Hitler-Attentäter Stauffenberg Ein Held, wenn auch nicht makellos

Stauffenberg: für viele das Gesicht des besseren Deutschlands Foto: akg-images

Der Rückblick auf das Bombenattentat auf Adolf Hitler vor 75 Jahren fällt zwiespältig aus: Claus Schenk Graf von Stauffenberg, der den Sprengsatz zündete, wird von vielen verehrt – und bleibt doch umstritten.

Titelteam Stuttgarter Zeitung: Armin Käfer (kä)

Stuttgart - Der fatalste Moment an jenem schicksalhaften Sommertag war nicht um 12.42 Uhr, als die Bombe explodiert ist. Bis in die Abendstunden blieb die Hoffnung am Leben, der Naziterror, der grauenhafte Krieg, Adolf Hitlers Vernichtungsregime könnten damit ein Ende haben. Um 18.28 Uhr meldete ein Radiosprecher, dass diese Bombe ihr Ziel verfehlt hatte. Um 22.50 Uhr wurden die Männer festgenommen, die Hitler damit auslöschen wollten. Noch in der Nacht wurden sie erschossen, ihre Leichname verscharrt, später wieder ausgegraben, verbrannt, die Asche auf Feldern verstreut. Beginnt so eine Heldengeschichte?

 

Der fatalste Moment an jenem 20. Juli 1944 war kurz vor der Mittagsstunde. Claus Schenk Graf von Stauffenberg hantiert da gerade mit einer Flachzange am Zündmechanismus der Bombe, als ein Oberfeldwebel in die Baracke stürmt, in der er den Sprengsatz präparieren wollte. Oberst von Stauffenberg war zu einer „Führerlage“ in die Wolfsschanze beordert worden, eine Betonburg in den ostpreußischen Wäldern, die als militärisches Lagezentrum der Wehrmacht diente. Der Soldat stört ihn bei seiner eigentlichen Mission. Stauffenberg kann den Zünder nicht mit einer zweiten Sprengladung verdrahten. Wäre ihm das gelungen, hätte keiner den Anschlag überlebt. Das Missgeschick rettet Hitler das Leben – und kostet das von Millionen Unschuldigen, die danach noch sterben sollten: jenen 250 000 KZ-Häftlingen, die auf den Todesmärschen umkamen, und den 300 000 bis 400 000 deutschen Soldaten, die gegen Kriegsende jeden Monat gefallen sind. Von den Opfern der Alliierten und in der Zivilbevölkerung ganz zu schweigen.

„Versudelung“ des Ansehens

Der Mann, der das beinahe verhindert hätte, blieb seit dem missglückten Anschlag umstritten – eine schwierige Figur der deutschen Geschichte bis in heutige Zeit. „Für uns war Stauffenberg ein Verräter“, sagt Kurt Salterberg, damals einfacher Wachsoldat in der Wolfsschanze, noch 75 Jahre nach dem Attentat. „Wir in der Truppe verdammten Stauffenberg einhellig“, erinnert sich der Mann, „für uns war Stauffenberg ein Feigling.“ Dennoch kommt er heute zu dem Schluss: „Das Attentat war richtig und wichtig.“ Hitler selbst wusste gleich, wo er die Täter zu verorten hatte: „Das waren die vons“, wütete er, noch in zerfetzter Uniform, kaum dass die Bombe detoniert war. Er verdächtigte eine Opposition vorwiegend aristokratischer Frondeure in der Wehrmacht. Im Rundfunk war von einer „ganz kleinen Clique ehrgeiziger, gewissenloser und zugleich verbrecherischer, dummer Offiziere“ die Rede.

Das Deutungsmuster der Nazis hat auch die Kapitulation und den Neubeginn eines demokratischen Deutschlands überlebt. Noch 1951 missbilligten 30 Prozent aller Bundesbürger den Anschlag. Erst ein Jahr später beklagte Bundespräsident Theodor Heuss öffentlich die „Versudelung“ des Andenkens an die Widerständler um Stauffenberg. Am zehnten Jahrestag des 20. Juli würdigte er deren Motive, die er umschrieb als „der reine Wille, den Staat der mörderischen Bosheit zu entreißen und das Vaterland vor der Vernichtung zu retten“. Der Historiker Fritz Stern, Augenzeuge der Gedenkrede, notierte damals: „Selbst Heuss fühlte sich gezwungen zu rechtfertigen, was eigentlich hätte gefeiert werden müssen.“

„Wiederherstellung der Majestät des Reiches“

Was Stauffenberg antrieb, welche Ziele er verfolgte und seine geschichtspolitische Rolle bleiben fragwürdig. Das hat mit seinem Werdegang zu tun, seinen Überzeugungen, einer zeitweiligen Nähe zum Nationalsozialismus. Der Adelsspross trat 1926 in die Reichswehr ein und machte dort rasch Karriere. Ein elitäres Standesbewusstsein, Korpsgeist, Nationalstolz und eine Neigung zu der mystischen Deutschtümelei des Dichters Stefan George prägten sein Denken. Abschätzige Bemerkungen über Juden sind überliefert. „Er fühlte sich im Krieg in seinem eigentlichen Element“, heißt es in einer eher wohlwollenden Biografie von Ulrich Schlie. Die Wende vom pflichtbewussten Wehrmachtsoffizier zum Widerstandskämpfer vollzog sich nicht vor 1942, vielleicht auch erst nach der Katastrophe von Stalingrad im Jahr danach – als der Krieg offenkundig verloren war. Welchen Zielen galt der geplante Staatsstreich? „Erste Aufgabe ist die Wiederherstellung der vollkommenen Majestät des Reiches“, so die Verschwörer in einer vorbereiteten Regierungserklärung. Von der „Sicherung des Rechts und des Anstandes“ ist da auch die Rede – und von einem sofortigen Stopp der Judenverfolgung.

Für manche wurde Stauffenberg nach Ende des Zweiten Weltkriegs zu einer Art Projektionsfläche, auf der sie ein entlastendes Kontrastbild zu den Verbrechen der Nazizeit erkennen wollten: Sie stilisierten ihn zu einem Märtyrer des anderen, „guten“ Deutschlands. So wurde er zur Identifikationsfigur einer staatstragenden Erzählung. An diesem Mythos kratzt der Schriftsteller Thomas Karlauf. In einer umstrittenen Porträtstudie zeichnet er die Symbolgestalt des deutschen Widerstands als letztlich unpolitischen Menschen und hinterfragt die Chiffre vom „Aufstand des Gewissens“. Stauffenberg habe ein reiner „Ethos der Tat“ angetrieben. Die gängige Legende vom 20. Juli 1944 sei ein „deutsches Missverständnis“.

Viele Möchtegerne-Stauffenbergs im rechten Milieu

Missverständnisse gibt es freilich viele. In rechten Kreisen hielt sich lange das von den Nazis geprägt Klischee vom Verräter. Andererseits finden sich den Reihen der AfD neuerdings viele „Möchtegern-Stauffenbergs“, so der Historiker Michael Sontheimer, die wie André Poggenburg dessen „ehrlichen, wahren Patriotismus“ für ihre Zwecke vereinnahmen wollen. Unter Linken gilt Stauffenberg als zwielichtiger Held, weil er „ein faschistisches Deutschland ohne Hitler, Auschwitz und Krieg, wohl aber mit der rassistischen Ordnung und dem arischen Gemeinwesen“ angestrebt habe, so schreibt eine Frau, die sich zu den Idealen der Kommunistin Rosa Luxemburg bekennt, in einem aktuellen Blogbeitrag für die Zeitung „Der Freitag“.

Die Geschichtsklitterung treibt seltsame Blüten. „Ich erinnere mich an anonyme Postkarten an meinen Vater in meiner Schulzeit, in denen RAF-Terroristen als Stauffenbergs Erben bezeichnet wurden“, erzählt Sophie von Bechtolsheim, eine Enkelin des Hitler-Attentäters. Sie verwahrt sich just gegen dieses Etikett: „Mein Großvater war kein Attentäter“, lautet der Titel ihres Buchs zur Ehrenrettung des berühmten Vorfahren. „Beim Begriff Attentäter denken wir an Terroristen, die mit Gewalt Aufmerksamkeit erregen wollten. Der Umsturzversuch vom 20. Juli 1944 war das Gegenteil davon: der Versuch, Terror und Tyrannei zu beenden.“

„Vorbild pour toujours“?

Was wäre aus Deutschland geworden, wenn Stauffenbergs Bombe ihren Zweck erfüllt hätte? „Der nachfolgende Staat wäre wohl nicht demokratisch gewesen“, meint der Politikwissenschaftler Herfried Münkler. Seine Sympathie für den Hitler-Attentäter klingt kühl: „Die handelnden Personen bleiben in ihrer Ambivalenz und Tragik interessant.“ Selbst die Konrad-Adenauer-Stiftung sieht in Stauffenberg und den Seinen „keine makellosen Helden“. Der Freiburger Historiker Ulrich Herbert würdigt „den Mut und die Konsequenz“ des Grafen, zieht aber ein zwiespältiges Fazit: „Aus der Gedankenwelt der jungen Rechten der Zwischenkriegszeit erwuchsen der Nationalsozialismus ebenso wie der Wille, ihn zu stürzen.“

Das Stuttgarter Haus der Geschichte zeigt momentan in einer Ausstellungen Dokumente aus Stauffenbergs Leben und thematisiert das disharmonische Echo seines Wirkens. Im Gästebuch findet sich der Eintrag eines Besuchers aus der Bretagne: „Vorbild pour toujours“, schrieb der Mann. Immer noch ein Vorbild?

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