Hitler-Satire „Er ist wieder da“ Das Volk jubelt ihm zu

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David Wnendt lässt in seiner Satire „Er ist wieder da“ Adolf Hitler zurückkehren. Doch der Regisseur („Feuchtgebiete“) versäumt es, die Formen klar zu trennen – mit fatalen Folgen.

Stuttgart - Wenn das der Führer wüsste! Nein, halt, Moment, er weiß es ja jetzt, nämlich dass im deutschen Fernsehen vor allem Kochshows laufen. Das hält er, der auf unerklärliche Weise Wiederauferstandene, für eine ungemeine Schande, wo doch das Fernsehen solch eine mächtige Propagandawaffe sein könnte. Er, Adolf Hitler, will die Kochshows ins Quotennichts drängen und das willige Fernsehen in all seinen Formaten nutzen, ob nun Quasselrunden-, Gameshow- oder Boulevardnachrichten-Unfug, um die Deutschen wieder für seine Ideen zu aktivieren.

Schon Timur Vermes’ Roman „Er ist wieder da“ war 2012 keine Übung in Reizzonenschonung. Die Verfilmung durch David Wnendt ist es noch weniger. Denn ein vor der Kamera umhergockelnder Hitler (Oliver Masucci), komplett mit Gebelfere, Bohrmeißelblick und jenem absurden Stutzbärtchen, das aussieht wie ein Klettverschluss, an dem der schalldichte Maulkorb befestigt gehört, ist etwas anderes als ein Konstrukt aus Worten auf Papier.

Nun gilt der 1977 in Gelsenkirchen geborene Wnendt dank seiner Verfilmung von Charlotte Roches Roman „Feuchtgebiete“ als Mann fürs Heikle. Er will denn auch nicht zündeln, sondern vermutlich wach rütteln. Sein Hitler, der mit einmal in Berlin in einer kleinen Grünanlage liegt wie ein Vogelschiss aus dem Anus dunkeldeutscher Ressentiments, ist nur der Spiegel, in dem sich zeigt, was gerade aus allen möglichen Ritzen kriecht. Wnendt und die Koautorin Mizzi Meyer („Der Tatortreiniger“) übernehmen nur Grundideen der Vorlage. Im Film wird Hitler wird von einem schmierigen Privatsender entdeckt. Dort hält man ihn für einen reichweitenstarken, also unbedingt zu fördernden Comedian. Intern wird er Gegenstand eines Intrigenspiels zwischen der Geschäftsführerin (Katja Riemann), deren Stellvertreter (Christoph Maria Herbst) und einem Videostrizzi (Fabian Busch). Draußen feiert Hitler derweil neue Beliebtheitserfolge.

Hitler stolziert über Plätze, schwatzt am Stammtisch mit

An diesem Punkt setzt die Verfilmung mit Neuem, Eigenem an. Sie übernimmt die Methode Borat, das Vorgehen des britischen Komikers Sacha Baron Cohen, die Realität mit einer provokanten fiktiven Figur zu infiltrieren und zu dokumentieren, was passiert. Masucci stolziert also als Hitler über öffentliche Plätze, geht in Kneipen, schwatzt an Stammtischen mit. Vom Johlen begeisterter Kids über die Knipsorgien kichernder Touristen bis hin zu den rechtsradikalen Auslassungen besorgter Bürger, denen der starke Mann sofort wieder sympathisch ist, bieten sich da schaurig faszinierende Szenarien. Die scheinbaren Dokumentaraufnahmen wirken allerdings auch deshalb so stark, weil die Spielhandlung drum herum zu einer läppischen Pro-Forma-Erzählung verkommt. Riemann und Herbst sind kaum mehr als dreidimensionale Post-it-Zettelchen mit schlichter Beschriftung („zu allem bereit“, „zu noch viel mehr bereit“), die von der Regie vor der Kamera hin und her geschoben werden.

Das alles zersetzende Problem von „Er ist wieder da“ ist die mangelnde Trennung der Formen. Scheinen Spielhandlung und Provokation zunächst noch klar unterscheidbar, machen multiple Kamerapositionen und anderes bald klar, dass auch manche Doku-Szene inszeniert ist. Wie sehr inszeniert, lässt sich nicht klären. Ratlos sitzt man vor Hitler-Bürger-Dialogen, deren Anfang man nicht gesehen hat: Man fragt sich, wie das Auftauchen dieses Gruselführers denn erklärt und wie die Drehsituation beschrieben wurde, wie viel Text man den Laien vorab in den Mund gelegt hat. Das Misstrauen zerstört alle Wirkung.

Nicht einmal beim Abspann, wenn Hitler im weißen Mercedes durch die Straßen kutschiert wird und Bierbrüder, die ihr Weltwissen vollumfänglich mit ihren Tattoos abbilden können, den rechten Arm zum Gruß heben, mag man sich aufregen. Mag sein, dass da spontan KZ-Wärter-Bereitschaft erigiert, mag sein, dass einfach vorher ein paar Geldscheine ausgehändigt wurden. „Er ist wieder da“ bricht also völlig in sich zusammen. Was andererseits das Schönste ist, was man über einen Rückkehrversuch der Hitlerei sagen kann.




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