Herr Zucker, im März haben Sie beklagt, dass der Winter zu wenig Wasser gebracht hat, und auf viel Regen im Sommer gehofft. Haben die Niederschläge in den letzten Wochen ausgereicht, um die Lage bei der Landwirtschaft im Landkreis zu entschärfen?
Das Problem im Lauf des Sommers war die Hitze und die intensive Sonnenbestrahlung. Auch wenn es immer mal wieder Regen gab, es war entschieden zu heiß. Speziell für das Getreide. Wenn es drei bis vier Tage mehr als 33 Grad hat, wird es notreif. Das heißt, die Körner bleiben kleiner.
Also wiederholt sich die von Ihnen prophezeite Situation von 1976, als der Sommer wie auch der Winter extrem regenarm waren?
Nein! Wir hatten ja noch viel Regen. Jetzt ist der Boden voll mit Wasser.
Wie ist die Lage im Strohgäu? Es gilt als besonders regenarm.
Das lässt sich nicht wissenschaftlich belegen, aber der gefühlte Eindruck ist, dass es zwischen Vaihingen und Stromberg eher trocken ist, während es in Richtung Rem-Murr-Kreis tendenziell mehr regnet. Mein Eindruck: Bei uns ist es gnadenlos heiß.
Vergangene Wochen gab es kräftige Hagelschauer. Wie groß sind die Schäden?
Ich kann da nur für uns in Vaihingen/Enz sprechen. Da gab es leichte Hagelschauer, der Schaden hält sich in Grenzen.
Wie war die Ernte bisher?
Beim Winterweizen gibt es Einbrüche um bis zu 30 Prozent. Das ist die Getreideart, die bei uns im Kreis am meisten angebaut wird. Auf bis zu 40 Prozent der Flächen. Bei der Wintergerste gibt es ein leichtes Plus, ebenso beim Winterraps. Der Ertrag bei der Sommergerste liegt im Durchschnitt.
Gibt es Früchte, denen die Hitze bekommt?
Alle, die aus Südamerika stammen. Also Mais oder Sojabohnen. Auch die Zuckerrüben kommen gut damit zurecht, die haben tiefe Wurzeln.
Was können die Landwirte bei Hitze tun –mit Bewässerung gegensteuern?
Dafür ist das Grundwasser bei uns zu tief, man müsste sehr tiefe Brunnen bohren. Beim Gemüseanbau oder bei den Erdbeeren gibt es die Möglichkeit, Teiche anzulegen. Aber da geht es um relativ geringe Flächen. Bei einem Getreidefeld steht der Aufwand in keinem Verhältnis zum Ertrag.
Die Landwirte fahren wegen des Klimawandels die Ernte immer früher ein.
Ja. Ich selbst war in diesem Jahr schon am 19. Juli fertig. Das war so früh wie nie. Die meisten Felder werden jetzt abgeerntet sein. Früher war der August der Erntemonat, im Schnitt ernten wir zwei bis drei Wochen früher als vor 30 Jahren. Die Witterung wird uns sicher noch zu einem Umdenken führen. Im Rheintal bauen sie zum Beispiel schon andere Weizensorten an.
Wie steht es um den Wein? Eine Frostnacht im April hat viel Schaden angerichtet.
Das ist sehr unterschiedlich, aber ich glaube, in der Region ist es teilweise besser als befürchtet. Im Frühjahr bin ich von einem Verlust von 50 Prozent bei meinem Wein ausgegangen, jetzt schätze ich den Verlust auf 20 bis 30 Prozent.
Wie würden Sie allgemein die Situation der Landwirte im Kreis einschätzen: Wird das Höfesterben weitergehen?
Das Wort Höfesterben höre ich nicht gern. Im Kreis ist die Zahl der Nebenerwerbslandwirte konstant bei etwa 50 Prozent geblieben. Die Haupterwerbsbetriebe aber nehmen ab. Was aber eigentlich nichts damit zu tun hat, dass es sich nicht mehr lohnt. Bis zu 40 Prozent der Eigentümer haben ein Problem mit der Nachfolge.
Wie viele Höfe gelten als Großbetriebe?
Große Betriebe sind selten. Im Schnitt bewirtschaftet ein Landwirt im Kreis 34 Hektar. In Bundesschnitt sind es 80 Hektar. Da sind dann aber auch die großen Betriebe im Osten dabei mit bis zu 1000 Hektar.
Wo liegt der Schwerpunkt bei den Agrarbetrieben im Kreis?
Bei uns gibt es wenig reine Ackerbaubetriebe. Weil alle fünf Kilometer eine Ortschaft kommt, fehlt dazu die Fläche. Die meisten halten sich noch Schweine oder Milchvieh, oder sie bauen Obst oder Wein an.
Wenn für alle die gleichen Standards gelten, nicht. Wir sind weltmarktbedingt schon weiter. Die Preise für unsere Produkte werden in Chicago oder an der Warenterminbörse in Paris festgesetzt. Alle sind von allen abhängig. Wenn in China ein Sack Reise umfällt, bestimmt das den Preis weltweit. Die Anleger spekulieren damit, ich als Landwirt verkaufe reale Ware.
Was halten Sie von der Grünen-Forderung nach einer Agrarwende, die den Fokus auf regionale Landwirtschaft richten will?
Ich bin ein Freund der Regionalität, aber das ist nicht die Lösung. Der Biobereich wächst leicht, aber es gibt die Preisschwellen: 80 Prozent der Kunden gucken zuerst auf den Preis. Vor 15 Jahren waren Hofläden im Trend, aber die meisten sind wieder ausgestiegen, weil sie gemerkt haben, dass der Aufwand sehr groß ist. Der Verbraucher will die gesamte Palette, die Selbstvermarkter müssen Vollsortimenter sein.
Das heißt, Sie fahren zweigleisig.
Ja, ich bringe mein Getreide zur regionalen Mühle, aber auch an die Börse.
Bei der Forderung nach Regionalität geht es aber immer auch um kleine Einheiten und um eine Ende der Massentierhaltung.
Massentierhaltung muss nicht ganz schlecht sein. Jedenfalls nicht, wenn alles ordnungsgemäß ist. Wenn 200 Kühe in einem modernen Boxenlaufstall stehen, geht es ihnen zehnmal besser als Kühen, die früher in einem kleinen Stall standen – angebunden, fast ohne Licht und bei schlechter Luft.
Massentierhaltung ist vor allem nötig, um den enormen Bedarf an Fleisch zu decken.
Solange es einer Volkswirtschaft gut geht, wird viel Fleisch gegessen. Das scheint ein Gesetz zu sein. Der Konsum von Schwein ist zwar zurückgegangen, aber jetzt essen die Leute mehr Geflügel oder Rind. Wir sehen Tiere als Geschöpfe an und behandeln sie entsprechend, aber ein Bauernhof ist kein Streichelzoo. Wir können das Lebensumfeld eines Tieres verbessern, aber geschlachtet werden muss es, solange die Menschen Fleisch essen wollen.