser Straße die Grundstücke einiger Häuser umrahmen. Derartige Zäune seien in der Altstadtsatzung, die die optische Gestaltung der Häuser im Ortskern bindend festschreibt, nicht vorgesehen. Es sei wichtig, dass die Stadtplaner konsequent kontrollierten, dass solche baulichen Querschläge nicht vorkämen, da sonst Präzedenzfälle geschaffen würden. „Sonst sagt der nächste, die da drüben haben das ja auch“, warnte Keinath.

Der nächste Halt des Rundgangs war am Altstadtrand an der Straße „Auf dem Graben“, wo im April die Gebäude 10 und 12 im Dachstuhl gebrannt hatten. An die Gemeinderäte gerichtet sagte Keinath: „Wir werden mit Ihrer Hilfe alles tun, damit die Sanierung möglich wird. Das ist ein toller Eingang in die Stadt und es ist das, was Waldenbuch ausmacht.“

Beim schwäbischen Tapas-Lokal „Lucky am Markt“ lobte die Stadtplanerin die Außengastronomie, die mit locker aufgestellten Pflanzenkübeln sehr gelungen sei und das historische Haus nicht abschotte. Am Marktplatz angekommen merkte Keinath an, dass die Sanierung des denkmalgeschützten Waldenbucher Rathauses bald anstehe und ebenfalls von Zuschüssen des Förderprogramms profitiere. Dann lenkte die Architektin die Blicke der Lokalpolitiker nach oben in Richtung Schloss und wies auf klobige Betontröge, die überhaupt nicht zu den historischen Gebäuden ringsum passen. „Vielleicht könnte man die durch leichtere Geländer ersetzen“, regte sie an. Auch der wuchtige Garagenvorbau sollte einmal überdacht werden. „Dann wäre der wunderschöne Platz viel offener“, sagte Keinath.

Bewahren des Altstadtcharmes

Satzung
 1981 verabschiedete der Gemeinderat eine „Satzung zum Schutz der Altstadt“ mit dem Ziel, das Stadtbild der Altstadt zu wahren. Sie ist rechtlich bindend.

Vorgaben
 Unter anderem wird die Anordnung der Gebäude geregelt, ihre Höhe und Breite. Dächer müssen mit gebrannten Tonziegeln gedeckt sein, Außenwände verputzt, Schmuckelemente erhalten werden.

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