Eine Professorin, die nicht zu verabredeten Sitzungen erscheint. Mangelnde Betreuung während der Projektarbeiten. Und eine Beschwerde von Studierenden, die internen E-Mails zufolge „nicht ins Protokoll“ der Fakultätsratssitzung kommen soll. Nur Einzelfälle an der Fakultät Internationale Beziehungen der Hochschule Heilbronn? Es sei immer wieder vorgekommen, dass Studierende nicht richtig betreut worden seien, sagt eine Studentin, die an der Fakultät ihren Master gemacht hat und namentlich nicht genannt werden will. Ihr Eindruck: „Viele von den Lehrkräften haben ihre Hauptbeschäftigung woanders, die Lehre wird dann eher nebenbei gemacht.“
Das passt zu einer Reihe von Vorwürfen, die in den vergangenen Monaten laut geworden sind – und sich auf die Fakultät International Business (IB) der Hochschule beziehen. Dabei geht es nicht nur um mangelnde Betreuung von Studierenden. Die Liste von Vorwürfen, die mehrere Mitarbeitende erheben und die in internen Dokumenten nachzulesen sind, reicht weiter: ungleiche Lehrbelastung, Voreingenommenheit bei einem Berufungsverfahren, Feindseligkeiten in Fakultätsratssitzungen oder Mobbing, das in Anzeigen bei der Polizei endet. Was nur ist los an dieser Fakultät?
Mitarbeiter erheben sogar Betrugsvorwürfe
„Manche Kolleginnen und Kollegen machen sich seit Jahren einen schlanken Fuß“, sagt ein Mitarbeiter der Fakultät verärgert, der anonym bleiben möchte. „Kontaktstunden mit Studierenden sind in der Lehre reduziert worden, anschließend wurde trotzdem voll abgerechnet.“
Eine andere Lehrkraft sagt: „Es gab in den letzten Jahren viele Fälle, in denen in der Praxis nur bedingt Lehre stattfand – ohne dass weniger Wochenstunden abgerechnet wurden.“ Die Lehrkraft spricht gar von Deputatsbetrug. Zudem gebe es Ungleichheiten bei der realen Lehr- und Korrekturbelastung, sagen mehrere Mitarbeitende und verweisen auf einen Brief der früheren Dekanin vom Januar 2020, in dem diese auf Ungleichheiten durch „eigenwillige Privilegien für Einzelne“ hinweist. „Die damalige Dekanin wollte das Problem angehen, wurde aber aus dem Amt gedrängt – denjenigen, die profitieren, hat das Vorhaben nicht gepasst“, sagt eine weitere Mitarbeiterin.
Mit den Vorwürfen etwa zu Unstimmigkeiten bei der Deputatsabrechnung hat man sich im Wissenschaftsministerium aufgrund einer anonymen Eingabe bereits befasst. Die Hochschule habe „auf Basis einer umfangreichen Erhebung innerhalb der Fakultät“ Stellung genommen, heißt es. Zudem habe das Ministerium die Hochschulleitung in dieser Angelegenheit „intensiv befragt“. Die Hochschule sei bezüglich der erhobenen Vorwürfe sensibilisiert, so ein Sprecher. Der Rechnungshof prüft nach Angaben der dortigen Pressestelle noch „mögliche Unregelmäßigkeiten“. Anderen anonymen Beschwerden über Vorgänge an der Fakultät sei laut Ministerium ebenfalls nachgegangen worden.
Prüfungen waren angeblich nachlässig
Einigen an der Fakultät IB reichen die Schritte mit Blick auf Vorwürfe wie Deputatsbetrug nicht aus. „Das Rektorat hat abgefragt, wer in den letzten vier Semestern wie viel unterrichtet hat“, sagt ein Mitarbeiter. Diese Selbstauskunft aber sei „eine Farce“ gewesen, findet er – niemand gebe freiwillig an, bei den Abrechnungen betrogen zu haben. Eine andere mit der Sache vertraute Person erhebt den Vorwurf, dass es bei der Hochschulleitung „keinen Willen zur ernsthaften Aufklärung“ gebe.
Im Rektorat der Hochschule sieht man das anders. Natürlich sei man dem anonymen Hinweis nachgegangen, dass jemand bei den Deputaten falsch abrechne, sagt Rektor Oliver Lenzen. Ein Stück weit sei so etwas im Nachhinein zwar schwer nachprüfbar. „Aber wir haben keine Anzeichen für vorsätzlichen Betrug feststellen können.“ Ausgefallene Veranstaltungen in den vergangenen Jahren sieht er eher in der Coronapandemie begründet: „Natürlich gab es häufiger Krankheitsausfälle, diese konnten in den kleinen Studiengängen nicht immer aufgefangen werden.“
Das Rektorat sieht Unzufriedene am Werk
Auch anderen Vorwürfen etwa zu Mobbing sei das Rektorat nachgegangen, habe zahlreiche Gespräche mit Angehörigen der Fakultät geführt – solche Klärungsverfahren und deren Ergebnisse dürften aber meist aus dienstrechtlichen Gründen nicht kommuniziert werden. Lenzen sieht das Problem eher woanders: Es gebe einige wenige Personen an der Fakultät IB, die unzufrieden seien – und damit die Stimmung negativ beeinflussen würden. Zudem stünden einige Neuerungen an, etwa eine Strukturreform, bei der die zwei großen Wirtschaftsfakultäten enger verzahnt werden sollen. Änderungen könnten zu Verunsicherung führen, sagt Lenzen: „Das Rektorat kann jedoch nicht gut helfen, wenn Beschwerden anonym bleiben.“
Auch der Personalratsvorsitzende der Hochschule äußert Unverständnis über anonyme Vorwürfe. Dass das Rektorat Beschwerden nicht nachgehe, sei falsch, sagt Roland Schweizer. Bei einer hochschulinternen Beschwerdestelle seien in den vergangenen Jahren allerdings nur zwei Vorfälle mit Bezug zur Fakultät IB gemeldet und bearbeitet worden. „Wenn man einen Konflikt lösen will, dann geht man nicht den Weg, jemanden anonym anzukreiden“, findet Schweizer. „Es gibt offensichtlich ein paar Mitglieder der Fakultät, die ein Interesse daran haben, den Konflikt weiter zu eskalieren.“ Auch in seinen Augen aber seien das Einzelfälle.
An der Hochschule gehen die Meinungen auseinander
Das sehen an der Hochschule nicht alle so. „Es gab in den vergangenen Jahren Dutzende Dienstaufsichtsbeschwerden, die nicht behandelt wurden – nicht nur aus der Fakultät IB“, sagt ein Mitglied eines Fakultätsrats. „Da geht es nicht nur um ein paar wenige Störer. Hochschulweit gibt es einerseits viel Geklüngel und andererseits viel Frust bei denen, die da nicht mitmachen.“
An der Fakultät IB hofft der heutige stellvertretende Dekan, Michael Ruf, auf „Befriedung“. Als er im Frühsommer 2021 als Interimsvorstand angetreten sei, sei die Stimmung schlecht gewesen, sagt er. Welche Probleme es konkret gab, dazu sagt er nichts, nur so viel: „Die Deputatsvorwürfe wurden aufwendig geprüft, das wurde eigentlich ausgeräumt. Andere Vorwürfe reichen teils lange zurück.“
Um das „Lagerdenken“ zu überwinden, habe das 2021 neu eingesetzte Vorstandsteam Besprechungen angeboten, die Kommunikation transparenter gemacht. Zudem achte man auf eine ausgeglichene Deputatsverteilung – auch wenn es ein Stück weit subjektiv sei, welche Verteilung jemand als gerecht empfinde, sagt Ruf. Er hat den Eindruck, man sei auf einem guten Weg. Viele an der Fakultät hätten sich daher gewundert, warum nun alte Vorwürfe hochgekocht sind. „Wir haben noch nicht alle an Bord, da mache ich mir keine Illusionen.“
Redaktionelle Anmerkung: In einer früheren Version des Beitrags war das Zitat „Es gab in den vergangenen Jahren Dutzende Dienstaufsichtsbeschwerden, die nicht behandelt wurden – nicht nur aus der Fakultät IB“ einem Mitglied des Personalrats zugeschrieben. Tatsächlich war es das Mitglied eines Fakultätsrats. Wir bitten, den Fehler zu entschuldigen.