Naturwissenschaften machen ihnen Spaß: Helen, Mareike und Mia sind beim „Futures.Lab“ der Hochschule mit dabei und zeigen ihre „intelligenten Bilderrahmen“. Foto: Roberto Bulgrin
Technik ist Männersache? Von wegen. Zwölfjährige Teilnehmerinnen eines Technikcamps der Hochschule Esslingen sehen das anders: „Es gibt keine Jungs- und Mädchensachen.“
Mathe ist mies? Physik ist pfui? Informatik ist idiotisch? Frauen und Naturwissenschaften – das ist nicht immer eine harmonische Liebesbeziehung. Viele fremdeln mit Ingenieurwissenschaften, einem technischen Beruf oder Studium. Gegen diese Technik-Gender-Gap möchte die Hochschule Esslingen etwas tun: Sie organisiert unter dem Titel „Futures.Lab“ ein Camp für Schülerinnen und Schüler in den Faschingsferien, das auch von Professorinnen geleitet wird – und Teilnehmerinnen machen dazu überraschende Aussagen.
In Fächern wie Mathematik, Informatik, Naturwissenschaften oder Technik (MINT) gibt es viel weniger weibliche als männliche Studierende. Nur etwa 36 Prozent der Studienanfänger im ersten Fachsemester im Studienjahr 2024 sind laut einer Untersuchung des Statistischen Bundesamtes von Ende Januar weiblich. Das ist zwar lediglich etwas mehr als ein Drittel, aber dennoch ein neuer Höchststand. Zehn Jahre zuvor habe der Frauenanteil noch bei 31 Prozent gelegen. Die Zahl der Frauen unter den neu gestarteten Azubis in MINT-Berufen wird von der Behörde in Wiesbaden mit zwölf Prozent angegeben. Auch hier sei der Wert gestiegen.
Zahlen, die Sandra Hartl nachdenklich stimmen. Die Professorin für Strömungstechnik an der Hochschule Esslingen zitiert aus Studien, nach denen das Interesse von Mädchen und Jungs bis zur Einschulung an MINT- und MINT-verwandten Fächern ähnlich groß sei. Doch ab der Grundschule ändere sich das: Von Schülern würden meist mehr Erfolge in Naturwissenschaften erwartet, sie würden oft mehr gefördert, mehr gelobt, mehr motiviert als Schülerinnen. Jungs bekämen zudem auch eher Autos oder technisches Spielzeug geschenkt als Mädchen.
An der Hochschule Esslingen ist in den Faschingsferien das praxisorientierte Camp „Futures.Lab“ für Schülerinnen und Schüler der siebten Klasse über die Bühne gegangen. Foto: Roberto Bulgrin
Frauen seien laut Untersuchungen zurückhaltender bei Bewerbungen etwa auf naturwissenschaftliche Berufe, meint die Professorin: Männer würden sich selbst dann bewerben, wenn sie nicht alle in der Anzeige geforderten Voraussetzungen erfüllen würden – Frauen täten das weniger. Werbung und Medien würden zudem größtenteils suggerieren, dass Naturwissenschaften klassisch männlich seien. Dargestellt würden Heizungsmonteure, Ingenieure, Techniker – aber eben selten Monteurinnen, Ingenieurinnen oder Technikerinnen.
Professorin möchte das „-Innen“ in technischen Berufen stärken
Das -Innen aber möchte sie stärken. In den Faschingsferien hat sie daher zusammen mit Monika Jaran vom Kommunikationsteam der Hochschule und anderen Kollegen das praxisorientierte Feriencamp „Futures.Lab“ organisiert. An vier Tagen von Dienstag bis Freitag werden Schülerinnen und Schüler der siebten Klasse von 9 bis 16 Uhr naturwissenschaftlich gecoacht. Angestrebt worden sei eine paritätische Besetzung – doch bei 15 Teilnehmenden ist das schwer zu bewerkstelligen. So fiel die Frauenquote mit acht Schülerinnen sogar noch etwas höher aus.
Geleitet wird das Camp bewusst auch von Professorinnen. Frauen als Dozenten in Naturwissenschaften – das sollte die Normalität werden und kein Erstaunen mehr auslösen, meint Sandra Hartl. Alle Teilnehmenden haben einen Handyhalter, einen Schlüsselanhänger und einen „intelligenten Bilderrahmen“ kreiert. Der Bilderrahmen kann vor die Tür des Jugendzimmers gehängt werden, und mittels einer Karte kann der Bewohner verschiedene Anzeigen zum Leuchten bringen: „Nicht stören“ – „Kein Einlass“ – „Draußen bleiben“ – „Willkommen“ – je nach Stimmung.
Stehen hinter dem „Futures.Lab“: Professorin Sandra Hartl, Wolf-Dieter Lehner, Dekan der Fakultät Maschinen und Systeme, und Monika Jaran vom Kommunikationsteam (von links). Foto: Roberto Bulgrin
Die Stimmung der Teilnehmenden jedenfalls ist gut. Mit dem Geschlecht, erklärt die zwölfjährige Mia, habe eine Liebe oder Abneigung zu Mathe und Co. gar nichts zu tun: „Das liegt an der Begabung.“ Oder eben am Interesse, fügt ihre gleichaltrige Klassenkameradin Mareike hinzu. Egal, ob Schülerin oder Schüler – es zählten der Spaß und die Motivation, die jemand für ein bestimmtes Fach, einen bestimmten Inhalt, ein bestimmtes Wissensgebiet entwickle. Helen, eine weitere Teilnehmerin, pflichtet ihr bei: „Jungs sind nicht schlauer als Mädchen.“
„Es gibt keine Jungs- oder Mädchensachen“, sagen die Zwölfjährigen
Überhaupt gebe es keine „Jungs- oder Mädchensachen“, meint Helen weiter: Das gelte für Naturwissenschaften, das gelte aber auch für andere Dinge wie Farben. Warum sollte ein Junge kein Rosa tragen dürfen? Özgür, ein weiterer Teilnehmer, widerlegt geschlechtsspezifische Vorurteile: Ihm machen Sprachen mehr Spaß als Mathe. Und Mia berichtet, bei ihr im Ballett sei ein Junge gewesen, dem das Tanzen Freude gemacht habe. Doch dann habe er die Ballettschuhe an den Nagel gehängt. Warum? Seine Kumpel haben ihn gemobbt, gehänselt und gedisst. Dass er solche „Mädchensachen“ mache, fanden sie komisch. Der Gruppenzwang war zu stark. Mia findet das schade.
Jungen und Ballett? Mädchen und Naturwissenschaften? Warum nicht? Milla, zwölf Jahre und ebenfalls Teilnehmerin am „Futures.Lab“, meint, das Frauenbild habe sich gewandelt: „Frauen dürfen in jedem Beruf arbeiten.“ Professorin Sandra Hartl hört das gern. Frauen und Technik – sie sollten nicht mehr fremdeln.
Frauen und Technik
Statistik 88 Prozent der Ausbildungsverträge in MINT-Berufen wurden laut Statistischem Bundesamt 2024 von Männern unterzeichnet. Doch innerhalb der Berufe gibt es große Unterschiede: Unter den Elektronikern oder Anlagemechanikern für Sanitär-, Heizungs- und Klimatechnik zum Beispiel lag der Frauenanteil laut der Behörde bei drei Prozent, bei den Augenoptikern oder Mediengestaltern Digital und Print hingegen bei 72 Prozent.
Studentinnen Innerhalb der MINT-Fächer gibt es mit Blick auf weibliche Studierende laut der Behörde in Wiesbaden Schwankungen: Am höchsten war der Frauenanteil im Studienjahr 2024 in Innenarchitektur mit 87 Prozent, am niedrigsten in Fahrzeugtechnik mit zehn Prozent. Insgesamt beginnen etwas mehr Frauen als Männer ein Studium: So lag der Frauenanteil unter allen Studierenden im ersten Hochschulsemester im Studienjahr 2024 bei 52 Prozent.