Hochschule der Medien im Landtag in Stuttgart Demokratie mit Gänsehaut-Effekt

Von Heidemarie A. Hechtel 

Studierende der Medien (HdM) wagen das Experiment Demokratie und schlüpfen in die Rolle der Politiker Manches Ergebnis überrascht dann doch.

Landtagspräsidentin Muhterem Aras mit den HdM-Studerienden. Foto: Lichtgut/Julian Rettig
Landtagspräsidentin Muhterem Aras mit den HdM-Studerienden. Foto: Lichtgut/Julian Rettig

Stuttgart - Einmal das Sagen haben in der Politik und den Damen und Herren Volksvertretern im baden-württembergischen Landtag mitteilen können, was das Volk wirklich will. Zum Beispiel bei Abstimmungen zum Thema Umwelt. Oder polizeiliche Überwachung. Dafür erobern die Studierenden der Hochschule der Medien mit der Veranstaltung Conmedia das symbolträchtige Glashaus, um im Rollentausch mit Politikern das Experiment Demokratie zu wagen. „Es ist Ihr Landtag und ich lege die Verantwortung des Landes in Ihre Hände“, heißt Landtagspräsidentin Muhterem Aras Akteure und Publikum im voll besetzten Foyer willkommen.

Ein großes Wort. Von den Fallen, die bei jeder politischen Entscheidung lauern, sagt die Präsidentin nichts. Aber die professionelle Dramaturgie, die sich die Akteure, 23 Studierende und die betreuenden Professoren Eckhard Wendling, Stephan Ferdinand und Markus Wendling, ausgedacht haben, macht das umbarmherzig klar. Vor allem im Zusammenhang mit den sozialen Medien.

56 Prozent wollen anprangern

Es beginnt ganz harmlos: „Soll umweltbewusstes Verhalten belohnt werden?“, stellt die Moderatorin Laura Terberl die erste Frage zur Abstimmung per Smartphone. Kim, Larissa, Norman und Annabelle zeigen in Videofilmen, wie es aussehen kann: Plastik vermeiden, nachhaltig ernähren, das Auto stehen lassen. 79 Prozent sind dafür, 21 dagegen. Und die Belohnung? Annabelle wird Praktikum plus Job in Aussicht gestellt, weil sie nichts gegen die Transparenz all ihrer Daten hat. Um die Beste im Best-Choice-Wettbewerb zu sein. Soll diese Technologie bei der Jobvermittlung eingesetzt werden? Angeblich haben 59 Prozent keine Bedenken, und nicht nur Kommilitonin Larissa ist entsetzt: Wo ist die Grenze, wie kann da die die Privatsphäre noch gewahrt werden?

Einer Ausweitung der polizeilichen Überwachung wird mit 84 Prozent Nein-Stimmen eine Absage erteilt. Pech gehabt. Denn es ist längst beschlossen, dass die Polizei per Trojaner auf dem Handy die laufende Kommunikation überwachen darf. Aber 56 Prozent, so hat es den Anschein, sind dafür, per App, die angeblich gerade entwickelt wird, Zeitgenossen anzuprangern. Befürworten wirklich 56 Prozent das Denunziantentum nach dem Vorbild eines in China üblichen Punktesystems für Wohl- und Fehlverhalten? Die Präsidentin bekommt Gänsehaut.

„Wir haben auch etwas manipuliert, um wachzurütteln“, bekennen die Conmedia-Macher. Aber 16 Prozent hätten nichts dagegen. Und auch zur Preisgabe privater Daten für einen Job sagen 17 Prozent ja. Der Job für Annabelle ist trotzdem ein Fake.

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