InterviewHochsprung-Star Marie-Laurence Jungfleisch vom VfB Stuttgart „Oh nein, schon wieder eine Hymne“

Von  

Die Hochspringerin Marie-Laurence Jungfleisch ist nach dem Gewinn der Bronzemedaille bei der Leichtathletik-EM in Berlin die glücklichste Frau – im Gegensatz zur Siegerin. Für sie hat die 27-jährige Athletin des VfB Stuttgart so gar kein Verständnis.

Am Ziel ihrer Träume: Marie-Laurence Jungfleisch gewinnt eine EM-Medaille. Foto: dpa
Am Ziel ihrer Träume: Marie-Laurence Jungfleisch gewinnt eine EM-Medaille. Foto: dpa

Berlin - Auch spät in der Nacht weiß Marie-Laurence Jungfleisch (27) noch nicht, wohin mit ihrem ganzen Glück. Aufgekratzt und strahlend läuft die Hochspringerin des VfB Stuttgart im EM-Club des Deutschen-Leichtathletik-Verbands (DLV) an der Budapester Straße in Berlin umher. Ihrem Trainer Tamas Kiss übergibt sie die Magnumflasche Henkel trocken, um die vielen Glückwünsche entgegen nehmen zu können.

Frau Jungfleisch, wird’s langsam anstrengend, so viele Hände zu schütteln?

Nein, es können gar nicht genug sein. Das ist meine erste internationale Medaille! Ich musste lange genug auf diesen Moment warten. Jetzt koste ich ihn voll aus.

Sie sie sind in der Vergangenheit schon oft kurz vor dem Ziel gestoppt worden. Wie viel Ballast fällt ab, wenn man es dann endlich geschafft hat?

Sehr viel. Ich trainiere ja seit Jahren hart, Tag für Tag – und habe trotzdem manches nicht erreicht, was ich erreichen wollte. Noch viel schlimmer wird es, wenn man nur ganz knapp scheitert und Vierte wird, so wie mir das schon öfter passiert ist. Um so größer ist daher die Freude, wenn man realisiert, dass es diesmal anders ist. Es ist ein wunderschönes Gefühl.

Sie haben im Olympiastadion bereits mit dem Feiern begonnen, noch während der Wettkampf lief. Dabei wussten Sie anfangs noch gar nicht, ob es Silber oder Bronze wird.

Das war mir in dem Moment total egal. Ich konnte ja eh nichts mehr dran ändern. Klar, Silber wäre auch schön gewesen. Aber auch Bronze macht mich total glücklich. Deshalb musste die Freude eben raus.

Goldmedaillengewinnerin Mariya Lasitskene hingegen wirkte nach ihrem Sieg, als sei sie gerade in der Qualifikation ausgeschieden.

Ja, das habe ich auch gesehen. So ist sie halt. Ich finde das schade.

Warum?

Es ist nicht schön für die Zuschauer. Die freuen sich doch viel mehr, wenn sich auch die Athleten freuen. Ich war schockiert, als ich gesehen habe, wie sie unmittelbar nach dem Wettkampf gegen die Bank geschlagen hat. Aber das ist ihre Sache. Wenn sie nicht zufrieden ist mit der Goldmedaille – mehr kann man ihr halt leider nicht anbieten.

Wird sich Lasitskene wenigstens bei der Siegerehrung am Samstagabend auf dem Breitscheidplatz freuen?

Keine Ahnung. Ich kann nur versichern, dass ich mich megamäßig freuen werde. Die Stimmung auf dem Breitscheidplatz soll ja auch ganz großartig sein. Ich freue mich sehr darauf.

Eine gute Idee von den Veranstaltern, die Siegerehrungen erstmals aus dem Stadion auszulagern und in die Stadt zu bringen?

Auf jeden Fall. Im Stadion geht eine Siegerehrung ja oft unter. Viele Zuschauer denken sich, o nein, schon wieder eine Hymne, jetzt müssen wir schon wieder aufstehen. Und auch viele Athleten nervt es, wenn ihre Wettkämpfe unterbrochen werden. Und jetzt kommen die Leute nur dort hin, um bei der Siegerehrung dabei zu sein. Das ist ein großer Unterschied.