Hochschulen wollen Abbrecherquoten senken Mathe und Deutsch sind Studienhürden

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Passgenaue Angebote für Studierende sollen deren Wissenslücken füllen. Die Uni Hohenheim und die Hochschule der Medien starten im Herbst mit neuen Konzepten. Sie wollen die Quote der Studienabbrecher senken.

Studierende in Hohenheim: Sie und ihre Kommilitonen sollen künftig  punktgenauer unterstützt werden. Foto: Lichtgut/Achim Zweygarth
Studierende in Hohenheim: Sie und ihre Kommilitonen sollen künftig punktgenauer unterstützt werden. Foto: Lichtgut/Achim Zweygarth

Stuttgart - Noch immer brechen zu viele Studierende ihr Studium ab. „In den drucktechnischen Studiengängen liegen die Abbrecherquoten zum Teil über 50 Prozent“, berichtet Mathias Hinkelmann, Prorektor Lehre an der Hochschule der Medien. An der Uni Hohenheim scheiterten viele Studierende der Wirtschaftswissenschaften an den Anforderungen, berichtet die dortige Prorektorin für Lehre, Iris Lewandowski. „Es ist ganz klar, dass wir eine Lücke haben zwischen dem, was die Studierenden mitbringen, und dem, was sie bräuchten, um zu studieren“, sagt sie. Beide Prorektoren können klar benennen, woran es hapert: an Mathematik, Sprache, Reife. Beide Hochschulen wollen mit neuen Konzepten punktgenaue Unterstützung bieten – und werden dafür im Rahmen des Landesprogramms „Erfolgreich studieren“ gefördert. Geld gibt es nur für schlüssige Konzepte.

Dass Hochschulen ihren Studierenden erst einmal Nachhilfe in Mathe anbieten, ist nicht neu. In Hohenheim will man jedoch genauer hinschauen, welche mathematischen Methoden im jeweiligen Fachbereich nötig sind, und dafür Module entwickeln, vielleicht auch online. Denn während in den Agrarwissenschaften vor allem der Umgang mit Statistik erforderlich sei, gehe es in den Wirtschaftswissenschaften eher um Bilanzrechnung oder volkswirtschaftliche Modelle, erklärt Lewandowski. „Wir wollen das punktgenauer anbieten.“ Vor dem Studium, in der vorlesungsfreien Zeit, aber auch in speziellen Kursen für Durchgefallene. Für ein flächendeckendes Angebot reichten die Ressourcen ohnehin nicht. „Wir werden von den Landesmitteln befristet Leute einstellen“, kündigt die Prorektorin an. Das neue Personal soll die methodischen Strukturen entwickeln.

Auch wissenschaftliches Schreiben will gelernt sein – und wird vom Professor erwartet

Auch wissenschaftliches Schreiben soll in Hohenheim künftig bereits vom ersten Semester an gefördert werden, in Schreibtutorien und Workshops. Man denke über ein zentrales Angebot nach. „Die Professoren erwarten, dass die Studierenden das in ihrer Bachelorarbeit schon können“, sagt Lewandowski. Doch es gehe dabei nicht nur um formale Aspekte. „Von Unis wird heute erwartet, dass sie den Studierenden vermitteln, wie sie das Gelernte auch anwenden können.“

Da auch falsche Vorstellungen und Erwartungen zum Abbruch des Studiums führen können, will Hohenheim zudem bereits bei der Studienwahl ansetzen und die Beratung ausbauen. Auch ein Monitoring für den gesamten Studienverlauf sei geplant, inklusive einer Art Frühwarnsystem, wenn es mit Noten und Fristen nicht gut laufe. „Wir müssen uns an den Bedürfnissen der Studierenden orientieren“, sagt Lewandowski, und die hätten sich eben geändert. Die Studierenden seien jünger als früher, weniger reif, kämen oft mit ihren Eltern und seien es eher gewohnt, an die Hand genommen zu werden, berichtet die Prorektorin. Darauf müsse sich die Uni einstellen.

Für die genannten Vorhaben erhält Hohenheim von Herbst an für zweieinhalb Jahre 1,4 Millionen Euro vom Land. Die Projekte seien Bausteine zu einem Gesamtkonzept. Zu diesem gehört noch ein weiterer: Unter dem Motto „Homa! Hohenheim macht!“ will Hohenheim bereits im Studium das unternehmerische Denken fördern und studentische Initiativen wie „Startup Hohenheim“ intensiver coachen. Insbesondere auch der thematische Uni-Schwerpunkt Bioökonomie biete sich für neue Geschäftsideen an. „Es geht darum, den Studierenden möglichst früh nahezubringen, später Gründer zu werden“, so Lewandowski. Das Land fördert „Homa!“ mit 570 000 Euro auf drei Jahre.

Medienhochschule bietet Studium in unterschiedlichen Geschwindigkeiten an

Die Hochschule der Medien (HdM) will mit dem Projekt „Weichen stellen – optimierte Studien-Tracks“ ihre Studierenden auf den richtigen Kurs bringen – und erhält dafür 688 000 Euro auf zweieinhalb Jahre vom Land. Damit wolle man nicht nur die zentrale Studienberatung ausbauen. Da die Studierenden sehr unterschiedliche Voraussetzungen mitbringen, bietet die HdM ihnen künftig auch unterschiedliche Studienverläufe. Nicht jeder kommt mit dem Regular-Track klar. Für einige passt der Support-Track besser. Früher hätte man von Nachhilfe gesprochen.

„Oft fehlt es an Mathematik oder an der Sprache“, berichtet Hinkelmann. Unter den Abbrechern seien viele ausländische Studierende, auch aus Osteuropa. „Wir müssen die ausländischen mit den deutschen Studierenden zusammenbringen“, erklärt der Prorektor. Dies erfolge im interkulturellen Tutorium – „jeder muss teilnehmen“. Deutschlücken hätten sich etwa im Studienfach Medienwirtschaft gezeigt. Diese wolle man möglichst frühzeitig feststellen, unter anderem durch eine wissenschaftliche Hausarbeit im ersten Semester, und dann gezielte Angebote machen. Im Fach Medieninformatik hingegen werde man die Unterstützung in Mathe ausbauen, so Hinkelmann. In den drucktechnischen Studiengängen hingegen fehle es den Studierenden oft an naturwissenschaftlichen Kenntnissen, die es aufzuholen gelte.

Sonderkonditionen für leistungsstarke Studierende

Doch nicht nur schwachen Studierenden will die HdM den passenderen Studienverlauf bieten. Im Short-Track können Studierende mit Zusatzkompetenzen die Studienzeit verkürzen – das greift etwa bei Fachangestellten für Medien- und Informationsdienste, die ein Bibliotheksstudium machen wollen. Im Fast-Track können sich diejenigen mit überdurchschnittlichen Leistungen, die ein Masterstudium anschließen wollen, ein Semester sparen. Und einen Bonus-Track gibt es für gute Studierende, die statt einem Masterstudium direkt einen Beruf anschließen wollen – etwa Leute vom zweiten Bildungsweg. Ihnen biete man im Wahlbereich ergänzend Einzelmodule auf Masterniveau an.

Mit dem Track-Modell, so Hinkelmann, wolle man nicht nur die Studienbedingungen verbessern, sondern auch einen Beitrag zur Bildungsgerechtigkeit leisten. Es soll zunächst in vier Bereichen umgesetzt werden: in den druck- und verpackungstechnischen Studiengängen sowie in den Studiengängen Mobile Medien und Medieninformatik, Bibliotheks- und Informationsmanagement sowie Online-Medien-Management.

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