In Stuttgart kann die Temperatur zwischen Filderebene und City um bis zu zehn Grad variieren. Ohne die kühlere Luft aus den Randbezirken würde man in der City verschmachten. Doch diese Kaltluftschneisen sind heiß umkämpft.

Filderzeitung: Judith A. Sägesser (ana)

In Hitzeperioden wie der aktuellen gewinnt das Nesenbachtal zusätzlich an Bedeutung für Stuttgart. Es ist so etwas wie die Klimaanlage für den Stadtkessel. Ohne die kalte Luft, die nachts von den Stadträndern oben den Hang hinab ins Tal kriecht, würde man in den Schlafzimmern unten vermutlich verschmachten. Das Problem sei nicht der Tag, sagt Rainer Kapp, sondern die Nacht. Kühle es da nicht ab, könne dies Folgen für die Gesundheit der Menschen haben. Weil der Körper andauernd mit Runterkühlen beschäftigt ist. Rainer Kapp ist Stadtklimatologe und arbeitet für das Stuttgarter Amt für Umweltschutz.

Prognosen zufolge ist nicht davon auszugehen, dass die Sommer in Zukunft kühler ausfallen – im Gegenteil. Laut Experten der ETH Zürich könnte es in Städten wie Stuttgart im Jahr 2050 so warm sein wie heute in Mailand. Das Interesse an Kühlung in den Kommunen wächst. Dabei gilt: Das innerstädtische Klima kann stark schwanken. Laut einer Initiative der Helmholtz-Zentren kann der Temperaturunterschied in manchen Städten bis zu zehn Grad betragen.

Auf den Fildern ist es um einiges kühler als in der Innenstadt

Der Stadtklimatologe Rainer Kapp geht davon aus, dass dies auch für Stuttgart zutrifft. Auf den Fildern beispielsweise sei es grundsätzlich zwischen anderthalb und zwei Grad kühler als unten im Kessel, das habe aber rein topografische Gründe. Dass es in Stuttgart-West sogar zwischen acht und zehn Grad wärmer sein kann als in Sillenbuch, erklärt Kapp so: In den Außenstadtbezirken sei die Landschaft weniger versiegelt, es gäbe weniger Fläche, die Sonnenlicht reflektiert, weniger Verkehr und mehr Wiesen, Bäume und Äcker, die kühlen. Die Innenstadt sei derweil eine „urbane Wärmeinsel“, so Kapp. Besonders warm sei es am auslaufenden Hasenberg.

An den kühleren Randbezirken hängt der Kessel in tropischen Nächten letztlich wie an einem Tropf. Die sogenannten Kaltluftschneisen „sind fast die einzige Möglichkeit, die Nachttemperatur in der Stadt erträglich zu halten“, erklärt Kapp. In Heißzeiten findet er offene Ohren, wenn es darum geht, für diese Luftschneisen zu werben. Was sperrig klingt ist „existenziell“ für die Stuttgarter Innenstadt, wie er sagt. Der wichtigste Zufluss für kühlende Nachtluft in Stuttgart sei das Nesenbachtal. „Es ist relevant, dass man die Kaltluftbahnen nicht behindert.“

Die wichtigsten Schneisen für Kaltluft

Rainer Kapp weiß, dass er mit seinem Anliegen in einen Interessenskonflikt hineingerät. Weil es in Stuttgart nicht nur an kühler Luft, sondern auch an Wohnraum mangelt, rücken die Stadtränder immer wieder in den Fokus der Stadträte. Birkacher Feld, Hoffeld-West, Rohrer Weg – all diese Orte gelten als Kaltluftschneisen. Wobei Kapp einen Unterschied macht: Die kalte Luft vom Birkacher Feld sei fraglos wichtig für Asemwald, Birkach und Steckfeld, für die Innenstadt indessen nicht, weil die Luft von dort ins Körschtal in Richtung Neckar wabert.

Anderes gelte für den Rohrer Weg. Die Streuobstwiesen dort speisen laut dem Stadtklimatologen – zusammen mit Kaltental, Dachswald und dem Elsental – mit ihrer guten Luft das Nesenbachtal. Doch auch sie sind jüngst wieder als möglicher Standort für Wohnungen ins Spiel gebracht worden. Stadtklima und Stadtentwicklung treten bei dieser Frage in Konkurrenz. Dabei mangelt es offenbar teils an der Anschaulichkeit, denn Luft ist eben unsichtbar, und heiße Sommer gehen vorüber. „Wir entdecken keinen Juchtenkäfer“, sagt Kapp. „Wir bringen unsere Bedenken ein, einen öffentlichen Belang.“

Um in der Zukunft, die mutmaßlich auch in Stuttgart weitere, noch heißere Sommer bringen wird, „brauchen wir noch ganz andere Instrumente“, sagt der Stuttgarter Stadtklimatologe und meint Maßnahmen, damit sich die Stadt weniger aufheizen kann. Beispiele sind begrünte Fassaden, Bäume als Schattenspender, aber auch Entsiegelung. „Es wird darum gehen, möglichst wenig Wärme zu emittieren“, sagt Kapp. Seien es Fahrzeugmotoren, seien es Klimaanlagen, die zwar Innenräume runterkühlen, dafür aber die Luft draußen in der Stadt noch weiter erwärmen.

An den Klimawandel anpassen

Förderprogramm
Die Bundesbauministerin Klara Geywitz hat kürzlich ein Programm vorgestellt, das Kommunen dabei unterstützen soll, ihre grünen Freiräume zu schützen. Es handelt sich dabei um Maßnahmen im Zuge der Anpassung an den Klimawandel.

Maßnahmen
Mögliche Maßnahmen, um Städte für in Zukunft heißere Sommer vorzubereiten, sind beispielsweise Trinkbrunnen, schattige Sitzplätze und Trinkwasservernebler. Weitere, eher mittelfristige Möglichkeiten sind, dass sich Gebäude von ihrer Bauweise gegenseitig Schatten spenden, wie es Gerd Landsberg, der Hauptgeschäftsführer des Deutschen Städte- und Gemeindebundes, kürzlich gegenüber dem SWR sagte. ana