Studentin aus Herrenberg Womit eine Hochbegabte im Alltag zu kämpfen hat

Natalie Olderdissen aus Herrenberg ist hochbegabt und hat eine große Leidenschaft: Zeichnen. Foto: Stefanie Schlecht

Im Kindergarten bringt sie sich Lesen und Schreiben bei, mit sechs beginnt sie Cello zu spielen und Zeichnen ist ihre große Leidenschaft. Natalie Olderdissen ist hochbegabt – und hat damit ihre ganz eigenen Probleme.

Böblingen: Melissa Schaich (mel)

Kann ich nebenher malen?“ Vor Natalie Olderdissen liegt ein Notizbuch, die Seiten sind fast alle bunt befüllt. Figuren aus Videospielen oder Fernsehserien zeichnet die 17-Jährige am liebsten. Auch jetzt, während sie spricht. „Da kann ich mich besser konzentrieren“, sagt sie. Wenn sie nicht malt, wackelt der Stift wild in ihren Fingern. Still zu sitzen, fällt der 17-Jährigen, die hochbegabt ist, schwer.

 

Hochbegabt – das sind Menschen, die einen Intelligenzquotienten (IQ) von mindestens 130 haben. Nur auf zwei Prozent der Bevölkerung in Deutschland trifft das zu. Doch das Klischee des Wunderkinds, das wohl vielen vor Augen schwebt, passt auf die meisten Hochbegabten nicht. Auch nicht auf Natalie. Außer einem hohen IQ hat sie auch das Asperger Syndrom – eine Form von Autismus, durch den es ihr schwer fällt, mit anderen zu interagieren. Mittlerweile hat sie Wege gefunden, damit klarzukommen, doch immer wieder muss sie die Hänseleien von Mitmenschen aushalten – einfach nur, weil sie das ist, was als anders gilt.

Im Kindergarten lernt Natalie lesen und schreiben

Im Kindergarten bringt sich Natalie selbst das Lesen und Schreiben bei. Die erste Klasse überspringt sie und beginnt nebenher, Cello zu spielen. Weil sie zusätzlich früh eingeschult wird, ist sie fast zwei Jahre jünger als ihre Mitschüler – und fällt wegen ihres Verhaltens auf. Ihre Mutter Doris Olderdissen hört von Lehrern oft, dass Natalie auf einer Förderschule besser aufgehoben wäre. Doch die Eltern ahnen, dass ihre Tochter, die problemlos die ersten 100 Nachkommastellen von Pi auswendig lernt, etwas anderes braucht: Mehr Input. Denn Natalie stört den Unterricht nur, weil sie sich langweilt. Mit sechs schließlich macht sie am Tübinger Institut für Hochbegabung einen Intelligenz-Test. Das Ergebnis: Durch die Bank weg überdurchschnittlich begabt.

Natalie wird von ihren Mitschülern gemobbt

Doch es bleibt schwierig. Vor allem Hänseleien machen ihr in der achten Klasse zu schaffen. Mitschüler, die sie mit Radiergummikrümeln bewerfen. Oder rufen: „Du gehörst hier nicht her.“ Oder sie „Behindi“ nennen. Natalies Mutter kann sich nur zu gut an die Demütigungen erinnern, die ihre Tochter erlebt hat. Natalie selbst sagt, sie hätte das meiste verdrängt. „Das war so traumatisch.“

Auf das Stiftsgymnasium in Sindelfingen, das als einzige Schule im Landkreis eine Begabtenförderung anbietet, will Natalie nicht wechseln – der Schulweg ist ihr von Herrenberg aus zu lang. In dieser Zeit schreibt sie viel Tagebuch und zeichnet. So entsteht eine Comicreihe aus Strichmännchen mit dem Titel: „Natalie, das Mädchen vom Mars“.

Vor allem Unfairness verkraftet die 17-Jährige schwer. Mit ihrer direkten Art, Dinge auszusprechen und ihren Finger unverfroren in die Wunde zu legen, treibt sie andere Menschen manchmal zur Weißglut – denn meistens trifft sie mit ihren Beobachtungen mitten ins Schwarze. Zwar wird sie in der Oberstufe weniger gehänselt, doch selbst nach dem Schulabschluss hat sie noch das Gefühl, dass andere Menschen sie anstarren und über sie urteilen. „Die Leute merken, dass bei mir was los ist“, sagt sie. Dass sie es durch ihre Schulzeit geschafft hat, verdankt sie hauptsächlich ihrem besten Freund, erzählt Natalie. „Er hat mich wirklich gerettet.“

Manchmal wird Natalie alles zu viel

Ihre Freunde sind ihre Anker in der Welt, vor allem, wenn sie einen „Overload“ bekommt. Als Hochbegabte hat sie keinen Filter. Wenn sie zum Beispiel im Kino sitzt, sieht sie nicht nur den Film und ihren Freund neben sich. Sondern nimmt auch die Leute drei Reihen hinter sich wahr, die Popcorn essen und miteinander flüstern, und das Pärchen zwei Reihen vor ihr, das knutscht, und auch, dass die Lichter zu hell sind. „Das sind einfach zu viele Informationen auf einmal, die mein Gehirn nicht mehr verarbeiten kann“, sagt die 17-Jährige, die deshalb auch mit Menschenmassen nicht gut klarkommt, stattdessen zunehmend aggressiv wird. „Wenn ich jemanden an meiner Seite habe, auf den ich zählen kann, dann schaffe ich es durch diese Situationen“, erzählt sie.

Mit dem Vorurteil, dass Hochbegabten alles in den Schoß fällt, will die 17-Jährige aufräumen: „Ich bin zwar hochbegabt, aber auch faul“, sagt sie. Vielleicht könnte sie in jedem Schulfach eine Eins schreiben, das heißt aber nicht, dass sie es auch tut. Vor allem Geschichte, Gemeinschaftskunde und Geografie haben sie zu ihrer Schulzeit meist in einen Tiefschlaf versetzt. Das einzige Fach, für das sie wirklich Leidenschaft hat, ist Kunst. Mit einem Kommunikations- und Grafikdesign-Studium in Esslingen verfolgt sie ihre Leidenschaft nun weiter.

Im Landesverband für Hochbegabung können Eltern Kontakte knüpfen

Ihre Mutter will anderen Eltern mit hochbegabten Kindern Mut machen: Sie und ihr Mann haben im Landesverband für Hochbegabung Anschluss gefunden. Dort sind 17 Elterngruppen organisiert – unter anderem die, die sich regelmäßig in Herrenberg trifft. Dort können sich Hochbegabte und ihre Eltern austauschen und gegenseitig unterstützen. Ein klares Zeichen, ob ein Kind hochbegabt ist oder nicht, gibt es nicht wirklich.

Als Tipp für Eltern, die den Verdacht haben, dass ihr Kind ein außerordentliches Denkvermögen hat, sagt Doris Olderdissen: „Wenn ein Kind schnell begreift oder schon früh Spezialinteressen ausbildet, können das erste Zeichen für eine Hochbegabung sein.“

Infos zu den Elterngruppen gibt es online unter: www.lvh-bw.de/elterngruppen

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