Werte dürfen nicht wertlos werden: Christoph Quarch spricht an der Hochschule Esslingen. Foto: Ulrich Mayer
Radiomann, Reiseleiter, Denker: Christoph Quarch bietet Philosophie hautnah. Im SWR plaudert er über Gott und die Welt. Nun baut der Wortarchitekt in Esslingen solide Luftschlösser.
Simone Weiß
14.01.2026 - 18:00 Uhr
Er ist der verständliche Philosoph von nebenan: Irgendwo zwischen Radio-Talk, rhetorischen Höhenflügen und Reiseleitungen hat Christoph Quarch seinen Platz, seine Nische, sein mentales Wohnzimmer gefunden. In seiner kuscheligen Wohlfühlecke richtet er es sich aber nicht gemütlich ein – er will nach eigenen Angaben nichts weniger als eine Erneuerung der Gesellschaft abseits wirtschaftlicher Vorherrschaft. Über Werte, Wertewandel, Werteverfall spricht er am Montag, 19. Januar, um 18 Uhr an der Hochschule Esslingen.
Reden kann er. Christoph Quarch jongliert fast akrobatisch mit Sprache. Er schleudert Wortkeulen nach oben, lässt sie in luftigen Höhen kreisen, verleiht ihnen im Auffangen Bodenhaftung. Nicht verquast, verquer oder verdreht, sondern verständlich, vertraut und vergegenwärtigt packt er großes Denken in kleinere Verständnisdosen. Über die ewigen Fragen der Menschheit spricht er – zeitlich begrenzt – auch im Radio. Im Südwestrundfunk (SWR) hat er eine wöchentliche Kolumne.
Christoph Quarch hat eine wöchentliche Kolumne in SWR Aktuell, in der er über Gott und die Welt spricht. Foto: Ulrich Mayer
Der Titel verrät wortspielerischen Feingeist. Seinen nicht immer leicht verdaulichen „Frühstücks-Quarch“ serviert er jeden Freitagmorgen in SWR Aktuell. Die Uhrzeit richtet sich nach dem Programmablauf, doch oft ist er gegen 7.30 Uhr zu hören. Sprachlos sei er dabei noch nie gewesen, verrät Christoph Quarch im Telefon-Interview. Ihm fällt immer etwas ein. Manchmal gibt die Redaktion Themen vor, manchmal sucht er sie sich selbst. Allein im Wechsel der Jahreszeiten, meint er, steckt ein schier unendliches Stoffpotenzial. Einfälle habe er vor allem beim Spazierengehen mit seiner Frau – da würden die Geistesblitze nur so strömen.
Einsamkeit der Frauen und alkoholfreier Wein für ein gutes Leben
Plaudern über Gott und die Welt – kann das eine an Schnellnachrichten, hippe Influencer und vorbeirauschende Soziale Medien gewöhnte Gesellschaft vom Hocker reißen? Sein Beitrag über die selbst gewählte Einsamkeit von Frauen vom 21. November habe 51 000 Klicks generiert, rechnet Christoph Quarch vor. Das Schwadronieren über den Zusammenhang von alkoholfreiem Wein und einem guten Leben vom 6. Juni bekam 32 000 Klicks.
Evangelischer Theologe tritt aus evangelischer Kirche aus
„Klick“ hat es auch bei Christoph Quarch während der Coronapandemie gemacht. Covid war für den in Düsseldorf Geborenen der Schalter zum Umdenken. Bis dahin war der heute 61-Jährige gut evangelisch – Studium der evangelischen Theologie, Redakteur der Evangelischen Kommentare in Stuttgart oder Studienleiter des Evangelischen Kirchentages. Doch während Corona trat er aus der Kirche aus: „In der Pandemie wurde der Apparat am Laufen gehalten, doch auf die drängenden Fragen der Menschen gab es keine Antworten. Die Kirche kümmerte sich nicht um die seelischen und geistigen Bedürfnisse der Gläubigen.“
Am Campus Stadtmitte der Hochschule Esslingen spricht Radio-Philosoph Christoph Quarch über Werte. Foto: Roberto Bulgrin
Enttäuscht kehrte er der Kirche den Rücken. Nach seinem Glauben oder seiner Religionszugehörigkeit befragt, sagt er nur: „Ich bin Philosoph.“ Gedankenkonstrukte als Glaubensersatz? Doch Christoph Quarch scheint nichts zu vermissen. Er ist breit aufgestellt – arbeitet freischaffend als Autor, Redner, Berater für Unternehmen, Hochschuldozent und Reiseleiter vor allem für philosophische Trips der überregionalen Wochenzeitung „Die Zeit“. Manchmal braucht er auch hier besondere mentale Stärke. Ein Reiseteilnehmer, so berichtet er, sprach von seinem Lieblingsbild und klappte plötzlich zusammen. Hinzu gerufene Sanitäter konnten ihn nicht mehr reanimieren. Die Reise führte Christoph Quarch dennoch zu Ende. Die anderen Teilnehmer, sagt er, hätten keine emotionale Beziehung zu dem Mann gehabt. Darum sei eine Fortführung möglich gewesen.
Seine Reisen nach Griechenland oder Italien sollen in komplexe Denkwelten einführen. Gegenentwürfe zu einer seiner Meinung nach „flach und eindimensional gewordenen Gesellschaft“. Das Materielle, das Ökonomische und der Wohlstand würden das Leben bestimmen, umreißt er sein Denken: „Wir stecken in unserer Ego-Bubble, einem selbst errichteten Ego-Gefängnis.“ Reichtum als Richtlinie für das Leben. Besitz als biografischer Trigger. Dabei würden Menschen kurz vor ihrem Lebensende etwa in Hospizen nach ihren positivsten Erfahrungen befragt immer auf das gleiche verweisen – Liebe und Natur.
Gesprächskultur sollte wieder gepflegt werden
Doch die Liebe sieht Christoph Quarch zunehmend ungeliebt. Den Menschen, meint er, würde angesichts wirtschaftlicher Dominanz die Begeisterung verloren gehen. Das führe zu einer Entgeisterung des Lebens: „Wofür brennen wir denn noch?.“ Einem flachen Dasein des „Homo Oeconomicus“, des auf Gewinnmaximierung ausgerichteten Menschen, könne etwa durch Gesprächsrunden wieder Tiefe gegeben werden – ähnlich den Salons früherer Jahrhunderte mit ihrer gehobenen Gesprächskultur.
Ob Reden dem Dasein zu neuem Sinn verhilft? Christoph Quarch jedenfalls ist der beste Botschafter für seine Botschaft. Reden kann er. Und im Reden erschafft er kühne Luftschlösser mit einem soliden Fundament.
Ein Philosoph in Esslingen
Person Christoph Quarch wurde 1964 in Düsseldorf geboren. Sein Studium der Philosophie und Evangelischen Theologie in Bielefeld, Heidelberg und Tübingen von 1985 bis 1996 schloss er mit der Promotion ab. Nach verschiedenen Tätigkeiten auch als Redakteur und Programmchef des Deutschen Evangelischen Kirchentages machte er sich 2008 selbstständig. Er arbeitet als Philosoph, Redner, Berater für Unternehmen, Reiseleiter, Autor oder Hochschuldozent. Der Vater zweier erwachsener Kinder lebt in Fulda.
Vortrag Über „Ein gutes Leben – warum wir Werte brauchen!“ spricht Christoph Quarch am Montag, 19. Januar, um 18 Uhr online und in Präsenz am Campus der Hochschule Esslingen in der Kanalstraße 33 in der Stadtmitte. Im Senatssaal in Gebäude 1 mit der Raumnummer S 01.021 referiert er über Fragen etwa nach der Motivation für ein gutes Leben sowie der Rolle von Werten für ein verantwortungsbewusstes Handeln oder in der aktiven Mitgestaltung der Gesellschaft. Anmeldungen unter: www.hs-esslingen.de unter dem Stichwort „Christoph Quarch“.