Hochschulstadt Stuttgart Studieren in Schwabylon

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Stuttgart spielt seine Rolle als Hochschulstadt nicht aus. Umso überraschter ist mancher Student über das internationale Flair, das pulsierende Partyleben und das Kulturangebot der Landeshauptstadt.

Die Mensa  der Uni Stuttgart auf dem Vaihinger Campus ist nicht gerade ein Prachtbau. Den wachsenden Andrang an Essern kann sie kaum noch  bewältigen. Foto: Stollberg
Die Mensa der Uni Stuttgart auf dem Vaihinger Campus ist nicht gerade ein Prachtbau. Den wachsenden Andrang an Essern kann sie kaum noch bewältigen. Foto: Stollberg

Stuttgart - Die Kehrwoche“, sagt Ibrahim Köran, „war erstmal gewöhnungsbedürftig“. Das war vor zweieinhalb Jahren, als der im Rheinland aufgewachsene junge Mann nach Studienstopp in Münster und kurzem Aufenthalt in Berlin gezielt nach Stuttgart kam, zum Studieren. Und zwar an die Uni Hohenheim. „Die Agrarwissenschaften in Hohenheim genießen einen exzellenten Ruf“, sagt Köran, der dort mittlerweile im sechsten Semester ist und in einer WG in Plieningen wohnt. Ansonsten seien seine Erwartungen an den Studienort eher bescheiden gewesen. Doch inzwischen schwärmt Köran geradezu: „Stuttgart ist eine Großstadt mit einem pulsierenden Leben, bunt gemischt – und viel internationaler, als ich erwartet hätte.“

Die städtische Homepage versteckt Hochschulen hinten

„Oh, du gehst jetzt nach Schwabylon“, hätten seine beiden in Berlin studierenden Schwestern geunkt. Tatsächlich hält sich die Landeshauptstadt sehr damit zurück, sich offensiv als Hochschulstadt zu präsentieren. Auf der städtischen Homepage muss man sich erst umständlich zu den Hochschulen durchklicken, den Link dort zu der PDF-Broschüre über die „hervorragende Wissenschafts- und Forschungsstadt“ kann man leicht übersehen. Dass in Stuttgart an den zwei Unis und 15 Hochschulen, darunter auch zwei öffentliche Kunsthochschulen und eine Medienhochschule, insgesamt rund 56 000 junge Leute studieren, merkt man der Stadt nicht an. Jedenfalls nicht gleich.

Studenten begeistert das internationale Flair der Stadt

Doch gerade das findet Ibrahim Köran angenehm: „Man ist hier nicht im Elfenbeinturm, wenn man sich in der Stadt bewegt.“ Besonders gut gefalle ihm das internationale Flair. Und: „Es ist hier was los, das hätt ich nicht gedacht. Das Kulturangebot ist in Stuttgart wirklich top.“ Damit meint Köran nicht nur große Häuser wie die Staatstheater, sondern auch kleine und alternative Spielstätten wie die Rampe oder die Wagenhallen. Und, nicht zu vergessen, „die vielen Open-Airs im Sommer“. Und speziell in Hohenheim habe man „diesen wunderschönen Campus und die Ruhe auf dem Land“, zugleich sei man aber auch rasch mitten in der Stadt.

Kritik am teuren Wohnraum in der Landeshauptstadt

Die studentische Wahrnehmung des Studienorts kann aber auch ganz anders ausfallen. „Stuttgart ist keine Studentenstadt, Stuttgart ist wahnsinnig teuer“, sagt Anne-Olga Maier. Die 25-Jährige studiert im siebten Semester an der Kunstakademie das Verbreiterungsfach Intermediales Gestalten und will Kunstlehrerin werden. Wohnraum sei hier kaum bezahlbar. Besonders stört sie die schlechte Vertaktung der öffentlichen Verkehrsmittel. „Ich wohne außerhalb“, sagt sie – und meint damit Untertürkheim. Mit Bus und Bahn brauche sie ewig in die Aka auf dem Killesberg, dort gingen die Besprechungen oft bis abends um 22 Uhr, dann führen kaum noch Busse. „Deshalb hab ich mich entschieden, mit dem Auto zu fahren.“ Da schaffe sie es in einer halben Stunde.

In anderen Punkten stimmt Anne-Olga Maier mit Ibrahim Köran überein: „Das Nachtleben in Stuttgart ist schon gut – zum Beispiel am Hans-im-Glück-Brunnen“, meint die angehende Kunstpädagogin, die in der Landeshauptstadt aufgewachsen ist und „nie woanders hinziehen will“. Auch dass Stuttgart so grün ist mit seinen Wäldern und Parks, gefällt ihr. Als besonderes Schmuckstück sieht sie das Stuttgarter Kunstmuseum. Und dass sie dieses, wie auch alle anderen Museen, als Kunststudentin kostenlos besuchen dürfe, das gefällt ihr natürlich auch.

Die Stadt hat ihre Angebote für Studierende reduziert

Ansonsten hat die Landeshauptstadt ihre Angebote für Studierende eher zurückgefahren. Das Studiticket ist bereits 2009 im Rahmen der Haushaltskonsolidierung gestrichen worden, im Jahr 2011 wurde in Stuttgart eine Zweitwohnungssteuer eingeführt, von der auch Studierende ohne Hauptwohnsitz in Stuttgart betroffen sind. Die Welcome Week gebe es seit 2012 nicht mehr, räumt Susann Neupert ein, die Fachreferentin für Wissenschaft und Hochschulen im städtischen Kulturamt. „Wir sind gerade dabei, einen Ersatz für die Welcome Week zu erarbeiten.“ Doch es scheint, dass die jungen Leute auch ohne solche Angebote nach Stuttgart strömen – der vielfältigen Studienangebote wegen.

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