Minimales Äußeres, maximale Wirkung: So soll das Holzgebäude der Hochschule Esslingen am Göppinger Campus nach seiner Fertigstellung aussehen.. Foto: Hochschule Esslingen
Ein schlichtes Holzgebäude soll zum CO2-Killer werden. Die Hochschule Esslingen baut an ihrem Göppinger Campus ein Reallabor. Es soll das Bauen nachhaltiger und umweltfreundlicher machen. Ein digitaler Zwilling soll es dabei unterstützen.
Simone Weiß
06.03.2025 - 08:16 Uhr
Wohnen und Arbeiten müssen sein. Doch Bau und Unterhalt der dafür benötigten Gebäude tun der Umwelt nicht gut. Treibhausgase wie Kohlendioxid (CO2) werden in die Luft geknallt. Sie schaden dem Klima, heizen die Erde auf, lassen die Pole schmelzen. Die HochschuleEsslingen hat etwas dagegen. Sie baut am Campus Göppingen einen CO2-Killer.
Dieser CO2-Killer sieht wenig pompös aus. Der Holzbau wirkt wie ein unscheinbares Mauerblümchen. Doch seine Konstruktion hat viel Hirnschmalz gekostet. Ökologie war eine der Baumeisterinnen - auf eine nachhaltige Bauweise, Energieeffizienz und Abfallvermeidung wurde geachtet. Solaranlagen, intelligente Speicherungen und eine Infrarot-Beheizung ermöglichen eine energetische Selbstversorgung. Wände und Decken bestehen aus Vollholz, Holzfaser- und Pilzmyzeldämmung. Wiederverwertbare Bauteile und Materialien wurden für Fenster, Türen, Matten, Bahnen oder Teile von Dach und Boden verwendet. „Für die Entsorgung gedachte Materialien anderer Bauvorhaben wie Raffstores oder zerkleinerter Bauschutt wurden eingesetzt“, teilt Hochschul-Sprecherin Christiane Rathmann mit.
Der Spatenstich zu dem Holzhaus auf dem Göppinger Campus der Hochschule Esslingen erfolgte Ende Februar. Foto: Hochschule Esslingen
Der schlichte Holzbau ist aber nicht nur umweltfreundlich. Er ist auch clever. Er wurde laut Professor Ulrich Nepustil mit Sensoren ausgestattet. Sie messen Daten wie Raumtemperatur, CO2-Konzentration, Luftfeuchtigkeit oder Energieverbrauch. Eine Station am Gebäude erfasst lokale Wetterdaten. Mit Hilfe dieser Ergebnisse soll untersucht werden, wie viel schädliches Kohlendioxid die im Holzhaus verbauten Rohstoffe aus der Luft entnehmen und dauerhaft speichern können: „Dabei betrachten wir vor allem Holz, aber auch Materialien wie Stroh, Myzelpilz, Hanf oder Schilf – vorausgesetzt, sie bleiben mindestens 35 Jahre im Gebäude enthalten.“
Digitaler Zwilling ist cleverer als Original-Gebäude
Diese Daten gibt es nicht nur auf dem Papier. Mit Hilfe der Messergebnisse wird ein Klon des Holzhauses erstellt: Ein virtueller Zwilling entsteht. Sein statischer Teil wurde laut Nepustil vorab von einem Projektpartner geformt. Die Modellierung erfolgt an der Fakultät Wirtschaft und Technik der Hochschule Esslingen mit Hilfe verschiedener Softwarekomponenten. Statische Gebäudedaten und bauphysikalische Eigenschaften des Holzhauses, aber auch die über die Sensoren und die Wetterstation gewonnenen Erkenntnisse fließen mit ein, so Nepustil. Der digitale Zwilling ist aber mehr als eine reine Online-Kopie des Originals. Er kann zum Beispiel den Energiebedarf berechnen, sollten der Standort des Holzhauses oder seine Nutzung verändert werden.
Digitale Zwillinge können so über das Projekt hinaus für mehr Nachhaltigkeit beim Bauen sorgen: Schon vor der Errichtung eines Gebäudes soll der virtuelle Helfer Energiebedarf und Emissionen berechnen oder die Ausstoßmenge etwa bei lokalen Änderungen vorhersagen können. Erkenntnisse aus dem Forschungsprojekt können in eine Verbesserung des Nutzerverhaltens oder eine dynamische Ökobilanzierung einfließen.
Der Holzbau entsteht in der Robert-Bosch-Straße 6 direkt beim Hochschulcampus in Göppingen, so Nepustil. Das Areal gehört der Stauferstadt, die es der Hochschule für ihre Untersuchungen zur Verfügung stellt. Das zweijährige Forschungsprojekt schlägt mit etwa 2,6 Millionen Euro zu Buche, wobei etwa 125 000 Euro auf das Gebäude entfallen. Zuschüsse gibt es von Partnern wie dem Stuttgarter Wirtschaftsministerium. Erster Spatenstich war Ende Februar. Ab Freitag, 11. April, soll das Öko-Haus zum Einsatz kommen.