Die frühere Hochspringerin Gretel Bergmann – und eine außergewöhnliche Frau der deutschen Sportgeschichte – ist im Alter von 103 Jahren gestorben. Ein Nachruf.

New York - „See you in five years again“, rief die 102-Jährige Gretel Bergmann ihrem Besucher im Frühsommer 2016 in ihrem Haus im New Yorker Stadtteil Queens hinterher. Ja, auch in fünf Jahren wollte sie Menschen, die sich für ihre beachtliche Lebensgeschichte, aber auch den Menschen Gretel Bergmann selber interessierten, noch empfangen. Es war bis zuletzt der Lebensmut, der die außergewöhnliche Frau der deutschen Sportgeschichte auszeichnete. Sie hätte eine der bedeutsamen Olympiasiegerinnen werden können, wenn die Nationalsozialisten vor den Olympischen Spielen 1936 ihre Biografie nicht komplett verbogen hätten.

Würdigung einer außergewöhnlichen Lebensgeschichte

Zu ihrem 100. Geburtstag 2014 wurde in ihrer Heimatstadt Laupheim Sinatras Klassiker „I did it my way“ gespielt, als Würdigung einer außergewöhnlichen Lebensgeschichte der ehemaligen Hochspringerin Gretel Bergmann in einem dunklen Kapitel deutscher Geschichte, die lange im Verborgenen lag. Auch die Jüdin hatte an die fundamentale Aussage der Menschenrechtserklärung („Alle Menschen sind frei und gleich an Würde und Rechten“) geglaubt, bis ihr die Nationalsozialisten diese Illusion nahmen. Der Judenboykott 1933 hatte auch Bergmanns Leben grundlegend verändert. Sie wurde von den Nazis aus England nach Deutschland zurückgeholt, in der vermeintlichen Absicht, das deutsche Olympiateam bei den Olympischen Spielen 1936 in Berlin zu verstärken. Doch Bergmann war nur ein Lockvogel, um den drohenden Olympiaboykott der Amerikaner abzuwenden. Bergmann flog wenige Tage vor den Spielen aus dem Team und wurde von der Transsexuellen Dora Ratjen ersetzt. Der Schmerz der Jüdin saß auch deshalb so tief, weil sie mit ihrer Leistung des Deutschen Rekords von 1,60 Metern (1936 in Stuttgart aufgestellt) in Berlin die Goldmedaille gewonnen hätte.

Über Nacht eine Aussätzige

„Wie konnte es möglich sein, dass ich praktisch über Nacht eine Aussätzige geworden bin?“ schrieb sie später in ihrer Autobiografie („Ich war die große jüdische Hoffnung“). Statt Olympiasieg folgte gerade noch rechtzeitig die Emigration nach New York, wo sie bis jetzt im Stadtteil Queens gelebt hat.

Erst 1999 betrat sie wieder deutschen Boden und begann, sich mit ihrem Heimatland zu versöhnen. „Das heutige Deutschland hat meinen Hass nicht länger verdient“, diktierte sie anlässlich ihres 100. Geburtstags dem Autor versöhnliche Worte in den Block. „Bergmanns außergewöhnliche Lebensgeschichte verdient es, wachgehalten zu werden“, sagte Geburtstagsgast Ulrike Meyfarth, zweifache Hochsprung-Olympiasiegerin, und ergänzte: „Ein Olympiasieg ist nicht alles, Gretel Bergmann hat außergewöhnliche Charaktereigenschaften“. Der langjährige NOK-Präsident Walther Tröger würdigte die Bedeutung der ehemaligen Hochspringerin für den Sport damit, „wie sie mit den moralischen Verletzungen umgegangen ist“.

Dass zu Ehren Gretel Bergmanns 2014 auf dem Gelände des Berliner Olympiaparks ein „Gretel Bergmann-Weg“ just vor der ehemaligen Villa des Reichssportführer Hans von Tschammer und Osten, der die jüdische Sportlerin aus dem Olympiateam geworfen hatte, eingeweiht wurde, mag Ironie des Schicksals sein. Späte Genugtuung für große Ungerechtigkeiten ist es allemal.

Zufrieden mit dem Leben

„Ich bin zufrieden mit meinem Leben“, sagte Bergmann anlässlich ihres 101. Geburtstags, den sie im großen Kreis der Familie, Freunde und Bekannten im April 2015 feiern konnte, „es ist unglaublich, dass ich so alt geworden bin“. Ihre Lebensgeschichte kam 2009 als Film („Berlin 36“) in die Kinos. Am 12. April diesen Jahres, ihrem 103. Geburtstag, sagte sie ins Telefon: „Es geht mir wirklich gut.“ Gretel Bergmann Lambert ist am Dienstag in ihrem Haus im New Yorker Stadtteil Queens gestorben.

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