Hitzlsperger und Scheck im Literaturhaus Den Rasen lesen

Von Ann-Kathrin Schröppel 

Thomas Hitzlsperger, der Sportvorstand des VfB Stuttgart, beleuchtet mit dem Literaturexperten Denis Scheck im Stuttgarter Literaturhaus die Verbindung von Fußball und Literaturkritik – eine Spielanalyse.

Thomas Hitzlsperger, Péter Horváth und Denis Scheck (v.l.) im Literaturhaus Stuttgart. Foto: Simon Adolphi
Thomas Hitzlsperger, Péter Horváth und Denis Scheck (v.l.) im Literaturhaus Stuttgart. Foto: Simon Adolphi

Stuttgart - Die Seitenwahl ist am Dienstag im Stuttgarter Literaturhaus schnell entschieden: Thomas Hitzlsperger, seit Februar neuer Sportvorstand des VfB Stuttgart, setzt sich klar gegen den Literaturkritiker Denis Scheck durch und nimmt somit als erster die Frage „Was verbindet Fußball und Literaturkritik?“ in Angriff. Unter den Augen von rund 200 Zuschauern im Saal pfeift daraufhin der Moderator Péter Horváth die Partie „Das Leben ist rund!“ an. Als Einstiegsthese formuliert Hitzlsperger: „Es gibt viele Literaturkritiker, die sich für Fußball interessieren, aber nur wenige Fußballer sind treue Anhänger von Literaten“. Da würde man in der Kabine schon mal schräg angeschaut, wenn, anstatt des „Kickers“ oder der „Bild“-Zeitung, eine Fachzeitschrift oder gar ein Sachbuch in der Sporttasche liegen würde, erinnert sich der frühere VfB-Spieler an seine aktiven Zeiten zurück.

Scheck untermauert die Steilvorlage Hitzlspergers mit einer Anekdote aus seiner Zeit beim Deutschlandfunk (DLF). Es soll nicht die letzte unterhaltsame Rückschau in das bewegte Leben des Moderators der TV-Literatursendung „Druckfrisch“ an diesem Abend werden. „In zwanzig Jahren Knechtschaft beim DLF habe ich mit zwei Literaturkritikerkollegen zusammengearbeitet, die sich in jeder freien Minute über Fußball unterhielten.“ Wie er mit dieser „Vokaldiarrhö“ all die Jahre leben konnte, sei ihm bis heute ein Rätsel, resümiert Scheck mit einem Augenzwinkern.

In der zweiten Hälfte wird es persönlich

Während die Minuten von der Uhr laufen, entwickelt sich die Veranstaltung in der zweiten Halbzeit in eine persönlichere Richtung. Anhand einzelner privater Erlebnisse lassen beide Gäste das Publikum an ihrem jeweiligen Werdegang teilhaben. Wieder übernimmt Thomas Hitzlsperger die Kapitänsbinde und besinnt sich auf die Anfänge seiner Fußballerkarriere bei seinem Heimatklub VfB Forstinning inmitten der Münchner Schotterebene. „Ich bin als der jüngste von fünf Brüdern auf einem Bauernhof großgeworden. Meine Eltern und meine Geschwister waren mit der täglichen Landarbeit beschäftigt. Für Bildung war bei uns zuhause nie viel Platz, Bücher waren da nie ein Thema.“, verrät der VfB-Sportvorstand im Gespräch. Er sei als einziger von den Hofpflichten entbunden gewesen, wurde er doch bereits mit sieben Jahren von einem Talentsucher für die Jugendabteilung des FC Bayern München verpflichtet. „Es war immer mein Traum Fußballprofi zu werden“, so Hitzelsperger, der maßgeblich an dem Gewinn der Meisterschaft des VfB Stuttgart 2007 beteiligt war.

„Ich wollte als Kind immer Archäologe werden“, nimmt Scheck den Steilpass seines Gesprächspartners an und erzählt von einem Erlebnis, das ihn als jungen Bub prägte. „In einem Sommer blickte ich morgens vom Fenster unserer Hegnacher Mietwohnung aus urplötzlich auf eine Zeltstadt, die sich unweit unseres Gartens über Nacht gebildet hatte.“ Ein Team von Archäologen führte im Waiblinger Stadtteil Hegnach in den Siebzigerjahren Grabungsarbeiten zur Sicherung eines keltischen Fürstengrabes durch. „Ich wurde das Teammaskottchen. Was glauben Sie, welchen Eindruck diese Geschehnisse auf einen Sechsjährigen machten“, berichtet Scheck mit ungebrochener Begeisterung.

Erster Auftrag bringt 2200 D-Mark

Seine literarische Laufbahn brachte der in Stuttgart geborene Scheck dann im Alter von 13 Jahren mit dem Verkauf von lizenzierten Artikeln und Übersetzungen auf den Weg. Zu seinen ersten Kunden gehörte damals der „Playboy“, bei diesem Geschäft verdiente er die überaus stolze Summe von 2200 D-Mark. Sein Studium der Germanistik und Zeitgeschichte nahm Scheck dagegen nicht so ernst. „Ich bin zur Universität gegangen wie andere zum Gesangverein.“

Die Bestreitung der Hauptaufgabe der Veranstaltung, nämlich Fußball und Literaturkritik in Relation zu setzen, lässt sich Scheck bei allem Witz und Charme an diesem Abend dann aber doch nicht nehmen. „Für mich sind die Gemeinsamkeiten der beiden Disziplinen die Beurteilung der Leistungsbereitschaft der Menschen, die hohe Anforderung an Professionalität, sowie die Liebe und Faszination zum jeweiligen Gegenstand, der die Professionen bestimmt.“ Dieser Weitsicht Schecks hat auch Thomas Hitzlsperger nichts mehr hinzuzufügen. Allerdings fällt dem ehemaligen Fußballer in der letzten Viertelstunde des Spiels noch eine bedeutende Aufgabe zu. „Ich habe unserem Trainer Markus Weinzierl versprochen, ihm vom heutigen Abend eine Lebensweisheit mitzubringen.“

Weisheiten für Weinzierl

Welche Weisheit es schlussendlich wurde, lässt sich nicht feststellen. Denis Scheck liefert für diesen besonderen Auftrag in den Gesprächsverläufen des Abends jedoch ausreichend starke Pässe: „Wir sind alle nichts ohne Liebe“, „Macht ist langweilig und doof“, „Geld spielt keine Rolle für ein geglücktes Leben“ oder „Von meinem Hund habe ich in zehn Jahren mehr gelernt als von jedem Buch“. Der versierte Kritiker hält mit seiner Meinung auch in seiner Geburtsstadt nicht hinter dem Berg.

Der finale Schlusspunkt in der Minute des Abpfiffes wird dann aus dem Publikum heraus gesetzt. Ein Gast verleiht der Beziehung der beiden Professionen eine plastische Ebene. Er nennt das „Wunder von Bern“ und die legendäre Radioreportage des Kommentators Herbert Zimmermann als Beispiel für bildhafte Sprache, die die Fantasie der Menschen bei Fußballübertragungen und während des Lesens gleichermaßen anrege. „Aus dem Hintergrund müsste Rahn schießen – Rahn schießt – Tooor! Tooor! Tooor! Tooor!“