Innenstädte, die sich schneller aufheizen, Starkregenfälle, die zu Überschwemmungen führen, oder Trockenheit, die die Landwirtschaft zu Veränderungen Anpassungen? zwingt: Viele Menschen in Baden-Württemberg sind bereits von den Folgen des Klimawandels direkt betroffen. Wie reagieren sie darauf?
Stefanie Schwarz: die Winzerin
Die Erde ist trocken auf dem Weinberg in Untertürkheim, in den vergangenen Tagen hat es kaum geregnet. Auf den Rebflächen der Familie Schwarz am Mönchsberg sind die Reben bereits ausgetrieben. „Wasser fehlte in den letzten Jahren fast immer“, sagt Stefanie Schwarz, 32 Jahre alt, gelernte Winzerin. Die Bewässerung sei deshalb ein riesiges Thema im Weinbau. Stefanie Schwarz zeigt auf einen dünnen, schwarzen Schlauch, der sich an einem der Drähte an der Rebreihe entlangzieht. „Inzwischen machen wir eine Tröpfchenbewässerung in alle jungen Anlagen“, sagt sie. „Wir merken im Weinbau ganz deutlich, dass es heißer und trockener wird – und das Wetter insgesamt extremer.“
Schon als Kind war Stefanie Schwarz mit im Weinberg, die Veränderungen beobachtet sie seit Jahren – und einige davon bereiten ihr durchaus Bauchweh. Die Frage etwa, ob irgendwann die Wasserknappheit zu einem Problem wird – oder die Bodenerosion durch den immer häufiger herunterprasselnden Starkregen. Auch Spätfrost ist ein Thema im hiesigen Weinbau, weil die Reben durch wärmere Temperaturen früher austreiben – und dann doch noch vom Frost erwischt werden. Neue Schädlinge machen den Winzern das Leben schwer – die Kirschessigfliege etwa, die sich seit 2014 hierzulande ausbreitet und nicht nur Obstbäume, sondern auch rote Weintrauben befallen kann. „Diese Art hat hier keine natürlichen Gegenspieler, und bislang gibt es auch kein wirksames Mittel gegen sie“, sagt Stefanie Schwarz.
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Trotz aller Sorgen, die mit den Veränderungen durch den Klimawandel einhergehen, erhält sich Stefanie Schwarz ihren Optimismus. „Manche Bedingungen im Weinbau werden herausfordernder, aber es gibt ja auch die Chance, Neues auszuprobieren“, sagt die 32-Jährige, die internationale Weinwirtschaft studiert hat und inzwischen voll im Weingut mitarbeitet. Seit ein paar Jahren baut die Familie auf ihren zwölf Hektar Fläche rund um Stuttgart neben den Klassikern Trollinger und Lemberger auch Merlot und Cabernet Franc an – Sorten, für die es in der Region noch vor einigen Jahren nicht warm genug gewesen wäre.
Julian Tolias: der Immobilienmakler
Wenn die Immobilienbranche über Klimawandel und Nachhaltigkeit spreche, dann meistens mit Blick auf Heizkosten und Energieausweise, sagt der Stuttgarter Makler Julian Tolias. Die sommerliche Hitze sei bislang kaum Thema. Zwar kann es etwa in Maisonettewohnungen schlecht gedämmter Altbauten sehr warm werden – vor allem im Stuttgarter Kessel, wo die heiße Luft im Sommer regelrecht steht. „Das wird bei Besichtigungen auch oft angesprochen“, so Tolias, „aber es gibt so wenig Wohnungen und so viel Nachfrage. Da machen viele gezwungenermaßen Abstriche.“
Dabei gäbe es zu Hitze und Schlaflosigkeit durchaus Alternativen. Man könnte auch woanders wohnen – auf den Fildern, wo es seltener heiß wird, oder zumindest in einem Gartengeschoss. Bislang überwiege aber bei genügend Menschen der Wunsch, in der City zu wohnen, gegebenenfalls unterm Dach und dann zur Not mit Ventilatoren oder Klimaanlage. Letztere seien aber die Ausnahme. „Vielen ist die Klimaanlage für einige wenige Hitzetage zu teuer, und in denkmalgeschützten Gebäuden ist sie auch gar nicht erlaubt“, sagt Tolias. Wem ein, zwei Grad Temperaturunterschied wichtig seien, der suche ohnehin schon jetzt eher Wohnungen in Waldnähe.
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Dennoch: „In den letzten Jahren drängte alles in die Stadt. Eine Stadtflucht seit der Pandemie sehen wir bei unseren Kunden kaum“, berichtet Tolias. Es gebe eben den typischen Städter, der die Hitze in Kauf nimmt. Gleichwohl würden auch im Speckgürtel mittlerweile „teils verrückte Preise gezahlt, auch ohne S-Bahn-Anschluss“. Nicht zuletzt von Menschen, die der Hitze entkommen wollen.
Die Zahl der heißen Tage wird in Stuttgart zunehmen. Sind dann manche Wohnungen sommers nicht mehr nutzbar? „Erst letzte Woche habe ich wieder eine Maisonettewohnung verkauft. Die hatte ein komplett neues Dach und war sehr gut gedämmt“, berichtet Tolias, „das macht auch im Sommer einen gewaltigen Unterschied, und in diese Richtung wird es gehen, gerade bei Dachgeschosswohnungen in der Innenstadt.“ Auch bei der Begrünung von Dächern oder Freiflächen wie Balkonen sei noch viel zu holen, glaubt Tolias. Bislang sei die Furcht vor sommerlicher Hitze noch nie der Hauptgrund für eine Absage gewesen. Dass es so bleibt, daran ist dem Makler durchaus gelegen.
Katja Schwarz: das Flutopfer
Immer, wenn es stärker regnet, hat Katja Schwarz ein ungutes Gefühl. Denn dann sind die alten Bilder wieder präsent. Bilder, die sie – und die kleine Gemeinde Braunsbach im Kreis Schwäbisch Hall – vermutlich nie vergessen wird. Seien es die Autos, die durch die Straßen gespült wurden, die Baumstämme, die Hauswände durchbohrten, oder die Verwüstung, die rund 50 000 Tonnen Schlamm- und Geröllmasse hinterließen. „Wer nicht dabei war, kann sich nicht vorstellen, was da passiert ist“, sagt sie und meint die schwere Sturzflut, die den Ort am Abend des 29. Mai 2016 traf.
Im Vorfeld der Katastrophe gab es in Deutschland starke Unwetter mit Überschwemmungen und Hagel, besonders betroffen war der Süden. In der 2500 Einwohner zählenden Gemeinde Braunsbach verwandelten sich drei kleinere Flüsse in eine reißende Flut, die vom Tal in den Ort hinabstürzte und binnen weniger Minuten alles mitriss, was ihr in den Weg kam. Wie durch ein Wunder wurde niemand verletzt. Der Sachschaden aber: rund 100 Millionen Euro. Der Wiederaufbau dauerte Jahre.
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Katja Schwarz hat gesehen, wie die Wassermengen durch den Ort rauschten. „Verzweiflung pur“, beschreibt die 50-Jährige ihr damaliges Gefühl. Zum Zeitpunkt der Katastrophe war sie nicht in ihrem Lebensmittelladen D’Schwarz im Ortskern von Braunsbach, zu dem auch ein kleines Café gehört. Laden und Café wurden durch die Flut komplett zerstört.
Erst am Tag danach konnte sie zurück – und fand ein Bild der Zerstörung vor: Straßen voller Schlamm und Geröll, Autos, die auf den Dächern lagen, ein Baumstamm, der die Wand ihres Hauses durchbohrt hatte. Es gab keinen Strom, kein Wasser. Im Laden selbst lagen Kasse, Regale oder Kühltruhe im Raum verteilt. „Das war ein Anblick, den ich im Leben nicht vergessen werde“, sagt sie. Es sei „brutal“, wie viel Kraft solche Wassermassen haben. Schwarz hat Glück, ihre Versicherung übernimmt den Schaden von über einer halben Millionen Euro größtenteils. Und auch das D’Schwarz konnte in einem monatelangen Kraftakt wiederaufgebaut werden.
Hilfe kam damals – wie auch bei der Flutkatastrophe im vergangenen Jahr – aus ganz Deutschland. Die Angst, dass sich das Erlebte wiederholt, bleibe trotzdem, sagt Katja Schwarz. Besonders bemerkt sie das, wenn es wie damals stark regnet. Und das werde es in Zukunft sicher noch häufiger, sagt sie – wegen des Klimawandels.