Hochdorf muss sich wappnen Die Hochwasser-Gefahr nimmt zu

Im vergangenen Juni kümmerten sich Benjamin Kurz, Birgit Mersdorf und Sascha Baumann (von links) in einer Tiefgarage um die Aufräumarbeiten nach dem Hochwasser. Foto: Roberto Bulgrin

Interview Schäden in Millionenhöhe hatte das letzte Hochwasser im Juni 2024 in der Ortsmitte von Hochdorf verursacht. Bürgermeister Gerhard Kuttler nimmt Stellung zu Fragen rund um mögliche Schutzmaßnahmen.

Region: Corinna Meinke (com)

Das Hochwasser im Juni 2024 hat in Hochdorf Schäden von rund 3,3 Millionen Euro verursacht. Die Wassermenge entsprach einem Hochwasser wie es laut Statistik nur alle 1000 bis 5000 Jahre auftreten dürfte. Besonders betroffen waren mit 2,8 Millionen Euro private Gebäude rund um die Bachstraße. Obwohl die Immobilien mit Schotten geschützt waren, drangen die Wassermassen ein und zerstörten Heizungsanlagen, Wohnungseinrichtungen und Fahrzeuge. Was ist zu tun? Fragen an den Bürgermeister Gerhard Kuttler.

 

Herr Kuttler, warum tagt der Hochwasserausschuss der Gemeinde nichtöffentlich?

Es gab bisher eine Sitzung dieses Ausschusses, bei dem nichtöffentliche Aspekte behandelt wurden. Der Ausschuss fasst keine Beschlüsse. Wir haben anschließend ausführlich in öffentlichen Gemeinderatssitzungen berichtet, beraten und Beschlüsse gefasst. Ohne Fördermittel vom Land können wir große Rückhaltebecken finanziell nicht stemmen. Am Tobelbach könnte es funktionieren, am Talbach liegt das weit außerhalb des Erreichbaren. Wir regen die Betroffenen zu eigenen Objektschutzmaßnahmen an, die wir finanziell unterstützen wollen.

Das Feuerwehrmagazin in der Bachstraße muss bei Hochwasser mit Schotten gesichert werden. Foto: SDMG/ Kohls

Wie will die Gemeinde die Bürgerschaft einbinden, zumal es künftig noch mehr potenziell Betroffene geben dürfte?

Zunächst müssen sich alle bewusst werden, dass sie sich und ihre Objekte im Zweifel selbst schützen müssen. Ereignisse wie das von 2024 können selbst mit großen Rückhaltebecken nicht verhindert werden. Im Zusammenhang mit früheren Hochwasserereignissen haben wir die potenziell Betroffenen zu einem Informationsabend mit Fachleuten in die Breitwiesenhalle eingeladen. Bereits damals haben wir auf den Selbstschutz hingewiesen und verdeutlicht, dass das, was offiziell als 100-jährliches Hochwasser gilt, mittlerweile deutlich häufiger vorkommt. Das Interesse an der Veranstaltung war überschaubar.

Wie wichtig sind Überflutungsflächen und hat Hochdorf davon genügend?

Innerörtlich wäre der freie Bereich zwischen Feuerwehr und Kümmelstraße hilfreich. Leider sind wir bisher nicht im Eigentum der Fläche. Bei großen Hochwassern, deren Eintrittswahrscheinlichkeit deutlich häufiger wird, können Überflutungsflächen einen Zeitgewinn bringen.

Joachim Schäfer zeigt den Wasserstand des Hochwassers vom Juni am Schott seiner Tiefgarageneinfahrt. /Foto: Tim Kirstein

Wie weit sind die Verhandlungen mit den Nachbargemeinden im Kreis Göppingen gediehen, um gemeinsam mehr Hochwasserschutz zu erreichen?

Je weiter oberhalb von Hochdorf, desto weniger bringt eine Maßnahme für Hochdorf, weil dazwischen Wasser dazukommt. Schlierbach wird uns bei eventuell erforderlichem Grunderwerb unterstützen im Zuge einer eventuellen Erhöhung der Kreisstraße zwischen Wellingen und Roßwälden durch den Landkreis, die bereits jetzt einen natürlichen Damm darstellt.

Welche Schutzeinrichtungen benötigt Hochdorf neben einem eventuellen Rückhaltebecken am Tobelbach?

Selbst ein großes Rückhaltebecken am Tobelbach brächte bei großen Hochwassern nur Zeitgewinn. Wichtig ist vor allem eine möglichst präzise und frühe Vorwarnung, um mehr Zeit zu gewinnen. Das Land arbeitet gerade an einem entsprechenden System. Darüber hinaus wollen wir den zuständigen Landkreis dafür gewinnen, den Durchflussquerschnitt der Brücke an der Feuerwehr (bisheriger Engpass des Talbachs in Hochdorf) zu vergrößern. In diesem Zuge sollen auch gleich beidseitig verkehrssichere Rad- und Fußwege über die Brücke entstehen.

Die Versiegelung weiterer Flächen in den Oberwiesen/Mittleres Feld verschärft die Probleme: Welche Vorkehrungen trifft die Gemeinde dort?

Es gilt der Grundsatz, dass nach der Bebauung nicht mehr Wasser aus dem Gebiet fließen darf als vorher. Das Landratsamt Esslingen ist dafür bekannt, dass es dabei ganz besonders hohe Maßstäbe ansetzt. Wir übertreffen diese sehr hohen Anforderungen nochmals deutlich mit unseren Rückhaltebecken im Gebiet selbst. Bauwillige müssen sich an die im Bebauungsplan vorgegebene Dachform halten, die ebenfalls zum Regenwasserrückhalt beiträgt.

Die Planungen haben begonnen

Bürgermeister
 Gerhard Kuttler (47) ist seit 16 Jahren Bürgermeister von Hochdorf. Der Parteilose bewirbt sich am Sonntag, 26. Januar bei der Wahl um eine dritte Amtszeit.

Rechnung
 Mit Blick auf die Wirtschaftlichkeitsrechnung, die für die Förderung durchs Land maßgeblich ist, erklärte Kuttler, diese entspräche längst nicht mehr der Realität. Wenn ein „hundertjähriges“ Hochwasser mittlerweile alle zehn Jahre auftrete, müsse das Schadenspotenzial in der Wirtschaftlichkeitsberechnung verzehnfacht werden. Für den Bau eines Rückhaltebeckens am Tobelbach laufen die Planungen. Dessen Größe hängt von der Fördersumme ab.

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