Hitze und Wassermangel Iraner sitzen auf dem Trockenen
Der Regen bleibt aus, die Temperaturen sind unerträglich: Noch nie hat der Iran unter einem solchen Wassermangel gelitten.
Der Regen bleibt aus, die Temperaturen sind unerträglich: Noch nie hat der Iran unter einem solchen Wassermangel gelitten.
Es regnet nicht, die Temperaturen erreichen Rekordniveau, Stauseen und Flüsse trocknen aus. In Teheran könnte die Versorgung mit Trinkwasser bald ganz zusammenbrechen, warnen die Behörden. Schon jetzt reicht der Wasserdruck in der Hauptstadt nicht mehr für die oberen Etagen von Gebäuden. Zu den Folgen von Dürre und Klimawandel kommt das Versagen des Regimes. Präsident Massud Peseschkian räumte ein, langjährige Misswirtschaft habe den Wassermangel verschärft. Wenn in Teheran und anderen Städten das Wasser versiegt, könnte es nach Einschätzung von Experten neue Unruhen geben.
„Es gibt im Moment kein Wasser“, sagt Energieminister Abbas Aliaabadi. Der Wasserkonsum müsse gesenkt werden. Dabei wissen viele Iraner schon jetzt nicht mehr, wie sie duschen, waschen oder die Toiletten spülen sollen. In Teheran wurde der Mittwoch arbeitsfrei erklärt, um durch die Schließung von Behörden und Büros zumindest etwas Wasser zu sparen. Dies soll für den Rest des Sommers dauern.
Zwischen September und Juli sei die Regenmenge im Iran im Vergleich zum Durchschnitt der Vorjahre um 40 Prozent gesunken, berichtete die Zeitung „Tehran Times“. Die Wasserpegel in Stauseen für die Versorgung von Teheran sind um 90 Prozent oder mehr gefallen.
Seit dem Winter müssen die Iraner bereits mit Stromausfällen leben, obwohl ihr Land reich an Öl und Gas ist. Hinzu kommt die Demütigung durch die Niederlage im Krieg gegen Israel im Juni, als sich die iranischen Flugabwehrsysteme als unnütz erwiesen. Seit Wochen gibt es immer wieder Explosionen, die laut Medienberichten von Regimevertretern als Sabotageakte gesehen werden. Viele Bürger hätten das Gefühl, dass ihr Land „im freien Fall“ sei, berichtete die „New York Times“ unter Berufung auf Telefoninterviews mit Iranern.
Wasserkrisen habe es schon in den vergangenen Jahren gegeben, aber nie so schlimm, sagt der Iran-Experte Arash Azizi von der Universität Boston. Sollte das Regime es nicht schaffen, seine Bürger mit Wasser und Strom zu versorgen, stehe der Iran „fast als gescheiterter Staat“ da, sagte Azizi unserer Zeitung. „Davor hat die Regierung richtig Angst.“
Wenn sich die Lage in Teheran oder anderen großen Städten weiter zuspitze, komme die Führung des Landes weiter in die Defensive, sagt Azizi voraus. Erste Proteste gebe es bereits, melden Oppositionsmedien. Vor vier Jahren hatte ein akuter Wassermangel im Südwesten des Iran tausende Demonstranten auf die Straßen getrieben. Der Wassermangel, verbunden mit den Stromausfällen, erschwere den Iranern das Leben immer mehr, schreiben die Experten der Berliner Denkfabrik CMDEG in ihrem Newsletter „Fokus Iran“. Politische Konfliktpotenziale würden „erheblich erhöht“.
Peseschkian bereitet die Iraner auf schwierige Zeiten vor. Gebraucht werde ein umfassender Plan, der die Landwirtschaft ebenso in die Pflicht nehme wie die Verbraucher, und dessen Umsetzung überwacht werden müsse, sagte der Präsident.
Dass Peseschkians Regierung einen solchen Plan entwickeln und in die Tat umsetzen kann, ist unwahrscheinlich, denn Wasserverschwendung hat Tradition in der Islamischen Republik. Der Iran mit seinen 90 Millionen Menschen verbraucht rund 100 Milliarden Kubikmeter Wasser im Jahr, das ist fast doppelt so viel wie die benachbarte Türkei, die eine vergleichbare Bevölkerungszahl hat. Der aus Teheran stammende Chef des UN-Wasserinstituts Uno-Inweh, Kaveh Madani, sagte schon vor Jahren den „Wasser-Bankrott“ für die Islamische Republik voraus.
Mehr als 90 Prozent des iranischen Süßwassers fließen in die Landwirtschaft, obwohl nur zwölf Prozent der Landesfläche bewirtschaftet wird. Veraltete Bewässerungsmethoden, löchrige Pipelines und Agrarprojekte in Wüstengebieten verschwenden viel Wasser, doch der Staat betrachtet die Selbstversorgung mit landwirtschaftlichen Gütern als wichtiges strategisches Ziel.
Subventionen für Grundwasser-Pumpen sind ein weiteres Problem. Die Beihilfen hätten zu einer Ausbeutung der Grundwasservorräte geführt, sagte Djavad Salehi-Isfahani, Experte für die iranische Wirtschaft an der Technischen Universität im US-Bundesstaat Virginia. Wüsten breiten sich aus, Sandstürme werden häufiger.
Hinzu kommen eine lang anhaltende Dürre und der Klimawandel, der die Temperaturen nach oben treibt und die Verdunstung beschleunigt. In einigen Landesteilen wurden in den vergangenen Tagen mehr als 50 Grad gemessen. Auch die Verstädterung im Iran verschlimmert den Wassermangel, stellte die US-Denkfabrik Stimson fest. Präsident Peseschkian denkt laut Medienberichten inzwischen darüber nach, die zentral-iranische Hauptstadt Teheran umzusiedeln.
Energieminister Aliabadi will Wasser aus Afghanistan und anderen zentralasiatischen Ländern importieren, doch es wird Jahre dauern, bis das die Lage im Iran verbessern kann. So viel Zeit habe das Land nicht, sagt Peseschkian: „Wenn wir jetzt nicht schnell handeln, werden die Probleme unlösbar.“
Wasserkrise
Die Hitzewelle trifft das Land inmitten einer Wasserkrise. Laut jüngsten Aussagen von Klimaexperten sind 80 Prozent der Stauseen fast leer. In zahlreichen Städten ordneten die Behörden Zwangsabschaltungen der Wasserversorgung an.
Extreme
Der Iran zählt zu den trockensten Ländern der Erde. In den vergangenen Jahren haben Forscher einen Rückgang der Niederschläge verzeichnet, während Dürreperioden und Sturzfluten zunehmen.