1977 war er an der Fachschule für Sozialpädagogik einer von nur vier Männern im Studiengang. „Es war der erste Jahrgang, in dem Männer für dieses Fach überhaupt zugelassen wurden“, erinnert sich der heute 64-jährige Leiter des Hochdorfer Kinderhauses „Am Talbach“ und des Waldkindergartens – beide in der Trägerschaft der evangelischen Kirchengemeinde. Und Männer seien im Berufsfeld der Erzieher nach wie vor sehr spärlich vertreten, besonders in der Kleinkindbetreuung, daran habe sich seit Jahrzehnten wenig geändert, sagt Matthias Hanschmann.
Der Beruf gilt immer noch als weiblich
Nach wie vor werde der Beruf in der Gesellschaft eher als klassisch weiblich gesehen, auch wenn sich das Klischee über die Jahrzehnte etwas gelockert habe. Er selbst konnte sich nach der Ausbildung ebenfalls nicht vorstellen, in einem Kindergarten zu arbeiten: „Der Bereich war von früher her noch so ‚tantenhaft’ behaftet, da gab es keine Männer“, erinnert sich Hanschmann an seine Berufsanfänge. So arbeitete er die ersten 20 Berufsjahre in der Jugendhilfe im Esslinger Theodor-Rothschild-Haus. Vor 21 Jahren wurde eine neue Leitung für den damals noch kommunalen Talbach-Kindergarten in Hochdorf gesucht. Nach anfänglichem Zögern bewarb er sich, eine Veränderung suchend.
Die Entscheidung hat Hanschmann, der am 11. August seinen letzten Arbeitstag vor dem Renteneintritt hat, bis heute nicht bereut. Ab 1. September übernimmt Stephanie Reis die Leitung des Kinderhaus, Andrea Theiss die im Waldkindergarten. Dass zwei erfahrene Mitglieder seines Teams seine Nachfolge antreten, freut den scheidenden Chef, der „seine“ Einrichtungen so in guten, aber auch wieder in „klassisch“ weiblichen Händen weiß. Nach wie vor müsse ein Umdenken in der Gesellschaft stattfinden, was das Ansehen dieses Berufs angeht, besonders für Männer: „Wir haben immer mal wieder männliche Bogy-Praktikanten. Mit der Industrie können wir, was das Gehalt angeht, aber nicht mithalten, auch wenn sich in den letzten Jahren deutlich was verbessert hat.“ Ein Skandal sei es freilich, dass die Politik quer durch alle Fraktionen schon länger versprochen habe, dass man von Beginn an der regulären dreijährigen Ausbildungszeit zum Erzieher ein Gehalt bekomme und nicht erst im Anerkennungsjahr. Bisher sei aber nichts dergleichen umgesetzt worden. Zwischenzeitlich werde immerhin während der zweijährigen Fachschulzeit ein elternunabhängiges BAföG ausbezahlt. Trotzdem „braucht man sich nicht zu wundern, dass man keine Leute dafür gewinnen kann“. Dazu sorgten Vorurteile über Männer, die mit Kindern arbeiten wollen, häufig für Verunsicherung bei potenziellen Bewerbern.
Die elementaren Bildungsberufe – ob das nun die Erzieher oder das Grundschullehramt, ebenfalls vorwiegend weiblich besetzt, seien – bräuchten endlich eine höhere Wertschätzung und eine angemessene Honorierung. „Grundsätzlich brauchen wir Pädagogen, die mit Herz, Verstand, Haltung und Verständnis für die Kinder ihre Arbeit machen, egal ob weiblich oder männlich. Ich würde mir aber schon mehr Männer im Erzieherberuf wünschen. Die Jungs haben in den Kindergärten zu wenig männliche Vorbilder.“ Dabei bringe der Erzieher-Beruf Attribute mit sich, die sich viele von ihrer Arbeit wünschen: „Man hat mit immer wieder neuen Menschen zu tun, sitzt nicht nur im Büro, man kann seine Begabungen einbringen. In der Pädagogik der Waldkindergärten kommt noch dazu, dass man viel draußen in der Natur ist, dort kreativ wird und viel in Bewegung ist.“ Die Akademisierung des Berufs hält Hanschmann grundsätzlich nicht für verkehrt: „Es ist gut, dass es die Angebote gibt, seien das nun die Studiengänge der Kindheits-, Elementar-, oder Sozialpädagogik. Es macht meiner Meinung nach allerdings wenig Sinn, wenn man vom Abitur direkt ins Studium wechselt und sich dann auf eine Leitungsstelle bewirbt, ohne je in einer Einrichtung mitgearbeitet zu haben. Die Praxis ist das A und O“, betont der Experte, der dafür plädiert, diese Angebote auch für alle Fachkräfte zu öffnen, die keinen Hochschulabschluss, dafür aber die praktische Berufserfahrung vorzuweisen haben.
Zu wenig Vorbilder für die Jungs
Qualifikationen besser honorieren
Das Weiterbildungsspektrum für Erzieher habe sich zudem vergrößert. Zu den Themen zählen etwa die Ernährungsfachberatung, die Digitalisierung, die Beraterfunktion (für Eltern), therapeutische Zusatzausbildungen, das Aufgabenfeld der Integration oder die Sprachförderung. „Wer diese Qualifikationen berufsbegleitend erwirbt, sollte anschließend besser bezahlt werden. Zumal Weiterbildungen meist selbst finanziert werden müssen, es sei denn, sie werden intern angeboten.“
Personal in Kindertageseinrichtungen
Statistik
Laut Statistischem Landesamt Baden-Württemberg umfasste das pädagogische Personal in Kindertageseinrichtungen im Landkreis Esslingen zum Stichtag 1. März 2022 insgesamt 4767 Personen, nur 6,6 Prozent davon waren männlich. In ganz Baden-Württemberg waren es zum Stichtag 119 681 Personen; davon waren 3072 Personen ausschließlich im Bereich Verwaltung und Einrichtungsleitung, 13 067 Personen im Bereich Hauswirtschaft und Technik sowie 103 542 Personen als pädagogisches Personal tätig. Der Anteil der Männer am pädagogischen Personal in Kindertageseinrichtungen war im Jahr 2022 landesweit mit 6904 Personen (6,7 Prozent) gering. 2012 lag der Anteil mit 1942 Männern bei lediglich 3,2 Prozent.
Kinderhaus
Das Evangelische Kinderhaus „Am Talbach“ in Hochdorf besuchen rund 100 Kinder zwischen drei und sechs Jahren in vier Gruppen. Der Evangelische Waldkindergarten „Die Waldmäuse“ hat zwei Gruppen für bis zu 30 Kinder ab drei Jahren.