Hochwasser Es ist nichts mehr, wie es vorher war

Von Harald Lachmann 

Das Hochwasser ist längst fort. Doch das Leben vieler Menschen hat sich nicht normalisiert. In Gemeinden wie Fischbeck in Sachsen-Anhalt türmen sich noch die Schuttberge in den Straßen. Und das Warten auf Hilfsgelder verschärft die Lage.

Nach dem Hochwasser liegt der Müll in manchen Orten noch immer auf der Straße. Foto: epd
Nach dem Hochwasser liegt der Müll in manchen Orten noch immer auf der Straße. Foto: epd

Fischbeck - Siegfried Schröder glaubte, er sei clever. Als die Flutwelle der Elbe Anfang Juni der Gemeinde Wust-Fischbeck näher kam, zog der gelernte Maurer kurzerhand eine Mauer vor seiner Haustür hoch. Gebracht hat es dem 63-Jährigen nichts: „Über Nacht war alles vorbei – unbegreiflich!“ Schröder kann es noch immer nicht fassen. Das Wasser ist einfach über die Mauer geschossen.

Tagelang stand der Elbe-Havel-Winkel im Norden Sachsen-Anhalts großflächig unter Wasser, ein Deich war gebrochen. Um die Lücke halbwegs zu schließen, sprengte die Bundeswehr schlagzeilenträchtig drei Lastkähne. Die Wracks landeten mittlerweile auf einem Schrottplatz in Stendal – gut 400 Tonnen Altmetall. Anstelle des geborstenen Deiches ragt nun eine Spundwand aus dem aufgeschütteten Erdwall. Die Elbe ließ hier lediglich einen Tümpel zurück.

80 Prozent der Häuser sind beschädigt

Lägen nicht immer noch Sandsäcke herum – knapp acht Wochen nach der Flut –, man könnte meinen, das Leben habe sich normalisiert. Doch für Schröder und die meisten in Fischbeck ist nichts mehr, wie es vorher war. 80 Prozent der Häuser sind beschädigt. Noch immer türmen sich Schutt- und Möbelberge in den Straßen, leben Dutzende Familien in Notunterkünften, fürchten Unternehmer um ihre Existenz. Bewohner klopfen den Putz von durchweichten Wänden und reißen faulige Dielen heraus. Aus vielen Häusern dröhnen die Trocknungsgeräte.

Und nur nahezu jeder zweite Betroffene ist versichert. „Trotzdem kommt das verfluchte Geld nicht an“, schimpft Schröder. Bereits am 5. Juli gab der Bundesrat grünes Licht für die Fluthilfe, doch die Auszahlung stockt. Der Bürgermeister der Gemeinde, Bodo Ladwig, fordert nun in einem offenen Brief im Namen aller Einwohner, dass man die Schäden in voller Höhe ersetzt bekommt. Denn in den betroffenen Gegenden haben die Menschen das Gefühl, man sei geopfert worden, um bedrohte Gebiete im Norden und Westen zu retten. Auch Sachsen, woher das Wasser der Elbe kam, kommt dabei nicht gut weg: Dort habe man sich abgeschottet, statt dem außer Rand und Band geratenen Fluss einiges von seiner Wucht zu nehmen, heißt es immer wieder.

Dieses Mal fielen die Flutschäden geringer aus als befürchtet

Am Ende vermeldete Sachsen-Anhalt mit rund 2,7 Milliarden Euro die deutlich höchsten Schäden aus jener zweiten „Jahrhundertflut“ binnen elf Jahren. Sachsen (1,9 Milliarden) und Bayern (1,3 Milliarden) folgen. In Niedersachsen, wohin die Elbe von Sachsen-Anhalt aus fließt, waren es 76,4 Millionen Euro. Dabei fielen die Flutschäden diesmal geringer als befürchtet aus. 2002 summierten sich die Verluste auf 13 Milliarden Euro.

Mithin war die Kurzvisite von Angela Merkel nicht zufällig gewählt, als sie vergangene Woche in Fischbeck einflog. Zwischen Wagner in Bayreuth, Wahlkampf an der Küste und Wandern in Südtirol gab die Kanzlerin noch einmal fix die Deichgräfin. Kurz bevor ihr Kabinett den acht Milliarden Euro schweren Fluthilfefonds von Bund und Ländern auf den Weg brachte, wollte sie sich vor Ort ein Bild machen. Sie hörte zu, gab sich betroffen, lächelte aufmunternd, doch sie versprach nichts. Lediglich die vage Zusage, „noch im August“ würde das erste Geld aus dem Fonds fließen, ließ sie zurück.