Wie entscheidet man über einen Menschen, der nicht mehr für sich selbst sprechen kann? Welche Rolle spielen dabei persönliche Erinnerungen, welche Rolle spielen Dokumente? Um diese Fragen ging es in der jüngsten Gemeinderatssitzung in Böblingen.
„Selten haben mich so viele Rückmeldungen aus der Bevölkerung auf einen Bericht aus dem Verwaltungsausschuss erreicht“, sagte SPD-Stadträtin Gerlinde Feine im Gemeinderat. Unter den Rückmeldungen an das Gremium war, so Feine, der Hinweis und die Bitte von Angehörigen, Lucie Hain-Illfelder so zu schreiben, „wie sie sich selbst geschrieben hat“.
Stolperstein für eine Böblingerin
Zu den Angehörigen zählt der ehemalige Böblinger Stadtarchivar Hans-Jürgen Sostmann, der sie persönlich gekannt hat. In Böblingen sei sie vor allem als Lucie Hammelsbacher bekannt gewesen und habe so auch unterschrieben, merkt er in einer Mail an unsere Redaktion an.
Lucie Hain-Illfelder kam im Jahr 1899 als Lucie Illfelder auf die Welt und wuchs bei der Familie Hammelsbacher in Böblingen als Pflegekind auf. Später heiratete sie Karl Hain. Während der NS-Zeit wurde sie aufgrund ihrer jüdischen Herkunft verfolgt und ins KZ Theresienstadt deportiert. Sie überlebte die Gräuel der Nazis und kehrte im Jahr 1945 zusammen mit ihrer Tochter nach Böblingen zurück.
Viele Namen, eine Person – und welcher soll auf dem Gedenkstein stehen? Die Stadtverwaltung will bei „Lucie Hain-Illfelder“ bleiben. Die Stadtarchivarin Tabea Scheible erklärte in der Gemeinderatssitzung, warum.
Wie sie sich selbst geschrieben hat, zählt
„Wir haben nicht ohne Grund ihren Namen so geschrieben“, sagte sie. Illfelder stehe zum einen für ihre jüdische Herkunft, zum anderen gebe es genug Hinweise, dass sie sich selbst „Lucie Hain-Illfelder“ genannt habe. „Wollen wir unserer Erinnerung an sie gedenken oder dem, was sie uns mit ihrer Geschichte hinterlässt?“, stellte Scheible als offene Frage in den Raum.
Um zu einer fundierten Entscheidung zu kommen, hätten sie und ihre Kollegin beispielsweise eine 600 Blatt umfassende Akte der Böblingerin gewälzt. Allerdings gebe es keine „Ego-Dokumente“, also Briefe oder Tagebücher, sie hätten sich also an ihrer Unterschrift orientiert.
„Ein wichtiges Kriterium in der Forschung für uns ist: Selbstbeschreibungen sind Fremdbeschreibungen vorzuziehen“, erklärte die Archivarin. Und: „Spätere Selbstbeschreibungen wiegen schwerer als frühere, denn Menschen wandeln sich.“
Am Ende nur noch „Lucie Hain-Illfelder“
Die Ergebnisse von Scheibles Recherche: Die Unterschrift von Lucie Hain-Illfelder änderte sich im Laufe ihres Lebens. Während der NS-Zeit unterzeichnete sie Dokumente hauptsächlich mit Hain. Die Stadtarchivarin schließt nicht aus, dass sie das auch zu ihrem eigenen Schutz tat. Der Name Illfelder stand für ihre jüdische Herkunft, ihr Ehemann Karl Hain hingegen war nicht jüdisch.
Nach dem Krieg zeichnen die Quellen laut Scheible ein zunächst ambivalentes Bild, ab den 1960er Jahren lasse sich aber eine Präferenz für Hain-Illfelder erkennen. „Ab 1964 unterschreibt sie dann nur noch als Lucie Hain-Illfelder.“ Für die Stadtarchivarin ein wichtiger Beleg, dass dieser Name auf dem Gedenkstein sollte – als Name, mit dem sie sich offenbar zuletzt identifiziert habe.
Die Rätinnen und Räte schienen am Ende überzeugt, bedankten sich für die ausführliche Erklärung und votierten einstimmig für die Verlegung des Stolpersteins. Ein Termin dafür steht noch nicht fest, die Öffentlichkeit soll aber rechtzeitig informiert werden.