Er spricht von einem „Sanierungsstau“: von zu wenig Geldmitteln, die das Land Baden-Württemberg zur Verfügung stellen würde, und davon, dass die Stadt Esslingen ihr Engagement deutlich erhöhen müsse. Der Rektor der Hochschule Esslingen, Christof Wolfmaier, übt Kritik an dem seiner Meinung nach zu langsamen Fortschreiten von Bauvorhaben und einem fehlenden Einsatz für die Hochschule Esslingen. Auch von der Stadt Esslingen wünscht er sich mehr Unterstützung.
Herr Professor Wolfmaier, Sie bemängeln die Hochschulpolitik von Land und Stadt?
Ja, denn bei den Bauvorhaben gibt es einen erheblichen Sanierungsstau. Das Land stellt nicht so viele Mittel zur Verfügung, wie wir das gerne hätten. Von der Stadt Esslingen wünschen wir uns auch mehr Engagement. Schließlich profitiert sie stark von unserer Einrichtung. Die Hochschule mit ihren 6200 Studierenden bringt junge Leute und damit Dynamik, Bewegung und Kaufkraft in diese traditionsreiche Stadt. Und auch unsere 250 Professorinnen und Professoren sorgen für eine Belebung. Viele Lehrende wohnen vor Ort und engagieren sich auch in ihrer Freizeit in Vereinen und Ehrenamt.
Was könnte die Stadt Esslingen aus Ihrer Sicht besser machen?
Sie könnte mit Blick auf die Verkehrsberuhigung am Campus in der Innenstadt viel mehr tun. Unsere Hochschule wird von vier Straßen begrenzt – der Kies-, der Mühl-, der Obertor- und der Kanalstraße. Und hier bedürfte es dringend einer Lösung. Meine absolute Idealvorstellung wären Autofreiheit und eine Absenkung der Straßen auf die Höhe der Bordsteinkante in der Mühlstraße. Über Einbahnstraßenregelungen oder Spielstraßen könnte hier viel erreicht werden. Meine Minimalforderung aber wäre zumindest, dass sich Fußgänger auf unserem Gelände sicher fühlen dürfen.
Und wie könnte diese Minimalforderung denn aus Ihrer Sicht auf dem Campus erreicht werden?
Der Übergang zwischen den beiden Teilen des Campus an der Obertorstraße müsste besser geregelt sein. Die Achse Mühlstraße sollte besser in den Campus integriert werden. Doch das Merkel’sche Schwimmbad ist durch zwei Parklinien von unserer Einrichtung abgetrennt. Es gäbe also vieles zu bereden. Daher suchen wir eine enge Zusammenarbeit mit der Stadt und würden gerne in die Aufstellung ihrer Verkehrskonzeption miteingebunden werden. Im Oktober ist ein gemeinsamer Workshop mit der Stadtverwaltung anberaumt. Schließlich haben wir auch Fachleute der Fakultät Mobilität und Technik hier an unserer Hochschule, die sich mit der Thematik sehr gut auskennen.
Gibt es weitere Kritikpunkte an der Stadt Esslingen?
Gerne würden wir auf unserem Gebäude 7 am Standort in der Innenstadt endlich die vom Land vorgesehene Photovoltaikanlage installieren lassen. Doch hier stellt sich der Denkmalschutz der Stadt quer, der ein handgefalztes Blechdach fordert. Darauf kann aber die Anlage nicht montiert werden. Den Strom der Photovoltaikanlage könnten wir zum Beispiel zur Erzeugung von Wasserstoff nutzen, indem wir ein altes Öllager zu einer Energiezentrale mit Elektrolyseur umbauen. Ein weiteres bauliches Ärgernis ist auch unsere Aula an der Obertorstraße.
Aber diese Aula in der Stadtmitte ist doch geschlossen?
Genau das ist ja das Ärgernis. Wir dürfen die Aula auf Anordnung des zuständigen Hochschulbauamts nicht mehr benutzen. Die Gründe dafür sind die eingeschränkte Nutzung der Flucht- und Rettungswege und die abgängige Lüftungsanlage. Darum sind die Räumlichkeiten seit sechs Jahren geschlossen. Das ist sehr unbefriedigend. Denn zunächst gab es Planungen, die Aula abzureißen und auf dem ganzen Baufeld ein neues Gebäude mit maximaler Kubatur mit bis zu fünf Geschossen zu errichten.
Und was hat diese Pläne für einen Neubau vereitelt?
Hier gab es Probleme wegen der Flächenbemessung. Das Ministerium war der Meinung, dass die der Hochschule zustehenden Flächen in keinem Verhältnis zu der Anzahl unserer Studierenden stehen würden. Daher wurde die Planung des Neubaus auf Eis gelegt, und infolgedessen haben wir nun eine Bauruine mitten in der Innenstadt, die wir nicht benutzen können. Größere Veranstaltungen sind somit auf dem Campus nicht möglich. Dabei hätten wir gerade während der Coronazeiten aufgrund der Abstands- und Hygieneregelungen ein Gebäude mit einem Fassungsvermögen für bis zu 500 Personen sehr gut gebrauchen können. Auch hier erhoffe ich mir mehr Engagement von Stadt und Land.
Wie könnte hier denn Abhilfe geschaffen werden?
Unter anderem setzen wir nun auf unsere Eigenkompetenz. Unsere Fachleute sind daran, ein realisierbares Konzept für eine neue Lüftungsanlage und eine Lösung für die Fluchtwege zu erarbeiten.
Wie laufen die Bauarbeiten für den Hochschulcampus in der Neuen Weststadt in Esslingen?
Ja, das ist schon eine gewaltige Hausnummer. Denn dieses Bauvorhaben ist mit einem Investitionsvolumen von etwa 160 Millionen Euro die größte Maßnahme des Landes Baden-Württemberg im Hochschulbereich. Die Rohbauten für unseren neuen Campus wurden in der Weststadt nahezu errichtet – es tut sich also wirklich etwas. Doch das Projekt wird sicher noch eine Sparrunde durchlaufen müssen, und ob die geplante Übergabe wirklich im August 2025 gefeiert werden kann, würde ich zum jetzigen Zeitpunkt nicht unbedingt unterschreiben. Aber nach Fertigstellung des Campus in der Neuen Weststadt werden wir unseren jetzigen Standort in der Flandernstraße auf- und an die Stadt abgeben. Dann werden wir uns auch Gedanken darüber machen, wie wir unseren bisherigen Campus in der Innenstadt mit dem neuen in der Weststadt verbinden könnten. Hier stelle ich mir einen Studierenden-Speedway vor.
Die Hochschule Esslingen
Person
Professor Christof Wolfmaier wurde 1961 in Schorndorf geboren. Er ist gelernter Karosseriebauer und Diplom-Ingenieur mit der Vertiefung Karosserie- und Flugzeugbau. Nach und neben verschiedenen beruflichen Stationen in der Industrie wie unter anderem der Gründung eines Ingenieurbüros wurde er 1994 an die Hochschule Esslingen berufen. 2004 wurde er Dekan der Fakultät Fahrzeugtechnik, seit 2019 ist er Rektor der Einrichtung.
Hochschule
Die Hochschule Esslingen hat an allen drei Standorten etwa 6200 Studierende. Am Campus in Göppingen studieren etwa 1200 junge Erwachsene, in der Flandernstraße in Esslingen sind es rund 2900. Der Rest, also etwa 2100 Studierende, besucht die Einrichtungen in der Stadtmitte an der Kanalstraße. Es werden 28 Bachelor- und 14 Masterstudiengänge angeboten.